Disarstar im Interview zum neuen Album «Rolex für Alle»
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November
2022

«Es ist Zeit für Radikalismus»

Disarstar im Interview zum neuen Album «Rolex für Alle»

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November
2022

«Es ist Zeit für Radikalismus»

Disarstar im Interview zum neuen Album «Rolex für Alle»

Yosina Koster
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Disarstar im Interview zum neuen Album «Rolex für Alle»
Quelle:
Rufus Engelhard
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Disarstars neues Album «Rolex für Alle», mit welchem er auf seiner Tour gleich beide Konzerte in der Schweiz ausverkauft hat, ist gleichermassen tanzbar wie kontrovers. So findet er etwa die Radikalität und Entschlossenheit der RAF erstrebenswert. Wir haben uns mit dem Rapper unterhalten.

Es herrscht eine Art Klassenlager-Stimmung im Dachstock, einige Stunden vor Disarstars erstem Konzert in Bern. Die Crew hängt in Adiletten rum und spielt Kartenspiele, während der Rising Star des deutschen Politraps seine HipHop-Chartplatzierung gespannt abwartet. Disarstar, mit bürgerlichem Namen Gerrit Falius, hat es aus einer schwierigen Vergangenheit im Milieu Hamburgs bis ganz oben geschafft. Sein Album «Rolex für Alle» hat im Deutschrap eine klare Marke gesetzt, wird sowohl in etablierten Feuilletons besprochen wie auch in linken Kreisen gepumpt.

Du warst 2017 schon einmal im Dachstock eingeladen für eine Show am Antifa Cup Festival. Das Konzert wurde damals jedoch abgesagt, weshalb der direkte Vergleich leider nicht möglich ist. Trotzdem: Was hat sich seither bei dir verändert?

Es hat sich alles geändert! Viele Träume, die ich jahrelang hegte, sind wahr geworden. Ich habe im Mai eine ausverkaufte Tour gespielt, ich spiele jetzt eine ausverkaufte Tour, ich habe so viele monatliche Hörer:innen auf Spotify wie noch nie. Ich erfahre eine riesige Resonanz und meine Bekanntheit ist sehr gewachsen. Allein, dass ich jetzt in Bern 800 Tickets verkaufe; Das ist sehr weit weg von zuhause und von dort, wo ich meinen ersten Part gerappt habe. Das ist unglaublich.

Im Interview mit Wolfgang Schmitt hast du gesagt, dass dein neues Album «Rolex für Alle» musikalisch eingänglicher gestaltet ist. Damit möchtest du gerne ein neues Publikum erreichen. Was für eine Zielgruppe stellst du dir vor?

Ich habe keine spezifische Zielgruppe, ich glaube die kann man sich weder wünschen noch aussuchen. Mein letztes Album ging bereits in eine ähnliche Richtung. Es ist nicht so, dass ich versuche, etwas zu konstruieren oder etwas zu sein, das ich nicht bin. Ich mache das, worauf ich Bock habe. Musikalisch habe ich heute auf andere Sachen Bock als früher, aber inhaltlich ist es das, was es immer war.

Auf «Rolex für Alle» wirkst du inhaltlich viel konkreter als auf vorausgehenden Alben. Die politischen Aussagen sind eindeutiger. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Ich glaube, das ist ein dialektischer Progress. Auf dem letzten Album habe ich viele Sachen angedeutet, die ich jetzt konkret benennen will. Ich habe viel zu sagen und die geopolitische Situation ist aktuell sehr verzwickt – es ist nicht die Zeit, um um den heissen Brei herumzureden.

Dialektik im rhetorischen Sinne bedeutet die Kunst der Gesprächsführung oder die Fähigkeit, Gesprächspartner:innen in Rede und Gegenrede zu überzeugen. Dialektik im philosophischen Sinne bedeutet, die Position, von der man ausgeht, durch gegensätzliche Behauptungen in Frage zu stellen um so neue Erkenntnisse zu gewinnen. Progression bedeutet die Weiterentwicklung dieser Gesprächsführung oder philosophischen Erkenntnisgewinnung.

