2000 bis 2006: Goldene Jahre
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History of Swiss-Rap Pt.2

2000 bis 2006: Goldene Jahre

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History of Swiss-Rap Pt.2

2000 bis 2006: Goldene Jahre

Luca Thoma
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2000 bis 2006: Goldene Jahre
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Schweizer HipHop hat eine jahrelange Tradition, fand aber lange im Schatten des internationalen Parketts statt. Unser Journalist Luca Thoma hat die Geschichte für die JUICE, das grössten HipHop-Magazin Europas, aufgerollt. Letzte Woche starteten wir bei den Anfängen. Nun führen wir unsere Zeitreise bei der Jahrtausendwende fort.

Mitte der 1990er-Jahre waren Black Tiger und E.K.R die aufsehenerregendsten MCs dieser Pionier-Zeit. CH-Rap hatte den ersten wichtigen Meilenstein geschafft und den Style, die Techniken aus den USA für den Schweizer Mundart adaptiert. Was noch fehlte, war die eigene Identität.Um die Jahrtausendwende setzten tiefgreifende Veränderungen ein. Mit der Chlyklass und der Sektion Kuchikäschtli traten zwei Crews ins Spotlight, denen es gelang, eigene Trademarks zu etablieren. Schweizer Rap bekam ein Gesicht, einen Sound, ein Image. Aus der Not wurde eine Tugend: Weil sich in der Schweiz keine American-Dream-Stories über den Aufstieg vom Ticker zum Business-Pimp schreiben liessen, verschob sich der Fokus auf den vermeintlich langweiligen Alltag. So entwickelte sich eine eigene Form des Songwritings mit einem Fokus auf poetischen und witzigen Stories über das Leben in der Schweiz.

Die Chlyklass, bestehend aus den Combos Wurzel 5 und PVP sowie den Rappern Baze und Greis, brachte die Hauptstadt Bern auf die HipHop-Landkarte. Für Baldy lag der Erfolg in der Vielschichtigkeit der Crew: «In der Chlyklass sind sehr individuelle Künstler vertreten. Jeder hat seinen eigenen Stil, einen eigenen Flow. Jeder geht Themen auf seine eigene Art und Weise an.» Gleichzeitig befeuerten sich die Mitglieder gegenseitig durch ihre Erfolge: «Wir trimmten uns zu Höchstleistungen. Die Chlyklass-Member lieferten zwei bis drei Alben pro Jahr – und jedes einzelne setzte neue Massstäbe.» Mit den MCs Baze und Greis hatte die Chlyklass zwei charismatische und hochtalentierte Gallionsfiguren, gleichzeitig erinnerte der Crew-Lifestyle – die Repräsentation gegen aussen – an den Wu-Tang-Clan. Durch den Impact der Chlyklass wurde Bern zum dynamischsten Rap-Standort des Landes. Bis heute ist die Stadt ein kreativer Meltingpot, in dem sich Künstler genreübergreifend unterstützen und inspirieren.Die Sektion Kuchikäschtli hingegen brachte die Freshness und Lockerheit aus den Bündner Bergen in die Schweizer Grossstädte. Ihr Frontmann Rennie, einer der besten Songwriter der Schweizer Musikgeschichte, glänzte durch eine bis anhin unbekannte Vielfalt und Eloquenz: Mit teils witzigen, teils politisch-kritischen Texten liess er sich nicht leicht in eine Schublade stecken. Durch die intelligenten und ausgeklügelten Lyrics fand die Rap-Crew auch in den Kulturredaktionen der grossen Schweizer Tageszeitungen, dem Tages-Anzeiger und der NZZ, Anklang. Die zurückhaltenden Studenten wurden zu den ersten Feuilleton-Posterboys der CH-Rap-Geschichte.

