Stereo Luchs - «Stereo Luchs» Review
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Album des Jahres?

Stereo Luchs - «Stereo Luchs» Review

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Luca Mosberger
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Vier Jahre nach dem gefeierten Vorgänger «LINCE» erscheint jetzt «Stereo Luchs», das neue self-titled Album des Mundart-Dancehall-Künstlers. Ich habe mich mit Stereo Luchs getroffen und mit ihm über sein neustes Werk gesprochen.

Ich treffe Silvio Brunner im Café Lochergut im Kreis 3. Im Hoodie seines Labels «Pegel Pegel» und mit einem Schal des deutschen Production-Kollektivs KitschKrieg um den Hals setzt er sich an den Tisch und bestellt einen Ingwer-Tee, witzelt darüber, dass die grausame kalte Jahreszeit ihn dazu zwingt Tee statt Kaffee zu trinken.

Neben ein paar Features und seiner kurzen «Off Season»-EP war es lange still um Stereo Luchs. Das letzte Mal auf der Bühne stand er beim LYRICS Festival 2020. Nun beginnt für ihn so langsam wieder das Tourleben. Der Gastauftritt auf der Phenomden-Tour scheint ihm gut getan zu haben. 

Stereo Luchs (rechts) und Phenomden in der Roten Fabrik. Quelle: Instagram

«Ich gewöhne mich schnell daran, lange nicht auf der Bühne zu stehen, weil ich faul bin. (lacht) In der Coronazeit merkte ich dann aber schon, das was fehlt. Die Resonanz und die Vibes einer Liveshow sind halt durch nichts ersetzbar. Ich hatte nur noch Studio Sessions und Videocalls mit meinem kleinen Team. Ich bin zwar sowieso als Person eher ein Einzelgänger, aber der fehlende Austausch hat dann in diesem Ausmass sogar mir etwas ausgesetzt.» Er ist bestimmt nicht der einzige Künstler, der sich nach der Rückkehr zur Normalität sehnt. In seinem Umfeld habe es zwar Musiker:Innen gegeben, die in dieser Zeit sehr kreativ und produktiv gewesen seien, die meisten aber nicht so sehr.

Auf dem neuen Album fusioniert der Zürcher wie bereits auf seinen letzten beiden Projekten Dancehall-Takte und-Melodien mit modernem Trap. Über die Jahre hat er konstant an seinem eigenen Genre getüftelt. Das Resultat sind rythmisch spannende und stimmige Tracks, die mit ihrer Melancholie den Nerv des Zeitgeists treffen. Obwohl sich die Soundformel seit «LINCE» nicht massiv verändert hat, zeichnen sich deutlich neue Einflüsse in den Songs ab. Blues, Soul und auch Gospel-Sounds werden in die grandios klingenden Instrumentals eingewebt, machen sich hier und da bemerkbar. Sein eigenes Genre zu benennen, fällt ihm schwer: «Ich versuche einfach möglichst, meine eigene Schiene zu fahren. Es ist auch sehr angenehm, dass meine Musik gar keinen Hashtag haben muss.»

Trotzdem ist es ihm wichtig, seine Inspirationen klar zu benennen und ihnen Tribut zu zollen. Auf «Blue Notes» singt er darüber, wieviel ihm Afroamerikanische Musik bedeutet und wie stark sie sein Leben beeinflusst hat. Im Refrain singt er: «Wär nöd de woni bin, ohni Blue Notes kei Musig woni sing». Ohne Black Music kein Stereo Luchs; da ist sich Silvio Brunner sicher. «Die Musik hat mich und die Leute in meinem Umfeld quasi mitsozialisiert und auch politisiert.»

Kaum eine andere Musikrichtung als Hip-Hop hat in den letzten 30 Jahren eine vergleichbare Evolution erlebt. Die moderne Popmusik und -kultur lebt zu grossen Teilen von den Einflüssen von afroamerikanischer Musik und -Kultur. Die «Black Lives Matter»-Debatte im Sommer 2020 weckte in ihm das Bedürfnis, der Kultur den gebührenden Respekt zu zollen und die eigene Dankbarkeit dafür auszudrücken.

Bei der Entstehung des neuen Albums stand schon sehr früh das Cover fest, ein Porträt von Stereo Luchs vor einem rot-orangen Hintergrund. Das Bild wirkt persönlich und nachdenklich. Danach den Titel zum Album zu finden, fiel Stereo Luchs schwer. «Es war alles in Kombination mit dem Bild irgendwie cringy. Das Cover ist sehr speziell und es hat etwas Ehrliches, etwas Nachdenkliches. Sobald ich dem Bild einen Titel gab, der auch in diese Richtung ging, wurde es sofort too much. Am Ende hat nichts gepasst und dann mussten wir abgeben. (lacht) Nein, Spass. Das Album «Stereo Luchs» zu nennen hat sich dann einfach richtig angefühlt.» Das Album repräsentiert auf viele Arten das, was Stereo Luchs als Künstler ausmacht. Ein wiedererkennbares und einzigartiges Soundbild trotz neuer Einflüsse und kreativen Ideen, cleveres Songwriting und persönliche Einblicke in die Gefühlswelt des Künstlers. Gerade weil es so ein persönliches Album ist und es hauptsächlich um Stereo Luchs und was ihn als Person ausmacht geht, passt der Albumtitel sehr gut. 