Es hat auf dem neuen Album einige sehr konkrete Parolen. Es scheint eine Mischung aus eigenen, neu entwickelten Parolen zu sein, wie der Albumtitel «Rolex für Alle». Du hast aber auch einige ‘alte Klassiker’ wie «Springer enteignen» wieder aufleben lassen. Nicht zuletzt gibt es auf dem Album einige RAF-Referenzen. Nutzt du diese Slogans, weil sie catchy sind und einen grossen Effekt erzeugen, oder ist es ein ernsthafter Versuch, die Inhalte der RAF aufzugreifen?

Inhaltlich finde ich nahezu alles, was die RAF in ihren Anfängen geschrieben hat, gut. Grundsätzlich bin ich aber gegen die Todesstrafe, dementsprechend bin ich dagegen, Leute zu erschiessen. Ich glaube auch, dass die RAF der linken Bewegung am Ende des Tages mehr geschadet als geholfen hat. Ich bin jedoch weder Berufspolitiker noch Wissenschaftler, ich kann und will provozieren. Was mich an der RAF begeistert, ist die Entschlossenheit und die Radikalität. Ich finde, es ist nicht die Zeit für moderate politische Forderungen oder Antiradikalismus. Es ist die Zeit für Radikalismus, und das möchte ich mit den RAF-Referenzen zeigen. Das soll jedoch kein Aufruf sein; ich glaube, die Revolution fängt in den Köpfen an und für einen demokratischen Sozialismus brauchen wir zuerst eine Mehrheit.

Die Rote Armee Fraktion, kurz RAF, war eine deutsche linksextremistische Vereinigung, die zwischen den 1970ern und 1990ern diverse Terrorakte verübte. Die friedlich gegen die US-Politik protestierende Studentenbewegung, von welcher einige Mitglieder später die RAF gründen sollten, wurde von den Medien des Springer-Verlags, insbesondere der Bild-Zeitung, stark defamiert. Springer wurde mit der Zeit für die radikalisierte RAF zum Symbolfeind, da der Verlag in ihren Augen für das alte, reaktionäre Deutschland stand. Die Parole «Springer enteignen» geht auf die Proteste der Studentenbewegung zurück. Am 19. Mai 1972 wurden bei einem Sprengstoffanschlag im Springer-Hochhaus 17 Menschen verletzt. Die RAF bekannte sich zum Anschlag.

Die Nachrichtenagentur «dpa» hat eine positive Pressemeldung über «Rolex für Alle» geschrieben und grosse Medien wie die «Zeit»,«Frankfurter Allgemeine Zeitung» und die «Süddeutsche» haben diese Meldung eins zu eins übernommen. So machen nun konservative Mainstream-Zeitungen im Grunde Werbung für ein Album voller RAF-Referenzen. Was denkst du, wie es hierzu kam?

Es kann gut sein, dass das nicht so gewollt war. Ich habe mich bei diesem und bei meinem letzten Album, «Deutscher Oktober», sowieso gewundert, dass ich mit so vielem durchkomme, ohne dass es gross aufstösst. Andererseits glaube ich, dass diese Inhalte tatsächlich immer mehr anschlussfähig sind. Langsam merken auch die Letzten, dass der bürgerliche Parlamentarismus eine Farce ist. In Deutschland gab es grossen Enthusiasmus bezüglich den Grünen, dieser Zahn ist jetzt aber langsam allen gezogen. Viele realisieren jetzt, dass der Kapitalismus doch nicht reformierbar ist. «Fridays for Future» ist ein gutes Beispiel: Die mobilisieren seit langem und bringen Millionen auf die Strasse. Und doch bringt es realpolitisch nichts, ausser dass die Herrschenden sich dazu veranlasst fühlen, Versprechen zu geben, die sie dann nicht halten. Da hört es aber dann auch schon auf.

