«Diskriminierung ist Alltag geworden»: Interview mit PTM
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2020

Black Lives Matter

«Diskriminierung ist Alltag geworden»: Interview mit PTM

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«Diskriminierung ist Alltag geworden»: Interview mit PTM

Valentin Oberholzer
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«Diskriminierung ist Alltag geworden»: Interview mit PTM
Quelle:
Claudio De Capitani
Wie verbreitet ist Rassismus in der Schweiz und im Schweizer Rap? Was können wir gegen Diskriminierung tun? LYRICS spricht mit der multikulturellen Rap-Crew PTM aus Bern.

Die Black-Lives-Matter-Demos in den Schweizer Grossstädten, etliche Medienberichte und eine breite öffentliche Diskussion in den Sozialen Medien zeigen, dass 2020 zumindest Teile der Schweiz endlich bereit sind, über Rassismus zu reden.

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Die Berner Rap-Crew PTM besteht aus dem Künstler-Trio Walter Nice, Kater Karlo und Moro, die ihre Wurzeln in Südafrika, Sri Lanka und im Jemen haben, aber zusammen in der Berner Länggasse aufgewachsen sind.

PTM, wo begegnet ihr im Schweizer Rap Diskriminierung?

PTM: Wir können zum Glück sagen, dass wir im Rap noch nie aufgrund unserer Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert wurden. Wir sehen unsere Kunst auch mehr als Empowerment, das heisst, wir achten auf bestärkende Elemente und weniger auf die strukturellen Benachteiligungen. Aber Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das unweigerlich auch in den Rap einfliesst.

«Übeltäter öffentlich blosszustellen halten wir für einen radikalen, aber legitimen Schritt.»

Wie äussert sich dieses Problem?

PTM: Alle Formen von Diskriminierung, also auch Sexismus oder Homophobie, tragen ein hässliches Face. Generell wird eine Minderheit von der Mehrheit unterdrückt, jedoch bleibt es schwer für Betroffene, dies zu beweisen. Wenn jemand die gewünschte Lehrstelle oder Wohnung aufgrund seines Aussehens nicht erhält, so kann er das nicht wirklich beweisen, obwohl im klar unrecht getan wird.

Es gibt aber auch ganz konkrete Fälle, beispielsweise wenn wir in der Stadt hinter jemandem laufen und die Person klammert plötzlich ihre Handtasche fest. Diskriminierung ist Alltag geworden.

«Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das unweigerlich auch in den Rap einfliesst.»
«Gut möglich, dass der BLM-Hype in zwei Monaten wieder vorüber und das Thema nicht mehr aktuell ist.»

Und wie geht man mit diesen konkreten Fällen um? Was sollte man beispielsweise tun, wenn sich ein Clubbesitzer rassistisch äussert?

PTM: Übeltäter öffentlich blosszustellen, wie es in diesem Fall geschehen ist, halten wir für einen radikalen, aber legitimen Schritt. Ein zentrales Anliegen von PoC ist es schliesslich, gehört zu werden, ihre Stimme zu erheben und auf Missstände aufmerksam zu machen. Man muss nicht alle Menschen mögen, aber wenn du jemanden nicht magst, dann hoffentlich aufgrund seiner Person und nicht aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seiner Hautfarbe. Wenn du anfängst, diese Dinge zu attackieren, ist klar, dass du keine Argumente mehr hast und verzweifelt bist.

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Wie erlebt ihr die aktuelle Rassismus-Diskussion als direkt betroffene?

PTM: Black Lives Matter löst bei vielen Mitgliedern der schwarzen Community gemischte Gefühle aus. Es ist schön, wie viel Aufmerksamkeit das Thema heute geniesst. Andererseits ist es erstens viel zu spät, zweitens eine viel zu oberflächliche Diskussion und drittens gut möglich, dass der BLM-Hype in zwei Monaten wieder vorüber und das Thema nicht mehr aktuell ist. Die grösste Problematik liegt wahrscheinlich darin, dass der systematisierte Rassismus – nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz – so stark verwurzelt ist, dass es viel braucht, um daran etwas zu ändern. Viele Menschen merken gar nicht, wenn sie sich rassistisch verhalten.

«Wenn ich zum tausendsten Mal gefragt werde, ob jemand meine Haare berühren darf, dann ist das rassistisch.»

Könnt ihr das ausführen?

Walter Nice: Wenn ich zum tausendsten Mal gefragt werde, ob jemand meine Haare berühren darf, dann ist das rassistisch. Dabei geht es mir aber nicht um meine Haare. Es geht darum, als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft anerkannt zu werden und nicht ständig suggeriert zu bekommen, nicht ganz dazuzugehören.

Kater Karlo: Wenn ich zum Beispiel im Sommer am Schatten sitze und dann jemand zu mir sagt: «Hä, magst du die Hitze nicht? Dort, wo du herkommst, ist es doch noch viel wärmer.» Aber ich bin Schweizer Bürger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ich denke, das ist ein völlig unüberlegter rassistischer Satz, der aber von einer Person kommt, die nicht bewusst rassistisch ist.

Und wie reagiert ihr in so einem Fall?

PTM: Am besten ist es wahrscheinlich, diese Personen direkt anzusprechen und zu sagen, dass das Gesagte verletzend ist. Es geht mitunter darum, die andere Person zum Nachdenken anzuregen.

Wie sieht denn ein respektvoller Umgang mit schwarzer Kultur und PoC aus?

Moro: Ich finde schon die Frage kritisch. Ich will nicht gefragt werden, wie man mich behandeln soll. Niemand sollte aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe besser oder schlechter behandelt werden. Es sollte doch eigentlich klar sein, dass wir alle Menschen sind.

PTM: Im Grunde geht es für uns alle darum, unser Gegenüber als ebenbürtigen Menschen zu schätzen. Behandle jeden Menschen so, wie du gerne behandelt werden möchtest. Wir sind im 21. Jahrhundert, verdammt nochmal!

«Ich will, dass meine Kinder die gleichen Chancen erhalten wie die Kinder der Nachbarn.»

Was kann unsere Leserschaft konkret tun, um gegen die Diskriminierung anzutreten?

PTM: Überdenkt eigene Aussagen und Taten. Sprecht rassistisch geprägte Situationen an. Haltet die Augen offen. Rassismus passiert tagtäglich in unserem Umfeld. Spread Love! Zeigt Mut und Stärke! Geht wählen. Gebt Rassisten keinen Raum.

Moro: Wir müssen jetzt etwas Grundlegendes in unserer Gesellschaft ändern. Rassismus ist schon im Kindergarten oder bei der Lehrstellen- und Wohnungssuche weit verbreitet. Dort müssen wir anfangen. Ich will, dass meine Kinder die gleichen Chancen erhalten wie die Kinder der Nachbarn.

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