Was macht eigentlich Lügner?
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2020

Stadt-Zürcher Urgestein

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Was macht eigentlich Lügner?

Yanitt Thoma
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Was macht eigentlich Lügner?
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Für diese Rubrik gehen wir zurück zum Ursprung. Immer wieder werden wir von Songs in die verschiedensten Etappen unseres Lebens zurückgeworfen. Diese Tracks haben uns durch alle möglichen Lebensphasen begleitet. Viele Helden unserer Jugend sind mit der Zeit von der Bildfläche verschwunden. Wir, die von ihrer Musik geprägten Kids, fragen uns deshalb: Was machen sie eigentlich heute?

Wenn man über die Avantgarde des CH-Raps spricht, fallen zunächst oft Namen wie Black Tiger oder EKR. Auch Bligg und die Jungs von Gleiszwei gehören zweifelsohne zu den Pionieren unseres geliebten CH-Rap. Lügner hingegen ist ein Artist denn wohl weniger Leute noch auf dem Schirm haben, obwohl er einen immensen Beitrag für die Szene geleistet hat. Als gelernter Toningenieur hat sich Lügner nicht nur auf das Schreiben von Texten fokussiert sondern auch selber Beats gebaut, Studios aus dem Boden gestampft und darin die ersten Gehversuche grosser Namen wie Bligg oder Rennie von Sektion Chuchichäschtli und vielen weiteren namhaften Künstlern recordet und abgemischt. Seine erste Crew Mamanatua konnte schon damals national sowie international Aufsehen erregen. Nach der Trennung von Mamanatua gründete Lügner zusammen mit Tiisär das Rap-Duo paar@ohrä und veröffentlichte seine Musik fortan auf Mundart. Es folgten etliche Releases und weitere Kollabo-Projekte, die der hiesigen Szene so richtig einheizten. 2005 erschien sein langersehntes und bisher einziges Solo-Album «Kukelikki». Nebenbei moderierte er 10 Jahre lang das Black Music Special auf SRF 3, produzierte eine Vielzahl an Musikvideos und brachte sich in unzähligen anderen Bereichen ein. Gerade weil Lügner noch so viele Sachen nebenbei macht, ist er vor allem in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund geraten und daher fragen wir uns: Was macht eigentlich Lügner?

Deine letzten musikalischen Lebenszeichen sind schon einige Jahre her. Machst du überhaupt noch Musik?

Yes. Ich habe eigentlich nie damit aufgehört, an Beats zu schrauben und zu texten. Das einzige was sich verändert hat: Ich veröffentliche die Sachen nicht mehr unbedingt. Mir hat früher schon die Arbeit im Studio am besten gefallen: das Samplen, das Texten, das Mischen und Mastern, das Stylen, also das ganze kreative Gedöns. Ich kann stundenlang bei mir im Studio hängen und einen neuen Track von mir selber feiern, ohne dass ihn sonst jemand zu hören bekommt. Alles was mit Releasen zu tun hat ist mir aber zu mühsam geworden. Gerade vor Kurzem habe ich mir jedoch vorgenommen mal wieder ein Projekt zu droppen. Ob man das noch Rap nennen darf, ist fraglich aber ich habe selber eine Scheiss-Freude dran und hoffe, andere genauso.

Du warst jahrelang als Radiomoderator, Regisseur und Fotograf tätig. Gehst du diesen Tätigkeiten noch immer nach?

Letzten November habe ich mich entschieden nach 20 Jahren am Radio-Mikrofon, dieses Kabel auszustöpseln. Die Entscheidung fiel zugunsten all meiner anderen Interessen. Nun habe ich noch mehr Zeit für Foto, Video, VisualFX, Beats, Sounds, Graphics, 3D-Printing und alle denkbaren Zwischenformen. Ich bin wieder viel mehr mit meiner Kamera unterwegs und schiesse gerne Streetphotos. Ich stehe auch wieder viel mehr am DJ-Pult und habe mir meinen eigenen digitalen Flipperkasten zusammengebaut. (Mehr Infos zu all diesen Projekten auf sascharossier.com) Du merkst: Ich lass mich einfach treiben und klink mich überall ein, wo mich etwas inspiriert. Ich arbeite ja immer noch beim Radio, einfach im Hintergrund: Als Teamleiter des Audio-Layouts gehöre ich mit zu den Audio-Nerds, die für alle Radio-Sender die Signete und Trailer schrauben. Ich bin auf eine gewisse Weise also immer noch subversiv im Untergrund tätig. Aber die kurze Antwort auf deine Frage wäre: Ja. Und wie!

