Monet192 – Der Millionenjäger
Tuesday
,
9
.
September
2021

LYRICS History Episode 7

Monet192 – Der Millionenjäger

Tuesday
,
28
.
September
2021

LYRICS History Episode 7

Monet192 – Der Millionenjäger

Moritz Wey
Profil anzeigen
Monet192 – Der Millionenjäger
Quelle:
In unserer Throwback-Rubrik «LYRICS History» schauen wir zurück auf sieben ereignisreiche Jahre LYRICS Magazin. Die Printversion, die seit zwei Jahren nicht mehr produziert wird, bietet so einige Perlen, die sich nicht nur aus Nostalgiegründen zu lesen lohnen. Deshalb ein Rückblick auf einige unserer relevantesten, besten und spannendsten Artikel von 2014 - 2019.

Monet192, der mittlerweile mit seinem Song «H<3TEL» in Deutschland auf Platz 1 gechartet ist und Songs mit Deutschrap-Grössen wie Dardan und badmòmzjay aufgenommen hat, stand im Frühjahr 2018 noch am Anfang seiner vielversprechenden Karriere. Wir haben den St. Galler damals in der 12. Ausgabe unseres Printmagazins interviewt und er erzählte uns, wie er seine Liebe zur Musik entdeckte, welche CH-Rapper er feiert und was die Schweiz für ihn bedeutet.

Monet192 – Der Millionenjäger

Im September des letzten Jahres landete sein Video zu «Tout le jour» auf YouTube. Seine grösste Hoffnung war es, damit die 15-Tausender-Klickzahlengrenze zu knacken. Der deutschsprachige Song mit dem französischen Titel kommt an, unter anderem bei der YouTuberin Salomé Sylvana. In ihrem Format pusht und lobt sie «Tout le jour»: Der Hype wird real und bei Monet192 flattern Followers und Nachrichten herein. Weit mehr als eine Million Mal wurde der Song mittlerweile geklickt. Dass er mehr als ein One-Hit-Wonder ist, beweisen seine vielseitigen Singles und seine unbändige Machernatur.

Gerade mal acht Songs umfasst seine Online-Diskografie. Dass es seine ersten musikalischen Gehversuche sind, hört man nicht. Routinierter und vielfältiger Stimmeinsatz, durchdachtes, aber lockeres Auftreten und Hooks, die funktionieren. Mehr als genug, um eine Anhängerschaft über die Landesgrenzen hinaus aufzubauen. Was vor Jahren noch für müde lächelnde Gesichter gesorgt hätte, ist längst Realität geworden. Schweizer rappen auf Hochdeutsch und kommen damit an – hier und in Deutschland. 

Der 20-jährige Karim Russo lebt in St. Gallen. Aufgewachsen in einer typischen Arbeiterfamilie, nennt er den Klavierunterricht als richtungsweisende Instanz. Die etwas ältere Musiklehrerin formt die gemeinsamen Stunden zu einem kreativen Gefäss: Freies Musizieren statt Notenlehre. Ihr fällt Karims warme Stimme auf und schon bald wird Singen zum festen Bestandteil des Unterrichts. Nach dem Tod seiner Lehrerin bleibt es bei gelegentlichen Sing- und Rapversuchen im Verborgenen.

Bild: Melvin Krenger

Später folgen Freestyle-Abende im Jugendkulturraum Flon, die Monet192s Leidenschaft für Rap auf das nächste Level hieven. Monat für Monat nutzt er die lokale Plattform für neue Texte. Sein Hunger wächst und es gilt, sich selbst zu steigern. Auf der Bühne wird er zur Rampensau, nicht für andere, sondern für sich. Es sei entscheidend, ungeniert auszuprobieren, um sich so weiterzuentwickeln, meint er heute. Der schrankenfreie Ansatz erklärt auch, wieso er trotz vielen Labelanfragen unabhängig bleiben möchte.

Das bedeutet, sämtliche Aufgaben im eigenen Kreis abzudecken. Diesen Kreis – also seine Liebe für die Gang – trägt Monet192 im Namen: Die 19. Zahl im Alphabet ist das «S», an zweiter Stelle kommt das «B» und zusammen macht das «Sick Baby». Eine zweckentfremdende Reaktion auf den 88-Code der Neonazis und die Idee, eine solche Codierungsform stattdessen mit positiven und multikulturellen Grundsätzen zu füllen. So ist «Sick Baby» eine bunt gemischte Familie, die aus dem Rapper SansV192, dem Managerduo Lu und King-James (Startergang) sowie weiteren Heads ohne klaren Verantwortungsbereich besteht. Der kreative Nährboden und gegenseitiger Austausch sind gewiss. Im Gespräch erzählt mir das aufgeweckte Energiebündel ehrlich und direkt aus seinem Leben. Nur wenn es um sein zukünftiges Schaffen geht, bleibt er bewusst im Unklaren. Denn einschränken lässt er sich nur ungern. 