«Stereo Luchs» ist in vielen Aspekten ein sehr ehrliches und persönliches Album. Auf «Nüm mir» singt Luchs über eine Beziehung, die aufgrund ihrer Entwicklung keine Zukunft mehr haben kann. Auf «Immer wieder» thematisiert er die selbstzerstörerischen Seiten des Party-Lifestyles. Die Gefühle sind alle echt, die Geschichten wurden vom Leben geschrieben. Doch seine Erlebnisse tagebuchartig als Songs veröffentlichen möchte er nicht.

«Manchmal schreibe ich skizzenhaft persönliche Erlebnisse aus meinem Leben auf, und überarbeite das dann immer wieder. Bis zum endgültigen Songprodukt geht dann der Inhalt durch mehrere Filter. Das Ganze wird dann vielleicht noch angereichert mit Geschichten, die zwar das Leben schrieb, aber nicht aus meinem eigenen Leben stammen. Ich erzähle nicht in jedem Song detailliert aus meinem Privatleben. Auf dem Album hat es ja sowohl einen Love- Song als auch einen Breakup-Song. Ich finde es auch spannender, ein Spektrum zu zeigen. Es basiert aber alles auf Dinge, die ich irgendwann erlebt habe.» Dieses Spektrum sei auch eine kleine Referenz an klassische Soul- und RnB Alben. Dort reihten sich ebenfalls ohne klare Storyline Love-Songs an Breakup-Songs. 

«Das Leben kippt so schnell hin und her, es passiert etwas Gutes, es passiert etwas Schlechtes. Du kannst glücklicher denn je sein und ein Anruf kann alles ändern. Unter dem Strich muss für mich eine positive Grundhaltung im Leben gewinnen, ich brauche das für mich selbst irgendwie als Fixpunkt.» 

Das Album wird mit dem Intro «Blessed» eröffnet, auf dem sich der gerade 40 gewordene Künstler dem Leben gegenüber dankbar zeigt. Sich seinen «Blessings» bewusst zu sein, ist ein positives Lebensgefühl, dass gar nichts mit religiösem Segen zu tun haben muss. Das Leben zu zelebrieren und für das nicht Selbstverständliche dankbar zu sein, ist ein sich mehrfach wiederholendes Thema auf dem Album. Auch auf dem zweiten Track «Lieb sie glich» geniesst Stereo Luchs das Leben, mit einer «Trotz allem»-Einstellung. Dass das Leben zwischen all dem Tragischen und Schwierigen auch immer wieder sehr schön ist, muss das Fazit sein, findet Stereo Luchs. «Das Leben kippt so schnell hin und her, es passiert etwas Gutes, es passiert etwas Schlechtes. Du kannst glücklicher denn je sein und ein Anruf kann alles ändern. Unter dem Strich muss für mich eine positive Grundhaltung im Leben gewinnen, ich brauche das für mich selbst irgendwie als Fixpunkt.» 

Auf der ersten Single-Auskopplung «Ide Strass» versuchte Stereo Luchs, die Vorfreude auf das Wiedersehen nach der Pandemie auf einem Track zu formulieren. Damit wollte er der negativen Energie um die Coronamassnahmen-Diskussion etwas Positives entgegenhalten. «Für mich hatte die Musik immer eine besondere Kraft, die Leute ohne grosse Worte zusammenzubringen. Ich habe während der Pandemie nochmals deutlicher gemerkt, wie fest ich das vermisse, und denke vielen ging es ähnlich.» Das Stück featuret auch Silvios Jugendfreund und Mundart-Reggae-Legende Phenomden, der einen fantastischen zweiten Part zum Song beisteuert. Mit taktvollem Songwriting gelingt den beiden eine Ode an die Musik und die Harmonie, ohne dass dies je peinlich oder naiv klingt. «Es isch en Roadblock, so vill Love ide Strass» singt Stereo Luchs im Refrain.

Phenomden und Stereo Luchs. Quelle: Instagram

Die Features auf «Stereo Luchs» funktionieren alle sehr gut. Ein bisschen Abwechslung und Frische in die Tracklist bringen neben Phenomden auch FaberBaze und die Berner Newcomerin Soukey. Letztere liefert die Hook für den Song «Geng». Auf die Frage, weshalb er mit der 18-Jährigen arbeiten wollte, meint er: «Sie ist fresh.» Es sei spannend gewesen, mit einer Künstlerin zu arbeiten, die eher neu im Game ist und einen frischen Touch reinbringt. Sie steht irgendwie auch bereits für etwas Eigenes, ihre Themen und Herangehensweise sind recht unique, das mag ich.»

