Drill – Die letzte Station vor dem Kommerz
Thursday
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April
2020

Reportage

Drill – Die letzte Station vor dem Kommerz

Thursday
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30
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April
2020

Reportage

Drill – Die letzte Station vor dem Kommerz

Sergio Scagliola
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Drill – Die letzte Station vor dem Kommerz
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Hintergrund: Wikipedia Commons
Wer sich in den letzten Jahren irgendwie mit Underground- oder Streetrap-Kultur auseinandergesetzt hat, ist sicherlich nicht um den Begriff «Drill» herumgekommen. Heute wird vor allem UK Drill als DAS «neue» Untergrund-Phänomen schlechthin porträtiert. Wie kommt es, dass ein Begriff, der im Mainstream sehr lange fast ausschliesslich mit Chicago assoziiert wurde, eine Dekade später plötzlich die britische Popkultur aufwühlt? Und wieso wird das Drill-Konzept sogar in der Schweiz neu interpretiert?

Was hier aufgegriffen wird, ist keine Analyse der besten Drill-Songs des letzten Jahrzehnts und auch keine Diskussion über die Vorwürfe, die diesem Subgenre immer wieder gemacht werden und aktuell wieder sehr laut sind – beispielsweise Beschuldigungen der Gewaltverherrlichung oder der Glorifizierung der (amerikanischen) Gang Culture. Vielmehr soll ein musikhistorisch äusserst wichtiger Abschnitt der neueren Geschichte erklärt werden, um die Bedeutung dieses Subgenres für die Musik, die heute in den HipHop-Charts ist, aufzuzeigen. Es ist eine Erfolgsstory einer hochinteressanten Nische, die allerdings immer von Tod und Tragik begleitet wurde.

Atlanta-Einflüsse für die frühe Drill-Szene

Um Drill als popkulturelles Phänomen der Gegenwart zu begreifen, muss man zehn Jahre in die Vergangenheit und (wie so oft) nach Atlanta blicken. Es ist die Anfangszeit dessen, was man heute als Trap-Ära des HipHop bezeichnen kann, in der die meisten deiner US-Lieblingsrapper Gucci Mane und Waka Flocka Flame hören. Trap Music ist hier noch kein ausgefeiltes Subgenre, sondern bezeichnet wortwörtlich die Musik aus dem Traphouse.

Was Atlanta für eine Rolle in Bezug auf Drill spielt? Grundsätzlich keine, aber genau Gucci Mane und Waka Flocka sind in Bezug auf das Musikalische einerseits und den künstlerischen Output andererseits zumindest Vorreiter dessen, was man ein bis zwei Jahre später in Chicago als Drill definieren wird.

Auch wenn sich Waka Flocka nie öffentlich in einem Drill-Kontext positioniert hat – dass Wakas Beats und seine Energy darauf irgendwie ähnlich wie viele Klassiker der frühen Drill-Szene klingen, sollte im Verlauf dieses Textes ersichtlich werden. Das liegt zu einem grossen Teil an der Produktion. Vor allem Lex Luger, ein Teil der 808 Mafia, ist hier als wichtiger Protagonist zu nennen, der später für Chief Keef, King Louie, Fredo Santana und andere Drill-Artists produzieren wird.  

«Waffen, Drogen, sehr eindeutige Referenzen an etliche Aspekte der Gang Culture – ein Cocktail, der der amerikanischen Popkultur längerfristig nicht ins Bild passt.»

Der Glo Up

Parallel dazu – immer noch um die Jahrzehntwende – entwickelt sich in den Vororten von Chicago der Stil, der kurz darauf als Drill definiert wird. Die Namensgebung für das Subgenre ist schwierig zurückzuverfolgen und verweist (anscheinend) sogar auf Al Capone, bezieht sich aber ziemlich sicher auf Drill als generelles Slangwort für vollautomatische Waffen bzw. das Schiessen einer Waffe. Allerdings bekennen sich auch ungefähr fünf verschiedene Artists dazu, den Begriff etabliert zu haben. 2011 betritt der wohl wichtigste Protagonist der Drill-Kultur und einer der einflussreichsten HipHop-Artists der Dekade die Szene – Chief Keef, Jahrgang 1995, damals knappe 15 Jahre alt. In diesem Jahr veröffentlicht Chief Keef zwei Mixtapes, die sich innert kürzester Zeit zu Drill-Klassikern mausern, und sein Debütalbum «Finally Rich», das schliesslich die Decke dieses Underground-Dings völlig sprengt. Die Glory Boys aka. GBE oder Glo Gang, wie sich die Clique um Chief Keef nennt, stehen dank Hits wie «I Don’t Like», «3Hunna» oder «Love Sosa» plötzlich in internationalem Spotlight und Kanye West veröffentlicht schliesslich den Remix von «I Don’t Like», um Chief Keef defintiv als Drill-Golden-Boy zu festigen.

