Newcomerin LOU KAENA im Interview zu ihrem Debütalbum
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Newcomerin LOU KAENA im Interview zu ihrem Debütalbum

Luca Mosberger
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Newcomerin LOU KAENA im Interview zu ihrem Debütalbum
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LOU KAENA ist eine der spannendsten Newcomer:innen des Jahres. Im Interview sprach sie mit uns über ihr Debütalbum «Faire de la place», Sexismus in der Rap-Szene, Support von Nativ und das Abschliessen mit einer schweren Vergangenheit.

Die Zürcher Newcomerin hat sich innerhalb von nur einem Jahr ein solides Standing im CH-Rap erarbeitet. Die Cosign's von Szenegrössen wie Tommy Vercetti, Nativ und Luuk kommen nicht aus dem Blauen: Gemeinsam mit ihrer Crew, dem Team Bassment, hat die 16-Jährige ein neues Soundbild auf die Karte gebracht und dabei grosses musikalisches Talent bewiesen. Ihre spezielle Fusion aus French Rap, RnB und Pop wird ganz ihrem Leitsatz «Tryin' to create my own lane» gerecht. Der Release ihres Debüts «Faire de la place» markiert ihre Ankunft in der Szene und liefert ein reichhaltiges Buffet an musikalischen Einflüssen und Emotionen. Im Treffen mit LOU KAENA und den anderen beiden Bassment-Mitgliedern, $aiD und Bazdo, lernen wir sie besser kennen.

Von links nach rechts: Bazdo, LOU KAENA und $aiD.

LOU KAENA ist nicht dein bürgerlicher Name. Aus was setzt sich dein Künstlername zusammen?

Lou ist wirklich mein erster Name, aber alle, auch meine Eltern, nennen mich bei meinem zweiten Namen: Nausicaa. Kaena ist ein Andenken an meinen Grossvater, der aus Algerien stammt. Der Name basiert auf eine Legende aus Kabylei, die Region, in der er lebte. Kaena, dort geschrieben Kāhina, war eine Kriegerin. Ich finde die Geschichte sehr schön und konnte mich gut mit Kāhina identifizieren. Deshalb habe ich diesen Namen dann auch sehr spontan angenommen. Ich stand bei der Namensfindung unter sehr grossem Druck. (lacht) Ich hatte nur noch einen Tag Zeit, bis «Chéri» veröffentlicht werden sollte. Den ganzen Tag ging ich auf und ab, dachte «Was mache ich jetzt?!» - kompletter Nervenzusammenbruch. Aber ich bin jetzt sehr zufrieden mit dem Namen.

Du bist bilingual aufgewachsen und singst und rappst auf Französisch. Du hast mal erwähnt, dass auch Musik in anderen Sprachen in Planung sei.

Bisher ist es nur bei der Idee geblieben. Ich hätte schon mal Lust, etwas auf Hochdeutsch zu machen. Für den Moment fühle ich mich aber wohl mit Französisch. Abgesehen von einem kleinen Experiment habe ich aber noch nichts in diese Richtung gemacht.

Warum nicht Mundart?

Ich glaube, ich fände das im Schreibprozess mega schwierig. Never say never, aber im Moment fühle ich mich zu fest wohl im Französischen.

Auf deinem Album geht es nach meinem Verständnis vor allem darum, Wunden aus der Vergangenheit zu heilen. Wie würdest du «Faire de la place» in eigenen Worten beschreiben?

Was du gesagt hast, fasst das ganze eigentlich gut zusammen. Ich sehe das Projekt als ein «Verarbeitungsalbum». Fast jeder Track entstand aus einer starken Emotion. Bei «Qui?» zum Beispiel war ich richtig wütend und frustriert. Bei «Paix» geht es darum, abzuschliessen und Frieden zu finden, mit sich selbst und vor allem der Vergangenheit.

Musikalisch finden sich auf deinem Album Einflüsse aus HipHop, RnB sowie auch französischem Rap und Pop. Welche Artists haben dich am meisten beeinflusst?  

Ich glaube, ich wurde stark von der Musik aus meiner Kindheit beeinflusst, vielleicht auch im Unterbewussten. Zum Beispiel Michael Jackson oder Vanessa Paradis, das haben meine Eltern immer gehört. Im Moment höre ich am meisten französischen Rap wie PNL und Niska. Das hört man sicher raus. Ich höre aber auch viele Female Artists wie Lous and The Yakuza, Aya Nakamura und Shay. Apache 207 hat mich sicher auch beeinflusst, das hört man ein bisschen auf «Mémoire».

Nach nur wenigen Releases bekamst du Cosigns von hochkarätigen Vertretern der ganzen Szene, darunter Lo & Leduc, Mimiks, Nativ, Luuk, Tommy Vercetti und viele mehr. Welcher Cosign hat dich am meisten gefreut?

Wow, gute Frage. Ich glaube Tommy, weil er eigentlich für alle anderen bereits eine Inspiration war. Bei ihm als Pre-Act spielen zu können war ein Riesenprivileg. Ich habe mich aber auch sehr über Luuk gefreut, weil er der erste war, wenn ich mich richtig erinnere. Aber ebenso riesig habe ich mich über Nativ gefreut, und er war mega cool zu uns.

