Stereo Luchs über sein Lieblingsalbum
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November
2019

Rapper's Delight

Stereo Luchs über sein Lieblingsalbum

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Stereo Luchs über sein Lieblingsalbum

Sergio Scagliola
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Stereo Luchs über sein Lieblingsalbum
Quelle:
Dies ist der erste Teil einer Artikelserie, in der wir mit verschiedenen Personen der Schweizer HipHop-Welt ihre Lieblingsalben genauer betrachten und analysieren wollen. Es ist ein Versuch, dir den musikalischen Horizont deiner Lieblingskünstler näherzubringen. Denn wie oft liest oder hört man in Interviews zu diesem oder jenem neuen Projekt über Musiker, von denen das neuste Album inspiriert wurde? Hier soll es um diese Alben gehen, aber auch um Alben, die den eigenen musikalischen Werdegang geprägt haben, Kindheitserinnerungen wecken oder auch darum, ganz banal aktuelle, starke Alben zu beleuchten. Kein Filter in Genre, Alter des Projektes oder internationaler Relevanz, sondern eine völlig subjektive Ansicht eines Künstlers über ein Album, das ihm am Herzen liegt.

Das andere Ziel dieser Artikelserie ist es, das HipHop-Genre etwas zu öffnen. Unsere Artikel drehen sich fast vollständig um HipHop – macht auch Sinn, oder? Das ist eigentlich nichts Schlechtes, aber es engt in den eigenen Musikgewohnheiten ein. Das ist schade, weil gerade HipHop sehr viel Inspiration aus anderen Genres zieht, viel mehr als andere Musikrichtungen.

Deshalb macht es Sinn, diese Rubrik mit Stereo Luchs zu eröffnen. Kein anderer CH-Rapper wird so stark mit anderen Genres assoziiert wie der Friesenberger. Und während jetzt alle schon direkt gross «Dancehall» vor dem inneren Auge geschrieben sehen, soll an dieser Stelle etwas gesagt sein: Es ist bei weitem nicht so, dass Stereo Luchs’ Welt nur aus Dancehall-Elementen besteht. Überraschend ist es aber auch nicht, dass mit «Where We Come From» ein Popcaan-Album zu seinen absoluten Lieblingsprojekten gehört. Wir haben mit Stereo Luchs über Steel Drums, seine Dancehall-Bubble vor «LINCE» und den Grund, weshalb jamaikanischer Dancehall im internationalen Pop-Geschäft unterzugehen droht, gesprochen.

Foto: Goran Basic

Als Einstieg für alle, die keine Ahnung haben, wer Popcaan ist: 2008 wird Andrae Hugh Sutherland, wie Popcaan bürgerlich heisst, von Dancehall-Legende und «Worl’ Boss» Vybz Kartel entdeckt und unter dessen Fittiche genommen. Zwei Jahre später kommt der szeneinterne Durchbruch mit «Clarks», einer Single in Kollaboration mit Vybz Kartel, der übrigens heute wegen Mordes im Gefängnis sitzt, von da aus aber weiter Musik macht. 2012 landet Popcaan ein Feature mit Pusha T und Travis Scott auf dessen Song «Blocka» und wird kurz darauf sogar auf Kanyes «Yeezus» gesampled. Popcaan gelingt der Linkup mit Drakes OVO-Camp, was 2016 darin gipfelt, dass ein Drake-Song – «Controlla» – mit einem Popcaan-Feature geleakt wird. Eine Version ohne Feature landet schliesslich auf Drakes «Views». Weitere namhafte Feature-Auftritte in Popcaans Diskographie sind auf Jamie xx’ preisgekröntem Electronic-Indie Album «In Colour» oder auf dem letzten Studio-Album der UK-Band Gorillaz zu verzeichnen. «Where We Come From» ist Popcaans 2014 erschienenes Debüt-Studioalbum.

Welchen Track des Albums sollte man als Dancehall-Laie zum Einstieg hören, um reinzukommen?

Stereo Luchs: Ich glaube, «Everything Nice» ist sicher ein guter Einstieg und Warm-up in dieses Album.

Die grosse Frage zu Beginn: Wieso dieses Album? Wieso gerade Popcaan?

