Hyperpop goes HipHop: Roy Aqua erklärt, wie die Internet-Bewegung im CH-Rap Einzug hält
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2021

The next big thing?

Hyperpop goes HipHop: Roy Aqua erklärt, wie die Internet-Bewegung im CH-Rap Einzug hält

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The next big thing?

Hyperpop goes HipHop: Roy Aqua erklärt, wie die Internet-Bewegung im CH-Rap Einzug hält

Damian Steffen
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Hyperpop goes HipHop: Roy Aqua erklärt, wie die Internet-Bewegung im CH-Rap Einzug hält
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Bunt, schrill, laut & politisch: Das vergangene Jahr stand im Zeichen von Hyperpop. Während die Internet-Bewegung weltweit enorme Wachstumsraten verbuchen kann, sind auch in der Schweiz die ersten Künstler*innen dabei, ihre Sound-Entwürfe vorzulegen.

Für manche klingt‘s nach ADHS in einem Fiebertraum, vor dem die eine oder andere DXM-Hustenpastille zu viel gelutscht worden ist. Für andere ist es eine bahnbrechende Bewegung, welche Musik, wie wir sie kennen nachhaltig verändern wird. In Sub-Reddits wie auch im Feuilleton wird gerade diskutiert: Was ist dieses Hyperpop – und warum feiern es die Kids gerade dermassen ab?

Innerhalb von wenigen Monaten der Liebling der Medien: 100gecs

Entsprungen ist vermutlich Vieles den Studios von PC Music, einem Londoner Künstlerkollektiv. Seit 2013 feilen Künstler*innen um A. G. Cook, Hannah Diamond oder Sophie an ihren Gegenentwürfen zur zeitgenössischen Pop-Musik. Die Einflüsse stammen grösstenteils aus der elektronischen Ecke: Eurodance, Electro, Trance, House, Nightcore, Dubstep, K-Pop oder Chiptune. Diese zuweilen abstruse Mixtur ist schon damals eine Überbelastung für die Ohren mancher, macht aber die Ur-Hyperpopper zu gefeierten Pionieren. Böse Zungen behaupten nach wie vor, Hyperpop sei einfach die pure Lust am Chaos.

In den Folgejahren breitet sich der Untergrund weiter aus und schafft sich seine ganz eigene Ästhetik: In Musikvideos werden Menschen zu Robotern, die Vocals werden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, die 2000er-Pop-Musik wird persifliert, während in schrillster Fashion (vom Make-up bis zum «Lack & Leder»-Style) die Ungerechtigkeiten dieser Welt angeprangert werden. Hyperpop ist zum Safe Space der LGBT-Community geworden. So stehen Themen wie Geschlechterfragen, Gleichstellung und Sexualität stark im Fokus. Viele Acts wie Arca, Dorian Electra, Sophie oder Laura Les von 100gecs identifizieren sich als nicht-binär oder transsexuell. Expert*innen verstehen deshalb unter dem Begriff Hyperpop nicht zwingend einen Musikstil, sondern auch eine Community. Der ganzen thematischen Ernsthaftigkeit zum Trotz zeichnen sich die Lyrics der Künstler*innen oft durch ihren Wahnwitz und ihren Humor aus. Metaebenen werden erklommen und Insider-Jokes machen es Aussenständigen schwer, Zugang zu diesem Genre zu finden.

Eine neue HipHop-Ära?

Dass HipHop-Artists ab Mitte der 10er-Jahre nicht mehr stur auf ihre 90bpm-Beats rappen, macht sich bemerkbar. Neue Einflüsse kommen, neue Subgenres erheben sich aus dem Untergrund. HipHop wird experimenteller – weshalb auch Hyperpop (oder zumindest das, was heute so bezeichnet wird) nach und nach seinen Weg in die Rap-Bubble findet. Als Wegbereiter dieser Entwicklung werden oft Yung Lean oder bladee mit ihrem Sad Boys- und Drain Gang-Kollektiv genannt. Einige der schwedischen Cloudrapper schwebten anschliessend näher zu Pop. bladee wird mittlerweile als Gesicht der Hyperpop-HipHop-Mixtur angesehen. Mit dem Berliner Produzenten Mechatok hat der Drain-CEO dieses Jahr ein von seiner Community gefeiertes Projekt vorgelegt.

