Baze lässt mit seinem neuen Album Welten kollidieren
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2022

Zwischen den Townships von Cape Town und der privilegierten Schweiz

Baze lässt mit seinem neuen Album Welten kollidieren

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Zwischen den Townships von Cape Town und der privilegierten Schweiz

Baze lässt mit seinem neuen Album Welten kollidieren

Luca Mosberger
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Baze lässt mit seinem neuen Album Welten kollidieren
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Mit «Bru» erschien nach einem über siebenjährigen Prozess das Kollaboalbum von Baze mit dem südafrikanischen Musiker Isaac Mutant. Während Baze darauf nicht zum ersten Mal in die Abgründe der menschlichen Psyche taucht, klang seine Musik bisher noch nie so verrückt.

Wie fast aus dem Nichts erschien vor einer Woche das neuste Werk des Berner Ausnahmekünstlers Baze, der seit über zwei Jahrzehnten mit zunehmend komplexeren und exzentrischen Sounds die CH-Rap-Szene prägt. Für «Bru» machte der Chlyklass-Rapper gemeinsame Sache mit dem Künstler Isaac Mutant aus Cape Town. Ihre Hintergründe könnten kaum unterschiedlicher sein, doch auf den zweiten Blick leuchtet die ungewöhnliche Konstellation der beiden ein: Beide teilen eine Liebe für ungewöhnliche Soundscapes und eine Faszination für menschliche Abgründe, die sie in alltägliche Geschichten verpackt untersuchen und entlarven.

Ende 2014 reiste Baze im Rahmen eines Stipendiums von Pro Helvetia Schweiz nach Cape Town. Vorgesehen war ein Aufenthalt in Kairo, doch das damalige politische Klima machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Trotzdem fand Baze schnell in Südafrikas Hauptstadt zurecht und knüpfte Kontake zu lokalen Musiker:innen. Besonders ein Artist stach Baze damals ins Auge: Bei einer Live-Show der Rap-Crew Dookoom faszinierte ihn der Lead-Vocalist Isaac Mutant. Mit seiner rauen Stimme, seinem wilden, aggressiven Auftreten und dem unkonventionellen Rap-Stil zog er den Berner in seinen Bann. Nachdem Kontakt hergestellt worden war, fanden die beiden heraus, dass sie sich nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich hervorragend verstanden.

In den folgenden Monaten sollten die Grundsteine zu «Bru» entstehen, ein Werk, welches über sieben Jahre später erst in finaler Form das Licht der Welt erblicken sollte. Der Titel «Bru», Slang für Bruder, leitet sich vom freundschaftlichen Verhältnis ab, welches die beiden Künstler miteinander entwickelten. Im Entstehungsprozess konnten sich Baze und Isaac auf die Themen einigen, die sie auf ihrem Album in Angriff nehmen wollen. Ihre geteilte Faszination für exzentrische Sounds und menschliches Verhalten hält das Projekt der sonst sehr ungleichen Artists zusammen. Während Baze auf Mundart performt, rappt Isaac seine Texte in akzentreichem Englisch und einem Ghettoslang der auch als «Kapholländisch» bezeichneten Sprache Afrikaans. Seine Zeilen sind daher abwechslungsweise mal überraschend einfach und dann mal wieder völlig unmöglich zu entziffern, selbst für Baze, der einigen Passagen nur sinngemäss deuten kann.

Das Album wird mit dem düster verheissungsvollen «Calm Before the Storm» eröffnet, auf welchem Baze die surreale, fast apokalyptische Stimmung im weihnachtlichen Cape Town beschreibt. Mit Zeilen über Junkies in Weihnachtsmützen beschreibt der Rapper reale, erlebte Bilder, die er in seinem Inneren auch Jahre später noch glasklar abrufen kann.

Der spannungsvolle Aufbau des Album-Openers wird im darauffolgenden, wilden Representer-Track «Bring The Noise» entladen, auf welchem ordentlich mit dem «Humpe» auf den Tisch «gchlepft» wird. Das Instrumental übernimmt dabei den rauen, treibenden Soundanstrich der «Dookoom»-Produktionen. Gegen Ende entlockt der Track trotz seiner finsteren Natur mit einem Skit noch ein Schmunzeln, in welchem klar wird, wieviel Spass Isaac Newton an den für ihn unverständlichen Wortlauten der Phrase «Mit em Humpe ufä Tisch chlepfe» hat. Während die beiden sich schon hervorragend mit kompromissloser, technoider Abrissmucke finden, sind es aber vor allem die ruhigeren Momente des neun Tracks starken Projekts, die hervorstechen. Mit «Time Passes By» demonstrieren Baze und Isaac Mutant das volle Potenzial ihrer Kollaboration, indem sie aus ihren jeweiligen, völlig unterschiedlichen Perspektiven über die Vergänglichkeit des Lebens klagen. Während Baze aus der Sicht eines unglücklichen Schweizers mit zähem Bürojob rappt, beschreibt Isaac Mutant die Struggles des Lebens in den Townships Cape Town's. Die beiden gegensätzlichen und sich dennoch in ihrer Gefühlswelt überschneidenden Perspektiven verleihen dem Album eine spezielle Note der Menschlichkeit.

«Bru» ist von Anfang bis Ende alles andere als einfach anzuhören und droht, in der schnellebigen Streaming-Ära neben den restlichen wöchentlichen Releases aufgrund seiner klanglichen Sperrigkeit und des daraus resultierenden, mangelnden Replay Values unterzugehen. Doch das wäre jammerschade, denn das in all seinen Facetten einzigartige Projekt wagt Grosses und verbindet, was auf den ersten Blick wie Gegenkörper erscheint.

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