$aiD: Nativ war unglaublich. Er hat uns an seine Listening Party eingeladen. Er hat uns an seine Release Party eingeladen. Er hat uns in sein Studio eingeladen. Alles immer völlig im freundschaftlichen Rahmen, nur geteilte Leidenschaft und Grosszügigkeit.

Lou: Wir haben auch schon einmal zusammen etwas aufgenommen. Es war  ein Kennenlernen und Austauschen. Bazdo und Nativ haben auch einen Beat zusammen gemacht. Ich glaube, es ist ihm ein grosses Anliegen, junge Artists wie uns zu pushen.

Du bist erst 16 Jahre alt und gehst aktuell noch zur Schule. Wie hast du es geschafft, parallel zu deinem Schulleben dein Debütalbum aufzunehmen? War das schwierig?

Mittlerweile kann ich gut damit umgehen. Letztes Semester war wirklich knapp, ich musste ein wenig herausfinden, wie das funktioniert. Es ist wirklich dieser Schule-Nach-Hause-gehen-Studio-Zyklus. Letztes Jahr war wirklich knapp, da wäre ich fast durchgefallen. Jetzt gebe ich mir in der Schule viel Mühe, aufmerksam zu sein, und lerne viel am Wochenende. So konnte ich das auch mit meinen Eltern regeln. Das kommt mit einer hohen Belastung, aber funktioniert für den Moment. In Prüfungsphasen kann ich dann halt leider nicht ins Studio, aber das ist ja zum Glück nicht immer der Fall. In diesen Zeiten übernimmt Nadim, also $aiD, vieles, was gerade nicht eng mit dem kreativen Prozess verbunden ist, um mich zu unterstützen.

«Man wird als Frau im HipHop oft nicht ernst genommen oder unterschätzt. Niemand sagt zu Lexi «Aww jööö, bisch nervös?» vor dem Cypher.»

Der Song «Qui?», welchen du schon am Cypher previewt hast, hebt sich vom Ton her vom Rest des Albums stark ab und ich finde, du hast etwas sehr Spannendes darauf gemacht. Um was geht es auf dem Song?

Cool dass du fragst. Auf «Qui?» geht es um das Ungleichgewicht und die grosse Ungerechtigkeit in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Es gab Phasen, in denen ich lange enorm wütend war wegen Sexismus, den ich erlebt habe, immer wieder auch persönlich. Alltäglich sind irgendwelche Dinge passiert, die mich richtig wütend gemacht haben und die sich dann vor meinem inneren Auge in Dauerschleife abspielten. Meine Mutter gab mir dann irgendwann die Idee, diese ganze angestaute Wut in einem Track zu verarbeiten, und ich war von der Idee sofort überzeugt. $aiD, Bazdo und ich haben dann zusammen ein Mindmap erstellt mit allen Dingen, die ich sagen wollte, und hatten dann die Hook und den ersten Vers schon nach einer halben Stunde fertig. Ich liebe den Song und er gibt mir auch viel Kraft. Und ich hoffe, das tut er auch für andere FLINTA-Personen, und generell alle, die sich mit der Message identifizieren können.

In welcher Form erlebst du diesen Sexismus, um den es im Song geht?

Es waren ständige Übergriffe. Ein Teil davon liegt in der Vergangenheit, weil ich vor eineinhalb, zwei Jahren aus einem gewissen Umfeld ausgebrochen bin. Diese Zeit verarbeite ich auch auf dem Album. Aus toxischen Beziehungen auszutreten, darum geht es auch auf «Bye Bye». 

«Es ist mein Ziel, ein Vorbild für andere Frauen zu sein. Nicht nur in der Musik, denn Frauen sind fast überall unterrepräsentiert.»

In der Schweizer HipHop-Szene sind Frauen massiv unterrepräsentiert. Warum glaubst du, ist das der Fall?

Es ist wahrscheinlich schon härter als Frau. Man wird oft nicht ernst genommen oder unterschätzt. Ich musste mir schon oft Dinge wie «Aww jööö» anhören, das macht man bei einem männlichen, gleichaltrigen Newcomer wohl kaum. Niemand sagt zu Lexi «Aww jööö, bisch nervös?» vor dem Cypher. So etwas ist mir wahnsinnig unangenehm.

Bazdo: Es ist auch dieses HipHop-Rollenbild. Rap wird fast ausschliesslich mit Männern wie mit einem 50 Cent assoziiert und bisher mit nur wenigen Frauen. Wenn mehr Frauen rappen, ändert sich das irgendwann vielleicht. Es ist auch ein grösserer Schritt, sich als Frau in die HipHop-Szene zu begeben, weil sie eben sexistisch ist.