Deine Klicks kommen zu einem grossen Teil aus Deutschland. War das von Anfang an dein Ziel? Schliesslich rappst du auf Hochdeutsch.

Ja safe. Nur habe ich mich lange gefragt, wie es möglich ist, mit meinem begrenzten Radius den Sprung zu schaffen. 16 Bars postete Monate zuvor bereits «Lila», was mich riesig freute. Aber wenn eine Salomé meinen Song in ihrem Video vorstellt und feiert, hat das gleich einen grossen Impact und sorgt für neue Fans und Supporter. Die Deutschen kennen kein Wenn und Aber. Wenn sie dich feiern, dann richtig hart. In der Schweiz sind wir ein bisschen zimperlicher und kritischer unterwegs.

Du sprichst von deinem Auftritt in Berlin...

Nicht nur. Die Berliner zu überzeugen war eine Aufgabe für sich, die mir nicht über die ganze Länge gelungen ist. In einer Stadt voller Künstler herrscht ein grosses Angebot. Die Leute fragen sich: Was bietet mir dieser Neuling? Die Reaktion des Publikums habe ich unmittelbar gespürt, vom Verlassen des Saals bis zum ungehemmten Feiern. Dazu muss ich sagen, dass der Auftritt noch vor dem grossen Wirbel rund um «Tout le jour» stattgefunden hat. Womöglich sähe das jetzt etwas anders aus...

Klicks aus Deutschland, ein Auftritt in Berlin. Wie wichtig sind dir die Schweizer Fans, wenn du dich plötzlich im vielsprechenden Markt des Nachbarlands bewegst?

Die Schweiz bleibt mir wichtig und das vergesse ich nie. Mein grösster Traum wäre ein 80-zu-20-Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Es ist immer noch etwas ganz Anderes, wenn du bei Menschen aus deiner Heimat ankommst. Darum ist es schön, einen so grossen Support aus St. Gallen zu spüren. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin oder morgens voll verpennt zur Arbeit fahre, werde ich angesprochen und nach Fotos gefragt. Komischerweise auch vor allem dann, wenn ich gerade am essen bin (lacht). Nein echt, die Schweiz ist und bleibt mir wichtig. Auch würde ich mir wünschen, dass wir eine etwas grössere Offenheit gegenüber Deutschrap hätten. Deutsch- genauso wie Mundartrap ist mega nice. Ich fühle S.O.S. des Todes! Das sind für mich Künstler, die so hart mit dem Publikum connecten und den Ami-Stuff auf eigene Art ins Schweizerdeutsche umsetzen. Wie auch ein Skinny Stylus oder ein LieVin. Für mich die dopesten Künstler von hier.

Deine Songs haben verschiedene Stile und Konzepte, der gemeinsame Nenner sind einzig die eingängigen Refrains. Woher kommt dieses Hit-Potenzial? 

Das Ohr ist wichtig. Zudem setze ich mich intensiv mit deutschem und amerikanischem Rap auseinander und achte genau darauf, was die Rapper wie tun und wie sie sich dabei geben. Zum Beispiel bin ich ein ganz grosser Justin-Timberlake-Fan. Wie er seine Stimme bei diesen Gänsehautmomenten einsetzt, wie er die Pausen einleitet. Das macht er extrem gut und darauf lege auch ich, nebst dem Gesamtpaket, grossen Wert. Am Ende soll dich ein Lied so mitreissen, dass du dich wie im Film fühlst. Erst dann ist es ein richtiger Song.

Bild: Melvin Krenger

Verstehe. Wie gehst du konkret vor?

Ich höre mir nonstop Beats an, freestyle dazu und arbeite erst daran weiter, wenn eine bestimmte Line oder eine Melodie zum Moment des Beats passt. Dabei lege ich vor allem Wert auf den Refrain. Verses sind ein mindestens so wichtiger Bestandteil, aber wenn die Hook nicht passt, kommt der Song nicht an. Letztendlich ist es unterschiedlich, denn Musik spürt man instinktiv. Dabei geht man in den Clinch mit sich selbst und begegnet seinen Grenzen. Diese Auseinandersetzung, die Ideen, in welchen Höhen ich meine Stimme einsetze, das braucht Zeit. Das Schreiben des Textes hingegen geschieht relativ schnell, was nicht heisst, dass ich nicht ein zweites Mal darüber gehe.

Wer hat dich bis jetzt in deinem Leben inspiriert?