Die Zusammenarbeit mit Faber sei ein langer Wunsch gewesen. An ihrem Song haben die beiden lange gebastelt, verschiedene Beats und Parts ausprobiert bis dann schliesslich «Immer wieder» entstand. Baze mit auf den Track zu holen, war eine Idee, die erst ganz am Schluss entstand, weil sich der Song sich nicht komplett angefühlt hatte. Faber und Baze mit einem Hauch Autotune in der Stimme zu hören, vereint die drei ungleichen Stimmen im selben Stereo Luchs-Universum. Die dramatische Klaviermelodie und der langsame, schwere Beat klingen zwar völlig untypisch für Silvio, doch alle drei Performances funktionieren darauf und formen gemeinsam einen eindrücklichen und tieftraurigen Song. Vor allem die letzten nachhallenden Worte von Baze hinterlassen den Hörer niedergeschmettert. 

Auch wenn Stereo Luchs vor allem in der ersten Hälfte des Albums einen grossen Fokus darauf legt, das Leben zu feiern und gute Laune mit seiner Musik zu verbreiten, sind andere Songs für seine Massstäbe düsterer denn je. Mit «Neon» zeichnet er ein beklemmendes Bild der Stadt Zürich der frühen 90er Jahre. Nach der Schliessung der offenen Drogenszene im Platzspitz verteilten sich Konsum und Handel mangels Alternativen direkt in die Quartiere 4, 5 und 6. 

«Es gibt so viele traurige Geschichten über die Gesichter, die man an diesem Ort regelmässig antraf. Darüber wollte ich einen Song schreiben.»

Stereo Luchs versetzt sich zurück in sein 13-Jähriges ich und schildert in einer kurzen Episode, wie er als junger Mensch diesen Ort erlebt hat. Das fantastische Instrumental untermalt mit gespenstischen Klängen die von ihm beschriebene bizarre Szenerie. Ohne zu belehren oder zu politisieren versetzt er den Hörer zurück in ein Zürich zu einer anderen Zeit. «Geister husched us de Höf, Normale Abig ide Stadt» singt er im Outro. «Diese Ereignisse haben Zürich geprägt. Das sind die Geister die durch die Höfe huschen.» erklärt er mir. «Es gibt so viele traurige Geschichten über die Gesichter, die man an diesem Ort regelmässig antraf. Darüber wollte ich einen Song schreiben.» Das Schreiben fiel ihm dabei sehr schwer. Doch am Ende ist es einer der Songs geworden, auf die er am meisten stolz ist. Das ist auch gut so: «Neon» ist einer seiner besten Songs.

Wie auch schon mit seinem Song «Ziitreis» endet Stereo Luchs sein neues Album wieder mit einem Zeitsprung. Diese Zeitreise führt den Hörer aber in schönere Zeiten, fern von Nadeln und düsteren Bars. Auf «Hageholz West» singt er aus der Perspektive seines Grossvaters, der am Ende eines erfüllten Lebens seinem Enkel beim Spielen zusieht. Silvios grosses Talent, Orte zu beschreiben und Stimmungen zu erzeugen, kommen hier wieder stark zum Vorschein.  Der wunderschöne Closer des Albums ist rührend und erinnert wieder an das Schöne im Leben. Das kleine Kind, noch ganz am Anfang seiner Reise, spielt Matrose auf dem kleinen Schiff, welches der Grossvater für ihn gebaut hat. «Sägle wiit wiit wiit, ganz wiit use / Cruise mit em Wind und ich hoff das alles findsch wod suechsch/ Und no vill meh, det usse» singt er im Refrain aus der Perspektive des alten Mannes. Das poetische Ende des Albums schliesst den Bogen, der mit «Blessed» begonnen hat. Das Leben hat seine Schattenseiten und seine Abgründe, doch es mit der hoffnungsvollen und immer wieder dankbaren Einstellung von Stereo Luchs anzuschauen, ist überhaupt nicht naiv, wie so mancher Zyniker vielleicht denken würde.

Musikalisch ist Stereo Luchs mit seinem Comeback-Album auf allen Ebenen in Topform. Das aus 11 Songs bestehende Projekt ist ambitiös und enthält viele der bisher besten Texte des Künstlers. Alleine, dass er sich im Verlaufe des Albums mit so vielen verschiedenen Themen des Lebens und deren relevanten Fragen auseinandersetzen kann, ohne sich zu verheddern und naiv oder unglaubwürdig zu wirken, ist äusserst beeindruckend. Die Musik und ihre Stimmungen löst starke Gefühle aus, die Texte und ihre Geschichten überliefern relevante Messages. Rundum hat der Künstler alles richtig gemacht. «Stereo Luchs» ist landesweit wahrscheinlich eines der besten Alben des Jahres. 

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