Man hätte über tausende Alben in den verschiedensten Genres sprechen können, mein Musikgeschmack ist ziemlich breit. Vielleicht ist es deshalb tückisch, gerade über ein Dancehall-Album zu sprechen, weil es so wirkt, als würde ich nur Dancehall hören. Aber für mich ist es einfach ein extrem wichtiges Album. Als es 2014 herausgekommen ist, hat irgendwie ein kleines Crossover in den HipHop hinein stattgefunden. Und das war eines der Alben, das dieses Crossover personifiziert. Das Album ist auch von den US-Produzenten Mixpak produziert, was in der Dancehall-Welt ziemlich selten ist. So ist ein Album entstanden, das im Vergleich mit anderen sehr sauber durchproduziert und mit einem klaren Konzept durchdacht war.

Es war auch sein Debüt-Studioalbum.

Genau. Und da hatte Popcaan doch schon seit acht Jahren Musik gemacht und etliche Mixtapes veröffentlicht. Aus dieser Erfahrung ist eines der wenigen jamaikanischen Dancehall-Alben entstanden, das wirklich als Album funktioniert. Und es hat eben auch die HipHop-lastigen Beats oder Pusha T als einziges Feature.

Stichwort Pusha T: Ist es wichtig, dass das einzige Feature genau Pusha T ist?

Ich nehme an, das ist ein Statement. Pusha T als Feature verordnet das ganze Album direkt in gewisser Weise in einem HipHop-Kontext. Das Feature lässt das Album nicht nur in der Dancehall-, sondern auch in der HipHop-Welt existieren.

Doch ist es ein Dancehall-Album inmitten von unzähligen anderen. Wieso beeindruckt dich genau Popcaan?

Aus musikalischer Sicht sind es für mich die Melodien, die ihn hervorheben. Alles ist sehr ausgefuchst. Aber es ist schwierig, das genau festzumachen. Popcaan gelingt es, sehr viele Elemente in die Musik hineinzubringen, ohne zu übersteuern. Und die Musik lebt auch von einem gewissen Soul oder Blues. Ich glaube aber, das ist generell der gemeinsame Nenner aller meiner Lieblingskünstler, deshalb ist das vielleicht sehr subjektiv.

Was bedeutet dir das Album generell auf persönlicher Ebene?

Das Album ist herausgekommen, kurz bevor ich angefangen habe für «LINCE» zu schreiben und ich irgendwie ziemlich am Arsch war und eine schlechte Zeit hatte. «Everything Nice» habe ich aber ständig rauf- und runtergehört und der Song hat mich extrem gepusht und mir Energie gegeben. Es gibt auch einige Referenzen auf «LINCE», die sich auf das Album beziehen.

Foto: Severin Gamper

Inhaltlich ist das Album ziemlich aussergewöhnlich. Pitchfork, das wohl relevanteste Medium, wenn es um Musikreviews geht, schrieb im sehr positiven Review: «He’s a lover, not a gangster». Popcaan grenzt sich ab vom typischen Badman-Bild, was meiner Erfahrung nach nicht allzu oft passiert im Dancehall-Kontext.

Absolut, das macht das Album sicherlich auch aus. Für mich ist das ein weiterer Grund, weshalb ich das Album gerne höre, weil ich mir letztendlich nicht 24/7 Gangster-Mucke anhören kann. «Where We Come From» vermittelt positive Vibes, ohne irgendwie cheesy oder kitschig zu sein und das schätze ich sehr. Das schafft nicht jeder Musiker. Und gleichzeitig hat das Album sehr viele Momente, die conscious sind, auch wenn Popcaan selbst überhaupt kein Conscious-Typ ist mit seiner Henny-Bottle und Markenkleidern auf einem Quad herumkurvend.

Was bedeutet das Album im Dancehall-Kontext?