Lou: Ich glaube, dass aktuell Veränderung stattfindet und es auch Menschen gibt, die Frauen im HipHop fördern. Ich hatte bisher das grosse Glück, viele dieser Menschen aus der Szene anzutreffen. Es freut mich auch, dass ich ein Teil dieser Veränderung sein darf. Aber es ist auch definitiv Zeit für Veränderung. Es ist mein Ziel, ein Vorbild für andere Frauen zu sein. Nicht zwingend nur in der Musik, sondern auch im Allgemeinen. Frauen sind fast überall unterrepräsentiert.

«Die Musik funktioniert ja trotzdem, weil es für die Emotionen in den Songs keine Sprachbarriere gibt.»

Auf dem Album gibst du einen tiefen Einblick in deinen Kopf und in schwere Zeiten aus deinem Leben. Ist es für dich schwierig, dich vor einem solch grossen Publikum auf diese Weise zu öffnen oder eher befreiend?

Wirklich vor allem befreiend. Ich habe mich mit jedem Song leichter gefühlt. Ich habe auch keine grosse Angst davor, für meine Texte in irgendeiner Form Hate zu bekommen, weil im Moment auch nicht besonders viele Menschen sie verstehen. Die Musik funktioniert ja trotzdem, weil es für die Emotionen in den Songs keine Sprachbarriere gibt. So schütze ich mich gewissermassen mit der französischen Sprache, und kann trotzdem meinen Ballast abladen. Aber das ist auch ein kleiner Widerspruch von mir, denn eigentlich würde ich mir schon wünschen, dass alle meine Texte verstehen. Früher hatte ich mehr Probleme damit, mein Inneres einem grossen Publikum zu offenbaren. Das ist zunehmend weniger der Fall.

Durch die französische Sprache hast du auch bereits ein internationales Publikum, darunter 600 Hörer:innen in Paris. Würdest du auch im Ausland eine Karriere verfolgen wollen?

Am liebsten möchte ich als erstes meine Karriere in der Schweiz festigen. Wenn das geklappt hat, würde ich es sicher irgendwann in Frankreich probieren. Das wäre auf jeden Fall ein Ziel für mich. Aim High.

«Der Albumtitel «Faire de la Place» hat zwei Bedeutungen: Es geht einerseits darum, Platz in mir zu schaffen und mit der Vergangenheit abzuschliessen. Andererseits auch im Sinne von: Macht Platz für mich!»

Das ganze Album ist in enger Zusammenarbeit mit dem ganzen Team Bassment entstanden. Wie waren Bazdo und $aiD am Albumprozess beteiligt?

Seraphin, also Bazdo, hat alle Beats auf dem Album produziert, nur «Pardon» entstand gemeinsam mit dem Producer Rxcket. Dazu hat er auch noch das Mixing übernommen, das Mastering stammt von Sperrow. Nadim, also $aiD, hat so unglaublich viel gemacht. Er hat fast jeden Track mit mir gemeinsam geschrieben und aufgenommen. Wir brainstormen gemeinsam, was ich sagen will, und ich schreibe dann den Songtext. Es gibt aber schon Songs, die ich ganz alleine gemacht habe. Aber meistens ist es ein bisschen Ping Pong. $aiD ist der Manager vom Team Bassment. Er hat unglaublich viel organisiert, darunter die Musikvideos, Plakate, Stickers, das Cover, das Booking und vieles mehr. Er ist auch der, der uns immer schreibt: «Das musst du noch machen», «Mach das endlich», «Das darfst du nicht vergessen». (lacht) Er hat nicht mal eine Agenda. Ich habe eine, aber er macht das besser als ich. Und da sind wir auch sehr froh darum. Wir könnten das alles ohne ihn nicht so machen wie wir es gerade tun.

$aiD: Ich habe aber auch sehr viel gelernt von Lou. Ich bin ein Macher und bei mir muss alles schnell gehen. Wir waren jetzt seit über einem Jahr an diesem Album, zwar mit ein paar Pausen dazwischen. Aber die hat es gebraucht, gerade für die geniale Kreativität dieser zwei Menschen. Stress ist dabei nicht sehr hilfreich.

Lou: Du musst wissen, Bazdo und ich sind sehr verhängt (lacht). Sehr verträumt. Und $aiD überhaupt nicht.

$aiD: Deshalb glaube ich auch, dass wir so gut zusammen spielen können. Ich bin vielleicht manchmal ein zu grosser Stresskopf, sie sind ein bisschen zu verhängt. So ergänzen wir uns.

«Pas la fin», also «Nicht das Ende», ist der letzte Song auf dem Album. Schliesst du damit ein altes Lebenskapitel ab und beginnst ein Neues?

Es ist wirklich auf eine Art die Conclusion vom Album, jetzt bin ich da angekommen, wo ich hinwollte. Aber damit ist nicht fertig, es hat gerade erst begonnen. Das ist ja auch ein bisschen die Zweideutigkeit zu «Faire de la Place». Es geht einerseits darum, Platz in mir zu schaffen und mit der Vergangenheit abzuschliessen. Andererseits auch im Sinne von: Macht Platz für mich! Der Song ist als einer der letzten entstanden und beschreibt meinen Gemütszustand im Moment am besten. Mit der Vergangenheit habe ich abgeschlossen und jetzt bin ich ready durchzustarten.

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