Weshalb man sexistische Ballermann-Hits nicht mit Rap-Texten vergleichen kann
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July
2022

Die «Layla»-Debatte

Weshalb man sexistische Ballermann-Hits nicht mit Rap-Texten vergleichen kann

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2022

Die «Layla»-Debatte

Weshalb man sexistische Ballermann-Hits nicht mit Rap-Texten vergleichen kann

Luca Mosberger
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Weshalb man sexistische Ballermann-Hits nicht mit Rap-Texten vergleichen kann
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Seit einem Monat dominiert ein kontroverser Schlagersong die Spitze der deutschen Charts. Nachdem «Layla» an zwei Volksfesten verboten wurde, kam eine Cancel Culture-Diskussion ins Rollen, in der Schlagertexte immer wieder mit harten Raptexten verglichen wurden.

Schon länger wurde ein Song nicht mehr so intensiv diskutiert wie «Layla». Der Ballermann-Hit von DJ Robin und Sänger Schürze schrieb aufgrund der Diskussionen um den umstrittenen Songtext astronomische Zahlen, auch in der Schweiz schaffte es das Lied auf den zweiten Platz der Hitparade. Die Debatte entbrannte, weil das Abspielen von «Layla» wegen des sexistischen Songstexts am Volksfest Würzburg verboten wurde. «Er hat 'nen Puff und seine Puffmama heißt Layla / Sie ist schöner, jünger, geiler (…) Die schöne Layla, die geile Layla / Das Luder Layla, unsre Layla» singt Ballermann-Sänger Schürze auf dem Song, tausende angetrunkene Schlager-Fans gröhlen mit. Für die Interpreten des Lieds, wie auch den Produzenten Ikke Hüftgold, hätte es kaum besser Laufen können. Die Zeitungsmeldungen waren für sie die beste Promo, die sie sich hätten wünschen können. Sie selbst inszenierten das Abspielverbot als Untergang der Kunstfreiheit, die für die Einschränkungen verantwortlichen Personen als humorlose Spiesser. Der Hashtag #freelayla wurde ins Leben gerufen, das Thema nahm durch BILD-Schlagzeilen und Memes an Fahrt auf.

«Layla» als Gallionsfigur für das «Anti-Woke»-Movement

Kurze Zeit später wurde der Track auch an der weitaus grösseren Düsseldorfer Kirmes verboten. Allerdings nur im grossen Festzelt, den restlichen Zeltbetreiber:innen wurde lediglich empfohlen, den Song nicht zu spielen. «Ich bin der Meinung, dass dieses Lied überall hingehört - nur nicht auf unseren Festplatz» äusserte sich der Veranstalter Lothar Inden. Mehr Einschränkungen als die beiden Verbote für den Song über die «Puffmama» gibt es bis heute keine, der Vorwurf von Zensur sollte also eigentlich ohnehin als absurd abgestempelt werden. Trotzdem wurde der Ballermann-Song zu einer Hymne für das konservative Anti-Cancel Culture Movement. Instagram Pages (mit teilweise sogar 100'000 Follower:innen), die ihren gesamten Content dem Bashing der Grünen oder dem Gendern widmen, verhöhnen mit dem Erfolg des Songs linke Politiker:innen, die sich für das «Verbot» geäussert hatten. Auch in der Schweiz wird der Song als Hymne gegen die sogenannte «Woke-Culture» verwendet: Die Junge SVP will mit einem besonders niveaulosen Vorstoss den Song auf die Nummer 1 der Charts bringen, um ein Zeichen für die Kunstfreiheit zu setzen. Irgendwie ironisch, bei einem sexistischen Raptext einer Person mit Migrationshintergrund wären sie wohl die ersten gewesen, die den Track verbieten wollenh würden. Auf Facebook geht die Partei sogar noch weiter: Für einen Wettbewerb sollman dem Account der Jungen SVP ein Video von sich selbst schicken, während manden Song abspielt. Es winkt eine Reise an den Ballermann im Wert von 600 Schweizer Franken.

Die Junge SVP will mit einem Social Media-Aufruf «Layla» an die Chartspitze bringen.

Sexismus im Rap vs. Sexismus im Schlager

Auch wenn der Song «Layla» sexistische Klischees bedient und Prostitution verherrlicht, wird zu Recht immer wieder das Argument genannt, dass schon gegen weitaus sexistischere oder obszönere Songs nichts unternommen oder weniger darüber debattiert wurde. Rap-Songs seien doch im Verhältnis viel öfters sexistisch, warum wird dieser Schlager-Song nun so stark unter die Lupe genommen? Musikwissenschaftlerin Marina Forell findet den Vergleich unpassend. Rap-Musik mit grenzübertretenden Texten habe viel weniger Airplay, womit sie abgesehen von ein paar Ausnahmen wohl recht hat. Es sei ein Unterschied, ob ein harter Rap-Song in einer kleinen Gruppe oder ein «moderner, ansprechend produzierter Partysong» vor Tausenden von Leuten an einem Volksfest gespielt werde. Das macht den Inhalt von sexistischen HipHop-Texten natürlich nicht weniger schlimm, und soll auch auf keinen Fall den wichtigen Reformen, die unser Genre noch vor sich hat, Priorität absprechen. Der Footprint eines partytauglichen, frauenfeindlichen Schlagersongs ist aber massiv viel grösser, wie «Layla» eindrücklich demonstriert hat.

Der problematische Hype um «Layla»

Der im Mai erschienene Song verzeichnet auf YouTube über 12 Millionen Aufrufe, auf Spotify bereits über 45 Millionen Streams. In einer Online-Petition gegen das «Verbot» appelliert Summerfield Records mit besonders dramatischen Worten an die Konsument:innen: Die persönlichen Freiheitsrechte würden mit den Füssen getreten werden, die «Zensur» würde uns alle zurück ins Mittelalter in die Zeit der Hexenjagd zurückkatapultieren. Die Petition wurde bereits über 50'000 malunterschrieben. Woher kommt dieser riesige Hype? Einerseits wurde die Kontroverse um «Layla» von den Interpreten gezielt angefeuert. Niemand freut sich mehr über die Kontroverse um den Ballermann-Hit als sie. Das Abspielverbot an zwei Volksfesten wird in allen möglichen Formen ausgeschlachtet, obwohl man den Song überall auf der Welt, ausser an diesen zwei Orten während ein paar Tagen hören kann.

Die #freelayla-Petition erreichte über 50'000 Unterschriften.

Layla wurde durch gezielte Manipulation zur Personifikation der Freiheit, zur Anführerin der Rebellion gegen die spassverderbenden, bösen Linken. Gerade deshalb liebt es die Junge SVP, sich in einem nicht existenten Machtverhältnis als Unterdrückte darzustellen, die als letztes Bollwerk für die schwindenden Privilegien der rechten Wählerschaft kämpft. Der sexistische Ballermann-Song ist der Soundtrack zur Revolution, die sich die Privilegierten gegen die von ihnen abschätzig als «Woke-Culture» bezeichnete Politik schon lange gewünscht haben. Und dabei zeichnet sich wohl der Unterschied zwischen Sexismus im Rap und Sexismus im Ballermann-Schlager ab: Letzteres Genre spricht eine konservativere, privilegiertere Demographie von Menschen an, die aus dem anstössigen Text ein Gemeinschaftsgefühl ziehen können und die Musik als Waffe gegen solidarische Politik, und in erster Linie, Frauen verwenden können. Das macht sexistische Schlagertexte nicht schlechter als frauenverachtende Rap-Lyrics, aber gefährlicher.

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