Für mich zumindest sticht es in der Produktion heraus. Die Beats sind extrem stark, es hat beispielsweise Outros, die in der Struktur der einzelnen Songs noch etwas völlig Neues geben können. Die Produktion lebt von Liebe und Sorgfalt der Produzenten, was auf einem gewöhnlichen Dancehall-Album nicht gerade gängig ist. Und ich glaube, das ist das, was den jamaikanischen Künstlern in den letzten Jahren ein wenig zum Verhängnis geworden ist, dass man aus dem Rampenlicht treten musste. Dancehall wird heute fast mehr assoziiert mit Kanada OVO oder dem UK als mit Jamaika, beispielsweise dank OVO oder den momentan durchstartenden Dancehall-Artists Londons. Was sicher schade ist, aber sie sind sicher auch ein Stück weit selbst schuld am Outcome.

Hat dieses Album etwas verändert in der jamaikanischen Dancehall-Szene?

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, leider. In Jamaika war das Album als Projekt aber auch weniger gross, weil Alben dort generell weniger relevant sind. Die Musik findet mehr auf den Strassen statt. An Outdoor-Events und Streetdances stehen Singles viel mehr im Fokus als Alben. Ich glaube nicht, dass viele Leute in Jamaika dieses Album wirklich als Album rauf- und runtergehört haben. Aber es war sicherlich ein gewisser Stolz auf Popcaans internationalen Erfolg da. Ich war allerdings in dieser Zeit auch zu wenig in Jamaika, um das komplett beurteilen zu können.

Weltweit kennt man Musiker wie Popcaan vor allem dank ihren Features mit den Superstars wie Drake beispielsweise. Die Soloprojekte aber kennt man irgendwie oft nur innerhalb der Szene, aus denen die Künstler kommen. Wieso ist das so?

Es hat schon lange keinen Artist mehr in Jamaika gegeben, der richtig Promo gemacht hat mit einem seriösen Label und einer ausgefeilten PR-Strategie etc. Es fehlt an sauberem Aufbau. Es gibt keine Tours, sondern hier und dort mal eine Show, das gleiche mit Songs und Features. Und bei Popcaan gibt es noch einen anderen Grund. Popcaan hatte nie ein Visum für die USA. Wegen irgendeines Deliktes vor Jahren hat er einfach den Stempel im System und so ist es schwierig, in Amerika Shows zu spielen. Das ganze Album konnte so gar nicht in den USA promoted werden und so ist es schwierig, sich auf den Radar der Popkultur zu spielen.

Dennoch hat Popcaan eine beeindruckende Kollektion an Feature Parts mit verschiedensten Künstlern von Jamie xx über Drake oder Young Thug bis hin zu den Gorillaz. Was ist das für ein Ansatz, Musik zu machen?

Für mich zeugt das von extremer musikalischer Offenheit, Kreativität und Produktivität. Das bekommt man vielleicht oft nicht so mit, aber ich glaube, Popcaan ist extrem fleissig. Abgesehen von ihrem Instagram-Auftritt und den Parties, sitzen diese Leute den ganzen Tag im Studio. Und lustige Side Story: Ich war, als ich in Jamaika war, im gleichen Studio, in dem Popcaan kurz zuvor mit den Gorillaz das Feature aufgenommen hatte. Das war ein ziemlich edles Studio an der Nordostküste und Popcaan ist dann immer mit seiner ganzen Entourage aufgefahren.

Ganz objektiv gesehen gibt es einige Parallelen zwischen dir und Popcaan. Man spürt musikalisch eine Offenheit heraus, dass man sich keine Grenzen setzt in Features oder Elementen anderer Genres. Ist das, was Popcaan gemacht hat, das, was du dir wünschst?

Man könnte sagen, dass ich das auch schon gemacht habe. Um 2014 hatte ich mein erstes Album «Stepp usem Reservat» hinter mir und war noch ziemlich in meiner Dancehall-Bubble auf meinem Nerd-Film. Ich habe es geil gefunden, aber trotzdem gewusst, dass es mich irgendwie einengt, dass ich nicht nur das machen will. Und Popcaans Ansatz hat mir eigentlich gezeigt, dass es völlig Sinn macht, etwas zu wagen. Und gleichzeitig war aber auch der ganze KitschKrieg-Link sehr wichtig. Es ist nicht so, dass Popcaan eine treibende Kraft gewesen ist, aber es hat mir gezeigt, dass es sinnvoll ist, ein Album zu machen, das aus einem Guss kommt.

