Wenn CH-Rap einen auf Pop macht…
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2020

«Das ist doch kein HipHop mehr!!!»

Wenn CH-Rap einen auf Pop macht…

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«Das ist doch kein HipHop mehr!!!»

Wenn CH-Rap einen auf Pop macht…

Tobias Brunner
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Wenn CH-Rap einen auf Pop macht…
Quelle:
Rapper*innen flirten mit Pop und kommen ihm dabei gefährlich nahe – ein Randphänomen? Nein, denn tausende aufstrebende Artists geraten täglich in die Klauen der Industriemusik und setzen dabei nicht nur ihren eigenen Ruf, sondern auch den der ganzen Szene aufs Spiel. Dabei stellt sich nur eine Frage: Ist das überhaupt so schlimm?

Man kann die Frage auch anders formulieren: Schadet es unserer Kultur, wenn sich Rapperinnen und Rapper gegenüber musikalischen Einflüssen von aussen öffnen? Wie man sieht, geht es auch ohne den Alarmismus, der gerne mal aufkommt, wenn es um dieses Thema geht. Zwei grosse Namen, an die man hier sofort denkt, sind Stress und Bligg. Ihre Ausflüge in den Pop-Mainstream waren vor allem dann problematisch, wenn der neue Erfolg zu einem gleichzeitigen Schweigen in sozialen und politischen Fragen geführt hat. So lauteten zumindest die Vorwürfe, die im Fall von Bligg wohl nicht ganz unbegründet waren.

«Ist das überhaupt noch Rap, ist es noch real? Bei Pop-Anbiederung geht es gleich um den Verrat an der Szene oder der Kultur. Der Vorwurf: Man verstellt sich, um ein gewisses Ziel zu erreichen.»

Die nachfolgende Generation rund um Lo & Leduc und Steff La Cheffe hat diesen Spagat um einiges besser hinbekommen: Massentauglichkeit und ein intakter Wertekosmos waren plötzlich kein Ausschlusskriterium mehr. Dabei spielte wohl auch die Einbettung in die stark politisierte Berner Szene eine entscheidende Rolle.

Sellout-Rufe, die in anderen Genres gang und gäbe sind, spielen im HipHop eine untergeordnete Rolle – also zumindest in der Theorie. Der Kontostand markiert den Erfolg und damit den gesellschaftlichen Aufstieg, kurz: Man hat es geschafft. Entsprechende Vorwürfe gibt es besonders von der Realkeeper-Fraktion trotzdem – diese laufen aber über andere Begrifflichkeiten: Ist das überhaupt noch Rap, ist es noch real? Statt um Ausverkauf geht es gleich um den Verrat an der Szene oder der Kultur. Der Vorwurf bleibt der gleiche: Man verstellt sich, um ein gewisses Ziel zu erreichen.

«Ausflüge in den Pop-Mainstream waren vor allem dann problematisch, wenn der neue Erfolg zu einem gleichzeitigen Schweigen in sozialen und politischen Fragen geführt hat.»

In den bisher genannten Beispielen bezieht sich der Begriff Pop auf die Popindustrie als System, Artists bewegen sich darin als Teil eines Geflechts aus Majorlabels, Sponsoren und Medien, das auf den maximalen Erfolgt ausgerichtet ist. Eine Anbiederung an den Musikgeschmack von Herr und Frau Schweizer kann also durchaus vorkommen. Man kann Pop aber auch einfach als Genre definieren, das gleichberechtigt neben Rap, Rock, Jazz etc. steht. Viele Musiker*innen fallen unter beide Pop-Definitionen, manche sind Teil der Popindustrie, obwohl sie ein anderes Genre bedienen, andere wiederum machen perfekten Radio-Pop und werden trotzdem nirgends gespielt.

Interessant ist, dass vor allem auch Pop als Genre für Schweizer Rapper*innen in der letzten Zeit immer attraktiver wurde. Die Gründe, warum es Artists zu Pop-Sounds hinzieht, können dabei so vielfältig wie verborgen sein. Kaum jemand würde wahrscheinlich zugeben, dies aus kommerziellem Kalkül zu tun. Überprüfen lässt sich das im Zweifel nicht, auch würde es uns als Musikmedium nicht gut zu Gesicht stehen, hier vom Schlimmsten auszugehen. Dass eine Annäherung an Radiostandards, wenn auch nur unterbewusst, durchaus passiert, haben wir in einem früheren Artikel thematisiert, den du hier findest:

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Ein Beispiel, das zeigt, wie Pop-Sounds Teil einer organischen musikalischen Entwicklung sein können, ist die Karriere von Nemo, der immer wieder mit seinem Soundbild experimentiert hat und mit dem Projekt Not Nemo mit aller Konsequenz in Richtung Pop ging. Auch der Basler Sherry-ou hat einen ähnlichen Genrewechsel durchgezogen, wobei der Kontrast zu den eigenen Ursprüngen noch einmal grösser ist. Funktioniert hat es bei beiden irgendwie – und trotzdem ist der Gang in poppige Sphären immer auch ein Scheidepunkt: Wie reagieren Hörer*innen, Fans, die Szene und nicht zuletzt auch die Musikpresse – also wir – darauf?