Die Schweiz zieht nach

Hyperpop ist ein Genre, welches zu grossen Teilen nur digital existiert. Grosse Festivals sucht man vergebens, im Radio wird es auch nicht gespielt. Die aufstrebenden Acts sitzen verteilt auf der Welt hinter ihren Rechnern… Und da die Schweiz mittlerweile auch flächendeckenden Zugang zu ebendiesem WWW hat, gibt es auch hierzulande erste Newcomer*innen, welche sich mit ihren Bedroom-Produktionen in ähnlichen Sphären bewegen wie ihre Idole. Auf Soundcloud hat sich eine kleine Community formiert. Einer davon ist Roy Aqua. Der 21-jährige Basler ist von klassischem Cloudrap in den hypnotischen Sog von Hyperpop geraten. Auch wenn er sich nicht vollumfänglich diesem Genre zuordnet, erklärt er im Interview, wie sich der State of the Art in der Schweiz präsentiert, was dieses «Hyperpop» überhaupt ist und welcher Impact künftig zu erwarten ist.

Du tust dich schwer mit dem Begriff Hyperpop. Warum siehst du dich nicht als Teil dieser Bewegung?

Roy Aqua: Ich habe meinen Sound noch nicht gefunden und möchte mich deshalb noch auf kein Genre festlegen. Mit einem Label wie «Hyperpop» haben deine Zuhörer*innen auf einmal Erwartungen, wie dein Sound zu klingen hat. Der Einfluss von Hyperpop ist sicherlich nicht zu leugnen, aber es kommt auch viel Cloudrap- oder Indierock-Inspiriertes.

Es gibt aber auch keine eindeutige Genredefinition. Was ist Hyperpop für dich?

Ich definiere es vor allem durch die Produktion: Uptempo-Beats um 180 bpm, EDM-Einflüsse, die Stotter-Effekte, gepitchte Vocals, alles ist verglitcht, alles digital. Das ist Hyperpop für mich. Aber auch die Attitude der Künstler*innen ist ein Punkt: Für mich sind es die «PC-Chinder», welche ihre Kindheit hinter dem Computer-Bildschirm verbracht haben, vielleicht auch eher Aussenseiter*innen waren und irgendwann mal mit Softwares herumexperimentiert haben. Viele Soundcloud-Hyperpopper sind ja nach wie vor Bedroom-Produzenten.

«funny boy but sad: the adventures of Roy Aqua»: Auch der Basler Nachwuchskünstler inszeniert sich als Misfit.

Hyperpop wird oft auch als Community bezeichnet. Gibt es in der Schweiz Crews?

Die meisten Leute, mit denen ich arbeite, kenne ich nicht persönlich. Wenn ich im Internet etwas aufschnappe, was mir gefällt, schreibe ich die Künstler*innen an. Shirama (Berliner Produzent, u. a. bekannt durch «Flasche Luft» von BHZ, Anm.d.Red.) beispielsweise hat schon einiges für mich produziert. Aber die Kontakte kommen langsam, es wird immer mehr zu einer kleinen Community. Nebenbei halte ich weiterhin den Kontakt mit ein paar Produzenten im Ausland – vor allem in den Staaten.

Der bis anhin erfolgreichste Track «Cotton Candy» ist produziert von Taylor Morgan. Dieser hat sich bereits Credits für Tracks von Lil Peep-Affiliate und Gothboiclique-Gründer Wicca Phase Springs Eternal eingeheimst.

Im Ausland gibt es einige Camps mit eigenen Grafiker*innen, Musiker*innen, Produzent*inne, Stylist*innen. Hierzulande bildet sich aber auch langsam etwas. Durch Twitter, Instagram und Soundcloud connectet man schnell.

Einige Schweizer Artists haben bereits Kontakte ins Ausland geknüpft. Zielst du überhaupt auf den Schweizer Markt ab?

Bei dieser Art von Musik könnte alles möglich sein. Sie fokussiert sich weniger auf die Texte – viele Schweizer*innen verstehen nicht einmal, was ich da singe.

Roy Aquas Mitstreiter bloccbueb hat sich mit i9bonsai bereits ein namhaftes Feature gesichert. Für viele Künstlerinnen seien Open Verse-Features und Reposts auf Soundcloud ein profitables Zusatzeinkommen.