Foto: Severin Gamper

Um auf die Ebene der Tracks zu sprechen zu kommen: Welche Tracks stechen für dich heraus?

Einige. «System» ist einer meiner Lieblingssongs. Ein weirder Mix aus Techno-Rave-Dancehall-Elementen. Wenn ich den Beat einfach so hören würde, würde er mir vielleicht nicht gefallen. Aber Popcaans Tune darüber und die ganze Ghetto- und Sufferer-Melancholie in der Melodie überzeugen auf voller Länge. Wir hatten es schon von «Everything Nice», der einer meiner Lieblingssongs ist, aber auch «Waiting So Long»  oder das Intro «Hold On» sind sehr starke Tracks. Das Intro finde ich besonders erwähnenswert, weil es den Mood des ganzen Albums setzt. Es ist sehr dramatisch mit den Glocken und öffnet das ganze Album gleich zu Beginn genretechnisch. Es wird klargemacht, dass es keine klassischen Dancehall-Riddims sind. Düster zu Beginn, aber gleichzeitig leicht und hoffnungsvoll gegen Schluss des Tracks. Es wird direkt eine ziemliche Achterbahnfahrt geboten.

«Waiting So Long» ist dann aber eigentlich ein ziemliches Gegenteil.

Es ist eigentlich auch ein Pop-Song – zwar Dancehall, aber mit starkem Pop-Vibe. Anderen würde ich das vielleicht nicht abkaufen, aber ihm schon. Wie er switcht zwischen dieser extrem hohen Stimme und dann wieder einem tieferen (hält inne und hört zu, weil der Song gerade im Hintergrund läuft) und doch melodischen Part ist beeindruckend, er spielt richtig mit der Stimme. Dazu kommt, dass es ein extremer Gute-Laune-Song ist.

Ein Song, der für mich auf diesem Album heraussticht ist «Ghetto (Tired of Crying)». Wohl der düsterste Moment auf diesem Projekt, auf welchem Thematiken wie Armut und Polizeigewalt behandelt werden. Und die Art und Weise, wie die Thematiken vermittelt werden, erinnert an kritischen Street-Rap, à la Nas beispielsweise. Was zeigt es auf, dass diese Genres inhaltlich gar nicht so weit entfernt voneinander sind?

Für mich waren sie nie sehr weit auseinander und ich habe es immer als ziemlich nahe empfunden. Ich bin im Zeitalter aufgewachsen, in dem dieser Streetrap sehr wichtig war, mit Nas, mit Wu-Tang etc. Die Schiene Dancehall ist erst später dazugekommen. Aber sobald du verstehst, was gesagt wird, realisierst du schnell, dass die Genres nicht so verschieden sind. Es ist Reality, es ist Repräsentation und es ist Struggle.

Was können HipHop und Dancehall voneinander lernen?

Schwierige Frage. Dancehall könnte momentan die PR-Strategien des HipHops abkupfern, um nicht im internationalen Pop-Geschäft unterzugehen. HipHop ist extrem on point mit Konzeptalben, Musikvideos und Entertainment. Und umgekehrt ist Jamaika schon immer eine Quelle der Inspiration für HipHop gewesen, gerade für einen Drake beispielsweise.

Letzte Frage: Gibt es aus deiner nerdy Perspektive über dieses Album einen einzelnen Moment, einen Sound oder eine Drum, die dich flasht? Irgendetwas, was wohl niemandem direkt aufgefallen ist und doch bemerkenswert ist?

Die unkonkrete Antwort sind einzelne Elemente in allen Outros, die die Songs jeweils haben. Was immer wiederkommt in diesem Album, sind Momente zu Ende einiger Songs, die nochmals völlig die Dynamik des Tracks ändern. Aber es gibt etwas, was mir immer wieder auffällt, wenn ich das Album höre – die Steel Drum auf «Ghetto (Tired of Crying)». Sie fräst völlig off-key in den Track und würde eigentlich überhaupt nicht passen. Irgendwie passt sie aber doch. Sie ist extrem weird, klingt gleichzeitig aber sehr gezielt platziert. Eigentlich müsste man sie herausnehmen, aber es ist cool, dass sie sie dringelassen haben.

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