«Drill-Clips sind ein völlig absurdes Stück Kultur. Es ist keine künstlerische Inszenierung von realen Begebenheiten in den Nachbarschaften grosser amerikanischer Städte, sondern eine Abbildung.»

Drill steht jetzt also in den HipHop-Charts, repräsentiert durch einen noch nicht volljährigen Chief Keef, der unter polizeilichem Hausarrest extrem rohe, ungefilterte Musikvideos veröffentlicht. Waffen, Drogen, sehr eindeutige Referenzen an etliche Aspekte der Gang Culture – ein Cocktail, der der amerikanischen Popkultur längerfristig nicht ins Bild passt, weshalb das Drillphänomen wieder im Untergrund verschwindet. 2011-2012 ist zumindest auf kommerzieller Ebene das goldene Zeitalter der Drill-Ära. Dennoch wird Chief Keef heute als einer der einflussreichsten Musiker der letzten Dekade betitelt und das nicht nur von Die-Hard-Keef-Fans, sondern auch von Kritikern und Musikern. Nicht umsonst ist Chief Keef auf einigen der grössten Trap-Alben als Feature vertreten. So wird ein 24-Jähriger heute als einer der unbestrittenen OGs der Trap-Kultur betitelt. Wie kommt das?

Musik als Statussymbol, Kultur als Nebeneffekt

Über die letzten zehn Jahre hat Chief Keef 34 (!) Mixtapes, 4 Studioalben und etliche Singles veröffentlicht. Dies neben weiteren dutzenden Mixtapes, die angekündigt und nie veröffentlicht wurden und enorm viel Material, das geleakt wurde. Was zu Beginn über Gucci Mane als Einfluss in Bezug auf den musikalischen Output beschrieben wurde – genau das ist gemeint. Besonders interessant sind bei Chief Keef aber die Parallelen zu den Künstlern, die in den vergangenen Jahren als Newcomer gehandelt wurden und jetzt mehr oder minder Stars sind. Playboi Carti, Lil Uzi Vert, Young Nudy, Famous Dex und viele mehr fahren eine Schiene, deren Fundament in Sosas acht Jahre alten Mixtapes zu hören ist. Ganz konkret äussert sich das in Flows, in einer bestimmten, versierten Art und Weise, die Stimme dynamisch einzusetzen und in minimalistischem, pragmatischem, wenn auch stumpfem Text, der aber oft mit einer Prise Humor verstanden werden muss.

Der Unterschied zum heutigen Soundbild liegt in der Herangehensweise in der Produktion und in den Umständen, unter denen die Musik produziert wurde. Heute ist das Netz überflutet mit sauber produzierten «type beats». Es ist ein Zeitalter, das von Austausch und ständiger Verfügbarkeit geprägt ist. Zu Beginn der 2010er-Jahre sieht das vor allem in Chicagos Suburbs wie Englewood völlig anders aus. Für einen guten Mix und sauberes Mastering braucht man Geld. Und wenn man sich die Musikvideos jedes Drill-Artists vor 2014 ansieht, wird klar, dass dieses Geld nicht vorhanden ist und vielmehr mit dem gearbeitet wird, was man zur Verfügung hat. Die Qualität der Musik (auf Mix-Ebene) ist abhängig von jungen talentierten Producern wie Young Chop oder DJ KENN, die eine Fülle an Beats auf verschiedenen Projekten verschiedener Künstler stellen, sich aber nicht um perfektes Mastering kümmern können – was übrigens keineswegs eine drillspezifische Erscheinung ist, sondern etwas, was sich durch die gesamte frühe Underground-Newschool-Szene zieht – auch frühe Young Thug Mixtapes sind eher schlecht als recht abgemischt. Das hat nichts mit Faulheit oder schlampiger Arbeitsmoral zu tun, sondern mit der Herangehensweise an die Musik. Für einen Jugendlichen aus einem Viertel, in dem es fast keine Perspektiven gibt, existieren grundsätzlich nur zwei Optionen, um Geld zu machen und aus dem Viertel herauszukommen: Kriminalität oder Musik. Und in einem Streetrap-Kontext geht das gerade hier Hand in Hand.