Verfolgst du die Geschehnisse der Schweizer Rap-Szene immer noch?

Ich bin sicher nicht mehr so hautnah dabei wie zu meiner aktiven Zeit oder zu der Zeit, als ich noch das Black Music Special moderiert habe. Schweizer Rap gehört aber nach wie vor zu meiner DNA und ich ziehe mir gerne den neuen Stoff rein. Auch wenn ich nicht alles feiere, was rauskommt, fasziniert es mich immer wieder zu sehen, was aus dem kleinen Pflänzchen geworden ist, das wir damals in den 90ern gepflanzt haben.

Wen feierst du aktuell besonders?

Ich habe Danase früher richtig peinlich gefunden und habe ihm mit dieser Meinung ziemlich unrecht getan: Heute bin ich Fan 4 Life und feiere seinen verpeilten, supercoolen Vibe. Bei Psycho'n'Odds nicke ich mit. Mit Knäck habe ich wieder meinen Frieden gemacht. Kaiser und Dimitri killen immer noch für mindestens 5 Eiszeiten. Bei Lil Bruzy muss ich oft schmunzeln. Der beste Rapper der Schweiz ist aber nach wie vor Luzi (GeilerAsDu/ Moskito). Niemand schafft es die traurige Realität mit einem so geilen Gemisch aus Witz, Zynismus und Therapie zu transportieren wie dieser Dude. Seit Jahren. King! Beim Release von «Hit 'em Up» von EAZ & XEN habe ich das System sowas von an den Anschlag aufgedreht. Tinguely de Chnächt, mein Lieblings Blues-Rapper ever, sollte wiedermal was droppen! Das gilt auch für Zitral aus Basel, aber der hat mit seinem Album «Rapscheiss» eigentlich auf Jahrzehnte hinaus alles gekillt und muss darum eigentlich gar nix mehr. Du merkst, so krass aktuell bin ich aber auch nicht mehr.

Rückblickend betrachtet, was war dein persönlicher Karrierehöhepunkt?

Dass ich dabei sein durfte, als es passierte. In dem Moment, in dem Schweizer Rap zu fliegen begann. Ich habe die erste Platte von Rokator aufgenommen. Ich habe die erste Scheibe von Bligg aufgenommen. (Ja, ich weiss - aber damals hat er noch richtig geil gerappt.) Rennie von Sektion Kuchichäschtli oder Dodo haben bei mir das erste mal in ein Studio-Mic gerappt. Das legendäre Vinyl «Kiosk» von EKR habe ich aufgenommen und bei Gleiszwei geholfen, ihr Studio zusammenzulöten. Ich und meine Kumpels haben die ersten Videoclips für Schweizer Rapper gedreht und unzählig viele CH-Rap-Plattencover gestylt. Ich zähle das hier nicht alles auf, um zu posen, sondern vor allem, um zu illustrieren, dass damals Ende Neunziger die Grundsteine gelegt worden sind für alle die Rap-Hochhäuser, die heute alles überschatten. Und mittendrin der kleine verpeilte, verkiffte Lügner, der davon träumte, dass Schweizer HipHop doch auch mal im Radio gespielt wird. Heute der Papi, der mit stolzem Blick beobachtet, wie seine Brut die Welt erobert. Mein Karrierehöhepunkt hält also eigentlich immer noch an.

Welches deiner Projekte würdest du als dein bestes bezeichnen?

Was für eine fiese Frage! Aber das wäre dann wohl mein Album «Kukelikki». Bei dem Album habe ich von A bis Z alles selber gemacht. Beats, Raps, Scratches, Mix, Videoclips, Graphics - keine meiner anderen Alben, EPs oder Maxis enthalten so viel von meiner persönlichen DNA wie «Kukelikki». Und es war mein erstes Projekt, das ich komplett nüchtern verwirklicht habe. Aber natürlich träume ich oft davon, dass mich Tiisär anruft und sagt: «Bruh, wie wäre es mit einem neuen paar@ohrä-Album?» Das wäre dann wohl das allergrösste Highlight.

Wird man ihn Zukunft noch von dir hören?

Jedes Mal, wenn du das Radio aufdrehst oder dir einen Podcast von SRF reinziehst. Und wie oben erwähnt, ist some Shit am köcheln. Wann es soweit ist: keine Ahnung. Ob es jemanden interessiert: keine Ahnung. Ich schicke es euch dann aber trotzdem.

Mehr über den immensen Einfluss des Zürcher-Urgesteins und seine Arbeit findest du in unseren Flashback-Histories der Anfangsjahre.

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