Meine Wahlgrossmutter, eine grosse Frau. Ihr habe ich einen Song gewidmet, der irgendwann erscheinen wird. Sie lebt nach dem Prinzip: Wenn dich jemand auf die linke Wange schlägt, dann halte auch die andere hin und versuche, das Leben so zu nehmen, wie es ist. Diese Haltung habe ich auch für mich mitgenommen. Es hilft mir, mich an schlechten Tagen darauf zu besinnen. Die Leute da draussen denken immer, wenn du bekannt bist, geht’s dir automatisch gut. Aber auch ich bin ein normaler Dude, der Grenzen hat und an Scheisstagen einfach nur den Kopf in den Sand stecken möchte.

Und musikalisch?

Da sind es eher einzelne Songs, die mich inspirieren. Wenn Künstler Momente kreieren, in denen die ganze Welt plötzlich diesen einen Song hören möchte. Bausa hat zum Beispiel einen lockeren Hit geschaffen, der überall catcht, ob im Club oder im Auto. Oder ein A$AP Ferg mit «New Level». Ich meine diese «Hier-bin-ich-Momente». Es ist dann auch völlig normal, dass andere Künstler denken: Fuck, genau so hätte ich es auch machen sollen! Genau dieser Wettbewerb, in dem jeder dem anderen ein Stück voraus sein will, dieses Feuer, das finde ich nice! Wenn jeder sein Ideal sein möchte, dann ist auch jeder authentisch. Genau das kann ich nur jedem raten. 

Apropos Vorbilder: Auch du hast eine Wirkung auf deine teils junge Zuhörerschaft. Wie lässt sich das mit deinen Raps über Lean, MDMA und verschiedene Grassorten vereinbaren? 

Ich habe das Gefühl, die ganz jungen Fans checken das sowieso nicht, weil sie keinen Plan davon haben. Ansonsten finde ich das ganze Drogengelaber okay. Schon Eminem hatte Drogenreferenzen, man hat es gehört und konnte es einordnen. Meine Einstellung ist offen: Mir es ist ganz egal, was du konsumierst, solange du es in Grenzen halten kannst. Ob Gras, Koffein oder Alkohol, ich verurteile niemanden, der damit einen angemessenen Umgang gefunden hat und sich in die Gesellschaft einfügen kann. Und alle anderen, die auf meine Musik oder eine Substanz nicht klarkommen, sollen es nicht konsumieren.

Hingegen bin ich bei Themen wie Homosexualität und Sexismus hellhörig geworden, weil mir klar wurde, dass es Leute verletzt – meistens nicht die Betroffenen, aber die Menschen aus ihrem Umfeld. Da habe ich gemerkt, dass es einfach Kids gibt, die es zu ernst nehmen und dann jedem zweiten «Schwuchtel» an den Kopf werfen. Das kann ich nicht vertreten. Wobei diese Position, in der ich realisiere, dass junge Menschen meine Worte regelrecht verschlingen, sehr neu ist für mich. Da befinde ich mich in einem Lernprozess, wo ich mich nebst dem Sound auch inhaltlich weiterentwickeln möchte.

Nebst dem Musikmachen, den Konzerten und dem ganzen Drumherum absolvierst du eine Ausbildung als Psychiatriepfleger. Wie gelingt dir das?

Wenn du etwas willst, musst du es auch durchziehen. Dort, wo ich aufgewachsen bin, beklagt man sich nicht gleich, wenn’s mal mühsam ist. Kann sein, dass das für andere anders ist, das ist okay. Macht ihr eure 80 Prozent, ich mach meine 150. So bin ich, und irgendwie geht es auch ganz gut auf. Dann heisst das halt auch, dass ich mich abends hinsetze, um zu büffeln, auch wenn ich lieber den TV einschalten würde. Oder ein Konzert spiele und am nächsten Tag wieder früh zur Arbeit fahre. Es braucht Biss, und das fehlt mir in meiner Generation teilweise. 

Bild: Melvin Krenger

Was darf man in der Zukunft alles von dir erwarten?  

Ich für mich erwarte nichts. Genau dasselbe empfehle ich meinen Fans: Erwartet nichts! Es kann sein, dass du einen Song von mir hörst, den du übertrieben feierst, aber den darauffolgenden total mies findest. Aber das ist ok! Als Fan von mir musst du damit rechnen, dass ich sehr wandelbar bin und meine Texte nie gleich sind. Es wird kein «Tout le jour»-Part-2 geben, auch wenn sich viele genau das wünschen. Auch mache ich kein Album, nur damit ich eins gemacht habe. Für ein Album braucht es das bestimmte Gefühl, etwas transportieren zu wollen. Es fordert Herzblut, Schweiss und auch Zeit, denn das entsteht nicht von heute auf morgen. Nur, wenn du das verstehst und nicht dem folgst, was gerade markttechnisch empfohlen wird, bleibst du als Künstler fassbar und authentisch.

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren

Empfohlene Artikel
No items found.

Weitere Artikel

mehr anzeigen
No items found.
No items found.
No items found.