«Für einen Jugendlichen aus einem Viertel ohne Perspektiven, existieren zwei Optionen, um Geld zu machen: Kriminalität oder Musik.»

Nicht umsonst endeten einige Beefs innerhalb der Drill-Szene im Tod eines jungen Rappers. Diese Tragik zeigt sich besonders deutlich in Musikvideos. Drill-Clips sind ein völlig absurdes Stück Kultur. Es ist keine künstlerische Inszenierung von realen Begebenheiten in den Nachbarschaften grosser amerikanischer Städte, sondern eine Abbildung. Drill ist nicht nur Ventil und Statussymbol für junge Menschen aus diesen Gegenden, es ist auch der einzige Weg aus Chicagos oder Chiraqs, wie Chicago auch genannt wird, Vorstadt zu entkommen.

Die Post-Finally-Rich-Ära

Durch den kommerziellen Erfolg, den Chief Keef zu Beginn der Dekade dank einem Debütalbum, vollbeladen mit Clubbangern, geniessen durfte, stand diese Tür auch für andere wenigstens ein Stück weit offen. Nicht nur Keefs GBE-Clique war eine Möglichkeit geboten, in dieser absurden Welt zwischen Gang Violence und internationaler Wertschätzung für diesen völlig neuen, ungeschliffenen Stil von Gangster-Rap, persönlichen Profit zu schlagen – einige Rapper aus Chicago wie Lil Durk und G Herbo konnten sich in den nachfolgenden Jahren auf grösserer Bühne einen Namen machen. Von vielen Drill-Fans wird die Zeit nach Finally Rich als goldenes Zeitalter angesehen, auch wenn der kommerzielle Erfolg nicht mit Chief Keefs Profil der Vorjahre vergleichbar war, wobei auch Keef an Popularität einbüssen musste und stattdessen sehr effizient an seinem umfassenden musikalischen Vermächtnis arbeitete. Die Post-Finally-Rich-Mixtapes beinhalten einige der absolut besten und wichtigsten Chief Keef-Projekte wie beispielsweise «Almighty So», waren aber nie auf derselben Ebene massentauglich wie die Hits à la «Hate Bein’ Sober». Das hängt auch damit zusammen, dass viele Drill-Artists den Push in den Mainstream nicht so aktiv gesucht haben, wie es andere Künstler taten. Diese Jahre waren geprägt von einer Fülle an starken Drill-Songs, wobei fast jeder Rapper aus dieser Szene Drill ein wenig neu interpretierte. Drill konnte so sowohl mit lyrischem Fokus (bspw. G Herbo), näher orientiert an einer Trap-Schiene (Lil Bibby), durch noch explizitere, düsterere Drill-Adaptionen (Fredo Santana) oder auch in melodischer Interpretation (SD) umgesetzt werden.

Dies ist auch die Zeit, in der Drill ein internationales Phänomen wird. Durch den kommerziellen Erfolg von Chief Keef werden verschiedene junge Künstler in verschiedenen Städten und Ländern auf Drill als Erscheinung des Undergrounds aufmerksam. An dieser Stelle ist es auch nötig einen Sprung bis fast in die Gegenwart zu machen, denn ganz kurz, wenn auch sehr generalisierend gesagt: Was in Chicago zu Beginn der 2010er-Jahre passiert ist, passiert einige Jahre später in verschiedenen Ecken der Welt. Nicht umsonst existiert heute nicht nur eine UK Drill-, sondern auch eine Irish Drill-, Australian Drill- oder sogar eine Japanese Drill-Szene. Und damit ist noch keine amerikanische Stadt erwähnt, die neben Chicago eine drillinspirierte Bewegung etabliert hat.