Die Erfolge der Chlyklass und der Sektion Kuchikäschtli ebneten den Weg für die ersten Superstars und die Major-Labels. Bernd Blankenburg lädt zum Gespräch. Er ist Marketing-Chef bei Universal Music Schweiz – dem Major-Label, welches die Entwicklung von Schweizer Rap bis heute massgeblich geprägt hat. «Die ersten Schweizer Rapper, in denen wir grosses Potential sahen, waren Bligg und Stress», erzählt Blankenburg. Der Lausanner Stress und der Zürcher Bligg waren zwei junge, talentierte MCs mit grossen Visionen. Stress war der Mann der Stunde: Seine französischen Texte versprühten internationales Flair und die Hooks zeugten von einem untrüglichen Gespür für Hits. Sein Debüt «Billy Bear» kam 2003 bereits via Universal auf den Markt, sein drittes Album «Renaissance» erreichte vier Jahre später als erstes Schweizer Rap-Album aller Zeiten den ersten Platz der Charts. Schweizer Rap war ganz oben in der Hitparade angekommen. Stress setzte neue Massstäbe und erreichte als erster die breite Masse an Zuhörern. Ihm und Bligg, der ebenfalls von Universal gefördert wurde, gelang ein komplizierter Spagat: Mit Radio-Hits erreichten die beiden Überflieger ein breites Publikum, mit Skills, Hunger und genügend Roughness wurden sie weiterhin als Teil der Szene anerkannt.

Das wichtigste Medium für Schweizer Rap war damals laut Baldy Minder das Fernsehen: «Die Musiksender, Viva Swiss und MTV, boten uns Plattformen. Wir hatten Kanäle, um unseren Sound einem breiten Publikum vorzustellen. Es gab sogar HipHop-Sendungen, die uns pushten. Einige Clips wurden zu Hits.» Die Jugendsender waren progressiv und offen für die Subkultur Rap, das öffentlich-rechtliche Schweizer Radio hingegen hatte nach wie vor Berührungsängste mit HipHop: «Radio war kein Thema», konstatiert Baldy nüchtern. Bis heute wird das Verhältnis zwischen Schweizer Rap und den grossen Radiostationen durch den Zwang zur Uniformierung getrübt. Rap-Songs gelten nur als «radiotauglich», wenn sie thematisch, musikalisch und sprachlich in der Komfort-Zone der Radiohörer bleiben. Roughe Instrumentals, kontroverse Songtexte oder – Gott bewahre – Schimpfwörter und Beleidigungen fallen durch das Raster und erhalten kein Airplay. Parallelen zu Deutschland, wo Rapper mit expliziten Lyrics von den grossen Radio-Stationen trotz ihres Erfolges ignoriert werden, sind augenscheinlich.In den 2000er-Jahren standen die HipHop-Welten aus Deutschland und der Schweiz in einem regen Kontakt. «Die Backspin hatte einen eigenen Redaktor für die Schweiz, widmete der Szene hierzulande in jeder Ausgabe zwei bis drei Seiten», erinnert sich Baldy Minder. «Die Chlyklass durfte zudem einige Male am Splash! spielen.» Da das Openair Frauenfeld sich noch nicht auf Urban Music spezialisiert hatte, pilgerten damals noch viele Schweizer Rap-Fans nach Chemnitz und Gräfenhainichen.

Auch unter den Künstlern gab es immer wieder aufsehenerregende Kooperationen, darunter etwa das Kollabo-Album von Greis und Curse und das Bligg-Feature von Kool Savas. Der «King of Rap» verfolgte gar das Projekt, einen Schweizer Zweig von «Optik Records» zu aufzubauen. Dabei bewies er ein gutes Gespür: Künstler wie Dezmond Dez und Griot, die sich um Savas formierten, gehörten zu prägenden Vertretern der Schweizer Rapszene – auch wenn das Projekt «Optik Schweiz» nach dem Release des Mixtapes «Wer Hatz Erfunden?» 2006 im Sande verlief. Auch Savas’ DJ Sir Jai ist bis heute noch als Produzent für Dezmond Dez und Manillio tätig.Text: Luca Thoma[sc name="mehr lesen" ]

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