Tiefe Einblicke in neuer Biografie über Stress
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November
2022

Wie Stress einmal Bligg das Bein brach

Tiefe Einblicke in neuer Biografie über Stress

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2022

Wie Stress einmal Bligg das Bein brach

Tiefe Einblicke in neuer Biografie über Stress

Luca Mosberger
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Tiefe Einblicke in neuer Biografie über Stress
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Im neu erschienenen Buch «179 Seiten Stress» erzählt der Lausanner Rapper dem Journalisten Daniel Ryser Anekdoten aus seinem turbulenten Leben. Im Buch erfahren wir mehr über seine traumatische Kindheit im besetzten Estland, Rap Beefs hinter den Kulissen, Verrücktes aus seiner Fehde mit der SVP und vieles mehr.

Zunächst hatte der renommierte Reporter Daniel Ryser die Anfrage abgelehnt, eine Biografie über den Schweizer Star-Musiker zu schreiben. Was ihm aber Stress bei einem gemeinsamen Mittagessen dann erzählte, beeindruckte den Journalisten zutiefst und erwog ihn dazu, das Angebot trotzdem anzunehmen. In der Biografie werden in authentischer Form die Erzählungen des Künstlers während ihrer Gespräche wiedergegeben. Seine detaillierte Schilderungen über erlebte häusliche Gewalt, Depressionen und Aggressionsprobleme gehen unter die Haut. Das Buch ist seit Wochenende überall erhätlich.

[1] Aufwachsen in der Hölle

Andres Andrekson, wie Stress bürgerlich heisst, wuchs im damals von der Sowjetunion besetzen Estland auf. Das Land war aufgrund der Besetzung völlig verarmt und die Lebensumstände katastrophal. Dazu kam der gewalttätige Vater, der nicht nur die Mutter, sondern sogar einmal den eineinhalbjährigen Andres brutal verprügelte und dabei fast tötete. Die Familie musste vor dem gewalttätigen Mann aus der Wohnung fliehen und bei Freunden unterkommen. Weder der Staat noch der Vater stützte die Familie finanziell, weshalb sie hungern mussten. Dazu kamen weitere erlebte Grausamkeiten, wie etwa die Survival of the Fittest-Mentalität an seiner Schule oder als dem jungen Andres ohne Narkose die Rachenmandeln entfernt wurden.

[2] Die Anfänge

Im Buch wird detailliert geschildert, wie der junge Stress, frisch in der Schweiz angekommen, seine Liebe zu HipHop entdeckte. Als er die Sendung «Yo! MTV Raps» schaute, packte ihn bei einer Performance von Big Daddy Kane die Faszination für das damalige Underground-Genre HipHop. Vom Tanz fand er schliesslich den Weg zum Rap und landete schnell in seiner ersten Rap Crew, Double Pact. Von da an waren es Mobb Deep, RaekwonWu-Tang und die französische Gruppe NTM, die ihn am meisten prägten. Mit ihren rohen, aggressiven Texten, die die Missstände der Gesellschaft unzensiert an den Pranger stellten, konnte sich der Jugendliche voll und ganz identifizieren. Es war Double Pact-Mitglied Nega, welcher ihm seinen Künstlernamen gab: «Du bist immer so gestresst, stressig, was ist los mit dir?» Mit den neuen Einblicken in die Lebensgeschichte des Rappers wird diese Frage beantwortet. Im Grossen und Ganzen kann man sogar von einem Wunder sprechen, dass Stress nach all den erlebten und überlebten Extremsitutationen noch immer unter uns weilt.

[3] Schwere Aggressionsprobleme

Das Buch beginnt mit einem bizarren Geständnis des Rappers: Während einer Zeit, in welcher er von einem Autohersteller gesponsert worden war, hatte er fünf oder sechs mal aufgrund von extremen Wutanfällen das Lenkrad mit den blossen Fäusten kaputtgeschlagen. Er verstand zuerst selbst nicht, weshalb er diesen «bösartigen Impulsen» völlig ausgeliefert war und woher sie kamen. Seine Therapeutin konnte aber mit ihm das Gefühlschaos entwirren: In den traumatischsten Momenten seines Lebens hatte sich Stress immer wieder völlig machtlos gefühlt. Dasselbe schlimme Gefühl, keine Kontrolle zu haben, kam mehrfach im Autobahnstau wieder zurück.