«Was in Chicago zu Beginn der 2010er-Jahre passiert ist, passiert einige Jahre später in verschiedenen Ecken der Welt.»

UK Drill & Irish Drill

Blickt man über die Stadtgrenzen von Chicago und erst recht über die Landesgrenzen hinaus, offenbart sich eine seltsame musikalische Distanz zu anderen Drill-Szenen. Bisher wurde mit Drill ein spezifisches Soundbild und eine bestimmte Umsetzung von «Gangster-Rap» bezeichnet. Drill bezeichnet mittlerweile aber fast mehr eine Herangehensweise und eine gewisse Attitüde und Atmosphäre als eine spezifische Sonorität von Musik. Ein Einfluss ist sicherlich nicht zu leugnen, über die Jahre ist im UK aber ein völlig eigener Stil zwischen Chicago Drill, Trap und Grime entstanden. UK Drill klingt nicht wie Chief Keef, die entscheidende Parallele liegt erneut viel mehr in den Umständen, in denen die Musik produziert wird – mit einem Unterschied: Das Produktionslevel ist mit der Popularität von Soundcloud und Youtube, vor allem für junge, talentierte Produzenten klangtechnisch auf ein völlig neues Level angestiegen. Die Musik ist nicht besser geworden, sondern cleaner – eine Entwicklung, von der fast alle Newcomer profitieren können.

Gemeinsamkeiten werden allerdings besonders offensichtlich in den Musikvideos, in deren Herangehensweise sich nichts geändert hat. Noch immer sind sie eine mehr oder weniger dokumentarische, reale Inszenierung des Alltags in schwierigen Nachbarschaften mit Masken, Waffen und Drogen. Was sich namentlich als UK Drill durchgesetzt hat, trägt ideologisch und auch in der Lingo viel Drill mit sich. Durch verschiedene junge Drill-Szenen entsteht also ein thematisches Netzwerk, das ohne viel Austausch untereinander in völlig verschiedene Musikstile abdriftet.

«Drill bezeichnet mittlerweile aber fast mehr eine Herangehensweise und eine gewisse Attitüde und Atmosphäre als eine spezifische Sonorität von Musik.»

Drill in Deutschland und der Schweiz?

DAWILL hat vor einigen Monaten einen Song mit dem Namen «Swissdrill» veröffentlicht. In Deutschland wird beispielsweise Luciano mit dem Drill-Begriff in Verbindung gebracht. Und auch Moneyboy – der gerade in Bezug auf den musikalischen Output eindeutige Parallelen mit Chief Keef und Co. zeigt – hat über die Jahre einige Songs veröffentlicht, die sich an Drill-Instrumentals orientieren. Aber ist das Drill?

Bei DAWILL sehe ich die Parallele persönlich nicht im gleichen Ausmass wie im UK, auch wenn ich das Soundbild, das DAWILL adaptiert, sehr gerne öfter in einem schweizerischen Kontext sehen würde. Betrachtet man den Aspekt, dass Drill eher eine bestimmte Herangehensweise bezeichnet, ist es schwierig, in einem Land wie der Schweiz eine Drillkultur zu etablieren. Und auch Moneyboys Interpretation dieses Soundbilds ist nicht auf die gleiche Stufe zu setzen. Zu viele reale Problematiken sind mit dem Drill-Begriff verbunden. Luciano hingegen präsentiert heute eher eine Umsetzung des UK-Drill-Klangprofils. Ein Vergleich mit Chief Keef wäre weit hergeholt, aber die traplastige, ausgefeilte und doch scheppernde Produktion erinnert an UK-Artists wie beispielsweise Abra Cadabra. Der Unterschied zu Chicago Drill ist hier, dass Lucianos Drill-Interpretation nie einen so bedeutenden Einfluss auf die Kultur haben könnte wie Chief Keef, da in Deutschland schon Künstler wie Haftbefehl die rohe, unzensierte Message, die auch Drill ein Stück weit vermittelt, transportiert haben. Deutschland, die Schweiz und auch Frankreich brauchen keine Drillszene, weil andere Künstler bereits dieselbe anarchistische, hedonistische Attitüde an den Tag gelegt haben – auch wenn nicht mit derart expliziten Visuals und Texten wie die Kids aus Chicago.