Apropos Realpolitik – mein Bruder ist Bauarbeiter und nächste Woche gibt es in der Deutschschweiz einen grossen Streik im Rahmen der Unia-Protesttage. Er ist ein politischer Mensch und ein Fan deiner Musik. Wie kann ich ihn überzeugen, am Streik teilzunehmen?

Ich empfehle ihm zu gehen und wünsche ihm dabei viel Kraft. Leider hat die Deutsche Linke – und wahrscheinlich auch die Schweizer Linke –in ihrem akademischen Elfenbeinturm genau die Leute abgehängt, die aufgrund ihrer Lohnarbeit weniger Kapazität haben, irgendwelche dicken theoretischen Schinken zu wälzen. Doch am Schluss geht es genau um die Menschen, die morgens auf einer Baustelle stehen um zu Arbeiten. Was den Leuten grundsätzlich klar sein muss: Kein einziges Menschenrecht ist geschenkt. Jedes einzelne Recht wurde erstritten und erkämpft. Die 38-Stunden-Woche, Wochenende, bezahlter Urlaub, bezahlte Krankheitstage – all das ist weder geschenkt noch selbstverständlich. All diese Rechte wurden erkämpft. Und zwar nicht friedlich erkämpft, sondern hart erkämpft. In diesem Kontext heisst es, wie schon Erich Kästner sagte: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es». Wir müssen uns klar sein, dass uns nichts geschenkt wird.

Du rappst viel über Yuppies, die in dein Viertel kommen und es quasi als interessante Exkursion ins Millieu gentrifizieren. Hierbei geht es um ein Phänomen, von dem viele Städte Europas betroffen sind. Was wäre dein Vorschlag, wie man dagegen vorgehen könnte? 

In möglich viele Hauseingänge pissen, die Wände vollschreiben, hier und da – auch wenn’s Scheisse für die Umwelt ist – Müll auf die Strasse schmeissen, insbesondere vor den schickeren Häusern und darauf hoffen, dass diese Leute sich nicht mehr wohlfühlen.

Apropos Yuppies - Wie stehst du zu Linksliberalen?

Ich verstehe unter «linksliberal» linke Kapitalisten oder zumindest Linke, die den Kapitalismus als reformierbar betrachten, während Sozialisten revolutionär eingestellt sind. Ich finde die linksliberale Haltung ist ein Widerspruch in sich. Wenn man Marx liest und sich die politische Geschichte ansieht, dann führt das für mich zum klaren Rückschluss, dass der Kapitalismus nicht reformierbar ist. Ihm wohnt eine Dynamik inne, die man temporär reformieren und verbessern kann, die aber unweigerlich immer wieder zum gleichen Outcome führt. Genau so ist linksliberaler Antirassismus ein Widerspruch in sich, schon Malcolm X sagte: Es gibt kein Kapitalismus ohne Rassismus. Die Klassengesellschaft kann ohne Rassismus nicht aufrechterhalten werden. Deshalb waren die Liberalen im Laufe der Geschichte auch immer Steigbügelhalter der Rechten: Die Rechten wollen das gute Leben nur für die, die sie als «deutsch» genug erachten und sie stellen dabei die Herrschaftsverhältnisse und die Machtverhältnisse nicht in Frage. Deshalb werden die Bürgerlichen im Zweifelsfall immer mit den Rechten kooperieren. Für mich ist linksliberal sein eine Zwischenetappe in einem politischen Reifeprozess.

Deine Texte sagen eindeutig, dass du dich von Militanz nicht per se distanzierst. Wie soll diese Militanz deiner Meinung nach aussehen?

