Wieso ein «Sexismus ist doof» nicht reicht und was das mit Nachwuchsförderung zu tun hat
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CH-Rap hat zwei Probleme

Wieso ein «Sexismus ist doof» nicht reicht und was das mit Nachwuchsförderung zu tun hat

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2020

CH-Rap hat zwei Probleme

Wieso ein «Sexismus ist doof» nicht reicht und was das mit Nachwuchsförderung zu tun hat

Yosina Koster
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Wieso ein «Sexismus ist doof» nicht reicht und was das mit Nachwuchsförderung zu tun hat
Quelle:
Youtube / Big Zis am SRF Virus Bounce Cypher
Ende Januar fand der legendäre SRF Virus Bounce Cypher statt. Über 80 Schweizer Rapper*innen steppten ans Mikrofon – darunter eine Handvoll Frauen und eine Handvoll junge Newcomer. Das löste Diskussionen über Sexismus & Nachwuchsförderung durch ältere CH-Rap-Generationen aus. Wir stellen uns deshalb die Frage, ob und wie die Diskussionen etwas miteinander zu tun haben, ob sie einander ausschliessen und wer sie führt.

Über den SRF Virus Bounce Cypher wird jeweils über die einschlägigen HipHop-Medien hinaus berichtet. Das ist gut so, schliesslich liegt es auch im Interesse der Rap-Kultur, dass die florierende Schweizer Rap-Szene diese Aufmerksamkeit erhält. Oft werden in den Berichterstattungen wichtige und polarisierende Themen wie Sexismus, Homophobie und Antisemitismus im Kontext des Raps aufgegriffen. So wurde das Thema Sexismus in einem Interview des Tages-Anzeigers mit Virus-Host Pablo Vögtli in den Vordergrund gestellt.

So berichtete der Tages Anzeiger über den Cypher

Diese Debatte ist unumstritten sehr wünschenswert; gibt man auf der LYRICS Magazin Website in der Suchfunktion das Schlagwort «Sexismus» ein, erscheinen über 20 Artikel. Das Thema ist auch innerhalb der HipHop-Medienlandschaft zu Recht längst angekommen. Doch auch das LYRICS Magazin ist in der Diskussion nicht über alle Zweifel erhaben, wie dieser Artikel der WOZ aufzeigt.

«Klingt alles gleich und alle fuchteln irgendwie mit Händen und Fingern herum – das sieht einfach verblödet aus. Nun ja, das passt zu den Texten, wovon die meisten verblödet bis primitiv sind.»

Mainstream-Medien wissen Bescheid über Sexismus im Rap

Die Berichterstattung der Mainstream-Medien bezüglich Diskriminierung im Rap ist für jeden mit minimaler Ahnung über die Rap-Szene meist repetitiv und oberflächlich. Ja, Rap hat ein Problem. Und ja, es muss darüber geredet werden. Aber als leidenschaftlicher Rap-Fan ist es schwierig ein kritisches Interview ernst zu nehmen, bei dem irgendeine Frau Brunner kommentiert: «Klingt alles gleich und alle fuchteln irgendwie mit Händen und Fingern herum – das sieht einfach verblödet aus. Nun ja, das passt zu den Texten, wovon die meisten verblödet bis primitiv sind». Grundlegende Kenntnisse über Rap scheinen dem Mainstream-Leser für eine qualitativ wertvolle Diskussion zu fehlen. Diese Lücken werden von den Formaten selten dadurch geschlossen, dass sie Hintergrundwissen über die Kultur liefern, wie es im Fall des Cyphers bezüglich des Competition-Aspekts hätte gemacht werden können. Die Fragestellungen sind oft suggestiv und einseitig. Umso wichtiger ist deshalb, dass die Diskussion innerhalb der Szene Platz hat.

Skinny Stylus fehlt die Nachwuchsförderung

Trotzdem können solche Berichte und Interviews zu wichtigen Diskussionen führen. So hat Rapper Skinny Stylus via Instagram-Story auf ein Interview des Tages-Anzeigers reagiert, bei dem 24 Dias, Big Zis und Landro auf das Thema Sexismus am Cypher angesprochen wurden.