Fazit

Wieso also ist Drill so wichtig, als dass man einen 2500-Wörter-Artikel darüber schreiben müsste? Es ist bei weitem nicht so, als wäre Drill das Nonplusultra betreffend Einfluss auf die Musik, die heute veröffentlicht wird. Im letzten Jahrzehnt hat sich eine Fülle an Stilrichtungen verteilt über die ganze Welt etabliert, gerade im New-School-Kosmos. Was Drill meiner Meinung nach besonders interessant macht, ist die Beziehung zur kommerziellen Seite des Musikbusiness. So könnte man Drill als letzte Station vor dem Kommerz bezeichnen. Drill war lange zu roh, zu geladen, zu explizit, um in diesem popkulturellen Kontext zu funktionieren – was, wenn man ehrlich ist, auch keine Überraschung ist. Dennoch hat es Chief Keef mit als 15-Jähriger geschafft, Drill langfristig international zu machen, wenn auch nicht im Mainstream. Und heute, fast zehn Jahre später, steht UK Drill in England wieder in den Charts. Es ist eine Erfolgsgeschichte junger Leute ohne Perspektive inmitten eines gescheiterten Systems. Das ist nicht geographisch abhängig, sondern traurigerweise ein allgemeingültiges Phänomen in verschiedenen Staaten. Das Positive: Momentan scheint es, als hätten sich diese zehn Jahre Entwicklung ausgezahlt. Ich denke nicht, dass es für UK Drill und alle anderen Drillszenen möglich ist, einen dauerhaften Platz im Popgeschäft zu finden, aber Drill ist wieder, wie schon vor zehn Jahren, DAS heissgehandelte Phänomen im Underground schlechthin. Es ist wieder ein Öffnen einer Tür für junge, talentierte Künstler zu beobachten, deren Umstände sich durch einen Trend verbessern können.

Drill ist keine Schmiede von Superstars, sondern ein Ausweg. Und damit schwingt immer eine gewisse Tragik mit. Es gibt fast keine Interviews mit Drill-Rappern, in denen Leid und Verlust nicht die eine oder andere Rolle spielen. Die Listen der Todesopfer, die durch Beefs verschiedener Drill-Lager in den Suburbs gefordert wurden, sind lang. Chief Keefs musikalisches Vermächtnis ist eines der wichtigsten der letzten zehn Jahre, doch auch das hat seinen Preis. Keefs Cousin Fredo Santana verstirbt 2018 an den Folgen seines Drogenkonsums. Newcomer L’A Capone wird mit 17 Jahren vor seinem Studio erschossen. Lil Jojo, ebenfalls ein einst nicht unbekannter Newcomer, wird mit 18 Jahren in seiner eigenen Nachbarschaft erschossen. Der Slangbegriff «Tooka», der nachfolgend nicht nur in der Drillszene verwendet wird, bezieht sich auf einen 15-jährigen, erschossenen Gang Member.  Etliche Drillrapper wie Cdai oder RondoNumbaNine sitzen im Gefängnis, oftmals für Mord oder ähnliche Vergehen. Die Drillkultur ist keine harmlose und fordert jährlich Todesopfer. Das ist primär nicht die Schuld der Musik, sondern die des Systems, die diesen jungen Menschen keine Optionen offen lässt. Dennoch war es möglich, aus dieser Misere etwas zu erschaffen, was die HipHop-Kultur der kommenden Jahre grundlegend verändern würde.

In diesem Artikel musste platzhalber vieles ausgelassen und generalisiert werden. Wer sich aber genauer mit der Drillkultur und ihrem Impact auf die heutige Musikszene beschäftigen will: Noisey hat 2014 eine sechsteilige Dokumentation über «Chiraq» gedreht – ein seltener Blick hinter die Kulissen eines skurrilen Phänomens, das nicht nur HipHop, sondern auch Chicago verändert hat.

Chicago Drill-Glossar der wichtigsten Persönlichkeiten: Chief Keef, King Louie, G Herbo, Lil Durk, Fredo Santana, Tadoe, Lil Reese, Pacman, Capo, Lil Jay, SD, L’A Capone, Sasha Go Hard, Lil Bibby, Cdai, Gino Marley, Ballout, RondoNumbaNine, DJ KENN, Young Chop.

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