Wie ist die Resonanz in der Schweiz auf diese neuartige und unkonventionelle Art von Musik?

Die blöde Floskel: «Die Schweiz ist noch nicht ready für den Scheiss» (lacht). Viele können damit nichts anfangen. Es ist und bleibt Nischenmusik und die Schweiz ist klein. Deswegen ist es für mich schon fast notwendig, auch über die Landesgrenzen hinaus zu schielen. 2020 ist aber auch in der Schweiz viel passiert. Wenn dieses Jahr Live-Auftritte hinzukommen, so denke ich, haben wir das Potenzial, eine grössere Community zu formen. Die Findungsphase ist bald vorbei. Sprechen wir in ein bis zwei Jahren noch einmal darüber.

Wie ist deine Einschätzung: Gibt es in der doch eher konservativen Musik-Schweiz überhaupt genug Marktpotenzial?

Schwierig… Meine Einschätzung: Es wird eine kleine, aber verschworene Base geben. Einige Künstler beweisen es: Es ist möglich einen wahrhaftigen Personenkult um sich heraufzubeschwören, obwohl man vergleichsweise wenige Fans hat. Bestes Beispiel: Die Drain-Gang rund um bladee, ecco2k oder Thaiboy Digital. Ich kenne Leute, die geben sich deren Sound 24/7. Einen solchen Spirit innerhalb einer Community zu haben, ist für mich wertvoller, als ein nichtssagender Radio-Künstler zu sein.

Wie kommt ein solcher Kultstatus mit solchen Die-Hard-Fans zustande?

Wer seinen Zuhörer*innen einen Einblick ins Innerste gewährt, macht sich greifbar und viele identifizieren sich mit der Kunstfigur.

Sentimental & schrill: Bei Roy Aqua gibt’s keine Balladen nach Schema F:

Wie viel HipHop steckt in Hyperpop?

Die Parallelen sehe ich am ehesten bei den Akteuren: HipHop ist seit Beginn eine Jugendkultur, welche sich auflehnt. Hyperpop ist auch ein Fliessen gegen den Strom. Es sind Kids, die auf alles scheissen und machen, was sie wollen. Aber auch die Themen sind nahe am zeitgenössischen Rap. Es ist verdrogt, es geht um Probleme – mit sich selber oder mit dem Umfeld. Aber die Frage für mich stellt sich halt: Was ist überhaupt HipHop?

Bei einigen Künstler*innen lassen sich auch fast schon gerappte Verses finden:

Wie sieht die Zukunft von Hyperpop aus?

Wenn sich das ganze Hyperpop-Genre in Amerika noch mehr Richtung Mainstream bewegt, werden auch Schweizer Künstler*innen davon profitieren. Leute hören gerne, was gerade cool ist, was gesellschaftlich akzeptiert wird. Über Yung Lean wurde früher gelacht und er wurde ironisch gefeiert, heute ist er zusammen mit bladee eine stilprägende Figur. Es müssen nur die richtigen Künstler*innen und Influencer*innen auf den Zug aufspringen, dann wird die Popularität rasch wachsen.

Stichwort TikTok: David Shawty hat mit «Pressure» einen Coup gelandet. Über eine halbe Million TikTok-Clips wurden mit seinem Sound im Hintergrund veröffentlicht und sogar die mittlerweile weltweit grösste Influencerin auf der Plattform, Charli D’Amelio, hat den Song mehrmals ihren Millionen von Followern vorgespielt. Expert*innen sind sich sicher, dass TikTok ein wichtiger Baustein des Hyperpop-Hypes ist. Was sind deine Wachstumsstrategien?

Lange habe ich TikTok belächelt, aber es birgt enormes Potenzial. Deswegen habe ich es mir endlich installiert, aber ich weiss noch nicht, wie ich es nutzen werde. Ich muss nicht so schnell wie möglich upblowen mit peinlichen TikToks. Ich bin kein Sell-Out. Ich bin mir noch unschlüssig, welche Strategie es schlussendlich sein wird.