[4] Rap-Beefs

Zu Beginn seiner Karriere war der damals 18-jährige Stress mit seiner Crew Double Pact öfters in Paris für Konzerte und um im Studio Songs aufzunehmen. Dabei geriet er mit den Rappern Daddy Lord C und Kohndo der französischen Rapcrew La Cliqua aneinander. Diese stürmten mit mehreren Schlägern in das Studio und bedrohten Stress, ohne das dieser wusste, weshalb. Ein Unbekannter, der behauptet hatte, ein Freund von Stress zu sein, hatte den Balkon von Daddy Lord C's Tante in Lausanne angezündet. Bis Stress diesen nicht zusammenschlagen würde, hätten sie Paris-Verbot. Zum Glück konnte er das Problem dann aber ohne Gewalt lösen.

Später im Buch thematisiert Stress seine Beziehung und seinen Beef mit Bligg. Während die beiden über lange Zeit hin gute Freunde gewesen waren, knallte es auch immer wieder mal zwischen ihnen aufgrund ihrer kompetitiven Natur. Beim Red Bull Soundclash konnte Bligg, wie es Stress schildert, seine Beleidigungen nicht sportlich einstecken und sei nach dem Konzert ausgerastet. Auch abseits der Bühne endeten Wettkämpfe der beiden oft im Schlechten: Aus einem spassigen Boxkamp wurde Ernst und Stress brach Bligg eine Rippe, bei einem Photoshoot mit Schwingerhosen war es Bligg's Bein, welches brach. Mittlerweile hat sich ihre Beziehung aber entspannt und die beiden treffen sich jährlich zu einem Essen, um über das Musik-Business zu reden.

[5] Stress vs. die SVP

Dass Stress nichts von der Politik der rechtskonservativen SVP hält ist kein Geheimnis. Mit Songs wie «Fuck Blocher» oder «Mais où» schoss der Rapper gegen die wähler:innenstärkste Partei des Landes und verurteilte ihre populistische und ignorante Angstpolitik. Wie Stress erzählt, wollte sich Christoph Blocher wohl mit ihm bei einem Konzert treffen. Stress hatte ihn im Vorfeld dazu aufgefordert, eines seiner Konzerte zu besuchen, um sich ein weniger einseitiges Bild über die Menschen zu machen, die in seinem Land wohnen würden. Als Stress jedoch ahnte, dass es sich nur um einen PR-Stunt handeln würde und Fotos ihres Treffens verbot, sagte Blocher schliesslich ab. SVP-Miglied Oskar Freysinger hingegen vermied keine Konfrontation. Seine Fehde mit Stress gipfelte sich in einem Live-Streitgespräch im Radio als Antwort auf «Mais où», in welchem der Politiker eine Art Disstrack gegen den Rapper performte und ihn darin aufs Übelste beleidigte. Der Rapper würde bald tot sein und er würde auf sein Grab pissen, zitiert Stress Freysinger aus seiner Erinnerung. Die Sendung musste abgebrochen werden.

Auch in der Weltwoche-Zeitschrift von SVP-Nationalrat Roger Köppel wurde einmal scharf gegen den Künstler geschossen. Die Telekommunikationsfirma Sunrise beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit Stress, weil dieser für ihre Kundschaft zu kontrovers sein könnte. Coop hingegen machte genau das Gegenteil und entfernte ihre Inserate aus der Weltwoche, damit ihre Partnerschaft mit dem Rapper authentisch blieb. Daraufhin entschuldigte sich die Zeitschrift und meldete sich beim Management von Stress, um eine positive Story über ihn zu schreiben. Trotz einem kompromisslosen «Fuck You» von Seiten des Rappers schrieben sie dann einen netten Text über ihn, um die Coop-Inserate zurückzubekommen.

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