Militanz tritt in verschiedenen Formen auf. Für die bürgerliche Gesellschaft ist es bereits militant, wenn man seinen Protest auf die Strasse trägt, protestiert und dann nicht nach Hause geht, wenn die Polizei sagt, man solle nach Hause gehen. Protestieren heisst für mich jedoch auch, trotz Widerständen zu protestieren. Die «Interventionistische Linke» hat in Hamburg am G20 tolle Aktionen gemacht, nicht mit Steinewerfen oder Mülltonnen anzünden, sondern mittels zivilem Ungehorsam – Polizeiketten durchbrechen, auf der Strasse anketten, Routen blockieren – das ist eine Protestform, die mir sehr sympathisch ist. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass Deutschland und die Schweiz auch sehr reaktionär sind, was den Protestrahmen betrifft. In Frankreich gibt es eine ganz andere Protestkultur. Wenn wir zurückkommen zur Erkenntnis, dass alles Gute in der Welt irgendwie erstritten wurde; dass die Herrschenden uns nichts schenken, dann muss man Protest auf jeden Fall überdenken und dann ist Militanz nicht unsympathisch. Natürlich gibt es in der Form Unterschiede, zum Beispiel Protest als legitime Selbstverteidigung und Protest als destruktive Entladung nachvollziehbarer Wut, die aber nicht politisch konstruktiv ist.

Hast du eine Rolex?

Nein.

Willst du mal eine haben?

Ich denke immer wieder drüber nach, weil sie als Wertanlage tatsächlich Sinn macht. Ich weiss es nicht, wir werden sehen.

Vor dem Interview habe ich hier im Dachstock gewartet und dabei Teile deiner Crew kennengelernt. Jetzt drängt sich mir die Frage auf: Gibt es in deinem Team auch Frauen?

Es gibt eine Frau, unsere Schlagzeugerin. Die ist jedoch leider in den Staaten auf Tour mit einer grossen Band. Ich kann ihr nicht verübeln, dass sie diese Tour meiner vorzieht. Ich wünsche mir natürlich einen grösseren Frauenanteil, wir diskutieren das auch kritisch. Aber leider ist es ein strukturelles Problem: Auf den meisten Positionen im Live-Business gibt es wenige Frauen. Deshalb haben wir nicht immer die Freiheit, uns das auszusuchen. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Team, aber ich reflektiere das kritisch, dass aktuell keine Frauen dabei sind.

Wir nehmen Disarstar beim Wort und hoffen, dass sich das in Zukunft ändern wird. Trotz der Überrepräsentation der Männer in seiner Crew gelingt es dem Hamburger, am Konzert im Dachstock eine stabile Abriss-Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle beim Durchdrehen wohlfühlen können. Ohne Support Act oder Gäste wurde im Dachstock zwei Stunden eingeheizt. Die Show überzeugte mit einem guten Back-Up und eindrücklichen Drum- und Gitarrensolos – davon wollen wir an Rap Konzerten gerne mehr sehen! Disarstar wünsche ich weiterhin eine tolle, ausverkaufte Tour und der Bewegung wünsche ich, dass die Leute, welche fleissig Tourtickets kaufen, ihr politisches Engagement nicht nur an Konzerten, sondern auch auf der Strasse an Demonstrationen zeigen.

Disarstar macht mit «Rolex für Alle» sehr konkrete Vorschläge, wofür und wogegen es sich zu kämpfen lohnt. In seinen Texten wie auch im Interview hält der Rapper kein politisches Blatt vor den Mund. Die klaren Provokationen und Forderungen nach Radikalität werden zweifellos nicht in allen Kreisen gut ankommen. Und doch schafft es Disarstar, von Hamburg über Wien bis Bern Massen zu begeistern. Ob man mit ihm einverstanden ist oder nicht, seine bissigen Texte scheinen einen Nerv der Zeit getroffen zu haben, was viel Stoff für Diskussionen liefert. Der Ruf nach «Rolex für Alle» ist eine Bewegung, die so schnell nicht wieder verschwinden wird.

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