Es ist menschlich und nachvollziehbar, dass man aus einem Reflex heraus zuerst einmal kritisch gegenüber solchen Pop-Projekten eingestellt ist. Genügend Beispiele in der Vergangenheit haben gezeigt, wie schief das gehen kann. In der Schweizer Raplandschaft steht dabei Gimma an erster Stelle, der nach zwei legendären Alben 2009 das Pop-Album »Hippie« veröffentlicht hat. Dieses sonderbare Machwerk war ein Unfall epochalen Ausmasses und wurde auf Wunsch der Überlebenden ganz schnell ins kollektive Unterbewusstsein verdrängt.

»Das Reizwort Pop hat in der Szene das ein oder andere Trauma hinterlassen.«

Auf internationaler Ebene ist »Rebirth«, Lil Waynes Versuch eines Rockalbums von 2010, in ähnlich schlechter Erinnerung geblieben. Vor allem sein Auftritt beim MTV-Unplugged ein Jahr später, das eigentlich ein Ritterschlag in der Pop-Szene ist, war musikalisch unter aller Sau und hat dem eh schon schwächelnden TV-Format zumindest in den USA erstmal den Garaus gemacht. Dass es sehr wohl besser gehen würde, hatten einige Jahre zuvor schon Acts wie Jay-Z, Lauryn Hill oder Erykah Badu gezeigt, die mit ihren Unplugged-Auftritten glänzen konnten.

Auch wenn diese Beispiele ganz gut erklären, warum das Reizwort Pop in der Szene das ein oder andere Trauma hinterlassen hat, muss man doch feststellen, dass sich die Zeiten geändert haben. Mittlerweile wird sich wahrscheinlich kaum noch jemand an solche Ausfälle erinnern, auch die Bereitschaft, sich auf rap-fremde Sounds einzulassen, scheint gestiegen zu sein. Ein Grund dafür ist der fortschreitende Erfolg von HipHop, der auch zu einer musikalischen Verbreiterung des Sound-Spektrums geführt hat.

»Die Bereitschaft, sich auf rap-fremde Sounds einzulassen, ist gestiegen. Ebenso die musikalische Qualität solcher Ausflüge in den Pop.»

2020 scheint einfach viel mehr möglich zu sein. Auch ist die musikalische Qualität solcher, zum Teil auch längerfristigen Ausflüge in den Pop eindeutig gestiegen. Interessant ist das vor allem, wenn man bedenkt, dass damals sowohl Gimma als auch Lil Wayne – was eine Aufzählung – auf Produzentenseite professionelle Hilfe hatten, letzterer etwa mit Travis Barker, der es eigentlich können müsste. Schlecht war das Endresultat trotzdem.

Kommen wir zurück zu (Not) Nemo und dessen musikalischer Neuerfindung, die uns wieder zur Frage führt, wie wir als Rapszene auf genre-bending Artists, wie es so (un-)schön heisst, reagieren. Zumindest für uns beim LYRICS Magazin war der Fall ziemlich klar: Darüber muss berichtet werden – und zwar nicht nur, weil es ein kontroverses Thema ist. Denn genau so klar war auch, dass Nemo weiterhin unseren Support hat. Der Grund ist einfach: Er gehört zur Szene. Punkt.

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Um das zu verstehen, reicht ein Blick auf seine Origin Story, die wohl ähnlich ikonisch ist wie die von bekannten Comicsuperhelden: Beim Bounce Cypher 2016 als Underdog in den Ring gestiegen und den ganzen bösen Rappern gezeigt, wer hier der Boss ist. Ohne das jetzt noch weiter zu glorifizieren, muss man einfach anerkennen, dass Nemo da eindeutig abgeliefert und sich seinen Platz im CH-Rap gesichert hat.

Was ich damit sagen will: Rap mag sich als Genre in einem eng abgesteckten Bereich bewegen, was gerade die Oldschool-Anhänger – Shoutout an unsere Facebook-Community – besonders unterschreiben würden. Gleichzeitig war und ist die HipHop-Szene immer offen gewesen für neue Einflüsse, denn nur so kann die Kultur lebendig bleiben. Und eigentlich ist es auch schön, dass HipHop mittlerweile so gross ist, dass alle möglichen Menschen mit verschiedensten musikalischen Styles, Identitäten und Ideen vom grossen Ganzen darin einen Platz finden. Wenn es dann auch qualitativ passt, was momentan oft der Fall ist, kann das gut auch Popmusik sein.

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