Viele Hyperpopper*innen fügen an, dass ihnen das Experimentieren mit Vocal-Pitches Raum gibt, um Geschlechterfragen zu reflektieren. Auch du singst: «Mach mich mit dem Sound uf d Suechi nach mir sälber.» Wie sieht die grössere Vision von dir aus?

Ich weiss nicht, ob es eine grössere Vision gibt. Ich würde mein Ziel aber folgendermassen definieren: Einerseits ist es Spass, andererseits ist es ein Ausdruck meiner selbst: Während meiner Jugend im Dorf konnte ich mich nie voll ausleben. Mit der Musik habe ich mir einen Platz geschaffen, in welchem ich mich voll entfalten kann und in dem sich auch der Hörer wohl fühlen und ausleben können. Die Leute sollen merken, dass es cool ist, Spass zu haben. Dennoch: Ich muss upblowen. Das Musik-Ding muss funktionieren. Es gibt keinen Plan B.

Die Liste der ästhetischen Einflüsse, die im Hyperpop-Kontext genannt werden, ist zu lang, um diese überhaupt aufzählen zu können. Was sind deine Inspirationen?

Der mächtigste Einfluss hatte wohl das Aufwachsen auf dem Land. Ein malerisches Dorf, heile Welt, viel Natur. Das sieht man auch an meinem Instagram-Auftritt. Auch der Regisseur David Lynch inspiriert mich, vor allem Mystisches und Übernatürliches interessiert mich. Ich denke, man kann auch Parallelen zu der Drain Gang-Ästhetik ziehen… Aber es passiert einfach, ich habe mir da vorher noch nie gross Gedanken darüber gemacht.

Noch nicht genug von Hyperpop? Roy Aquas Guide für Hyperpop-Anfänger*innen zeigt dir, wie breit gefächert die Herangehensweisen der verschiedenen Artists sind: Hier einige Künstler*innen, die man auf dem Schrim haben sollte:

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Es ist eine rebellische Bewegung. Lehnst du dich mit deinem Sound auch gegen etwas auf?

Momentan bin ich noch zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Die grossen weltpolitischen Themen haben noch keinen Platz in meinen Texten gefunden. Dennoch fühle ich mich nicht wohl in diesem System und versuche mit der Musik auszubrechen –  das ist auch ein Akt der Rebellion.

Viele Internet-Subgenres sind gekommen und gegangen. Wird Hyperpop das selbe Schicksal ereilen wie Vaporwave, Tecktonic und Co.?

Einige Artists haben bereits gepeakt, andere werden bleiben, noch andere schwappen in den Mainstream. Hyperpop wird sich verändern, aber Hyperpop wird seine Spuren hinterlassen. Ich bin mir ziemlich sicher: Das wird das nächste grosse Ding. Cloudrap ist durch, Trap ist auch nicht mehr so frisch, wie er mal war. Die Entwicklung im HipHop ist stagniert, alles klingt gleich. Irgendetwas Neues muss kommen.

Viele der Hyperpopper haben nicht zwingend Star-Appeal…

Stimmt, viele möchten vermutlich gar nicht im Rampenlicht stehen. Viele sind sensible Outsider. Ein grosser Teil der Artists ist nicht gemacht für den Fame. Nicht selten gatekeepen sich Künstler*innen deshalb selber indem sie sich nicht öffentlich zeigen.

PC Music-Sängerin Sophie zeigte sich in den frühen Jahren ihrer Karriere nicht, weshalb schon früh Medien über ihr Aussehen und Geschlecht gemutmasst hatten.

Du eckst an: Warum könnte deine Musik trotzdem einem CH-Rap-Fan gefallen?

Es ist real. Kein Geflexe, kein Gepose… Ich bin einfach ich. Das kann man fast nicht haten (lacht). Ohne Vorurteil reinhören und in eine fremde Welt eintauchen. Mein Sound ist im Vergleich zu anderen Hyperpop-Künstler*innen nicht so edgy. Auch die besungenen Themen sind nahbar, weshalb ich eigentlich nicht verstehe, warum Leute haten. Ich will aber niemanden konvertieren. Schlussendlich ist es ein gänzlich neuer Style – und wer sich dem verweigert, ist deswegen nicht mein Feind. Es ist schön anzusehen, wie vielfältig die HipHop-Kultur ist, jeder findet Sound, der ihm zusagt.

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