Skinny Stylus kritisiert, dass das Thema Sexismus zu viel Platz einnehme und stattdessen betont werden soll, dass sich alteingesessene CH-Rapper zu wenig für die Förderung der jungen Newcomer einsetzten. Er reklamiert, dass er kaum davon gehört habe, dass Rap-Legenden wie Stress, Bligg oder eben Big Zis junge Rapper*innen zu sich ins Studio holen und unterstützen. Er zählt einige Rapper auf, die dies scheinbar besser umsetzen würden – wie zum Beispiel Don Fuego. Generell sieht er aber zu wenig Nachwuchsförderung.

«Wer wird das Game weiter führen wenn nicht die Jungen? Und wer könnte sie dabei besser unterstützen als die Älteren, Etablierten?»

Damit trifft Skinny natürlich direkt ins Herz unserer Redaktion, ist doch einer der Grundgedanken des LYRICS Magazins, junge Newcomer zu fördern. Tatsächlich gibt es fast keine bekannten Kollabos zwischen etablierten Rap-Legenden und Newcomern, die im grossen Stil gepusht wurden.

Das wäre aber elementar für die Schweizer Rap Kultur. Wer wird das Game weiter führen wenn nicht die Jungen? Und wer könnte sie dabei besser unterstützen als die Älteren, Etablierten? Als erstes Fazit kann also festgehalten werden, dass Support für eine neue Generation von Schweizer Rapper*innen, gerade durch ältere Generationen, durchaus wünschenswert für die Szene und die Kultur ist.

Was hat Sexismus mit Newcomer-Support zu tun?

Skinny Stylus meint, die Interviewten sollen sich lieber dem Newcomer-Thema widmen «anstatt» wie so oft dem Thema Sexismus. Ob er das unglücklich formuliert hat oder ob er tatsächlich der Meinung ist, dass beide Themen parallel in der öffentlichen Debatte keinen Platz haben, ist unklar. Das spielt aber auch keine Rolle. Viel spannender ist die Frage: Gehen die Themen nicht Hand in Hand?

«Warum sollte man in eine Szene wollen, in der man nicht willkommen ist?»

Der Cypher 2020 hatte vergleichsweise einen hohen Frauenanteil, trotzdem machten Frauen nur knapp mehr als einen Zehntel der Künstler*innen aus. Wie könnte sich das ändern? Warum haben so wenige Frauen Interesse daran, zu rappen? Maxim K.I.Z. stellte in einem Interview zum Thema Homophobie und Antisemitismus im Rap ab der neunten Minute sinngemäss die einfache Frage: «Warum sollte man in eine Szene wollen, in der man nicht willkommen ist?».

«Es handelt sich dabei also um Frauen, die seit Jahren Herzblut und Leidenschaft in eine Szene investieren, in der sie an jedem Event Punchlines auf ihre Kosten hören müssen.»

Erste Schritte gegen Sexismus sind Vergangenheit

Diese Frage ist vor allem im Zusammenhang mit Skinnys Kritik interessant. Wäre es nicht ein erster Schritt in Richtung einer Szene, in der sich Frauen willkommener fühlen, wenn Rapper*innen der älteren Generationen mehr junge Frauen unterstützen würden? Nein, ein erster Schritt wäre es bestimmt nicht. Erste Schritte haben nämlich mutige und unbeirrbare Frauen schon vor Jahren gemacht – so zum Beispiel Steffe la Cheffe, die schon vor Jahren immer wieder für ihr Dasein in der Rap-Szene rechtfertigen musste, was sie in diesem Interview ab der zweiten Minute thematisiert.

Ein weiteres Beispiel ist Big Zis 2010 auf ihrem Track «Hunger». Es handelt sich dabei also um Frauen, die seit Jahren Herzblut und Leidenschaft in eine Szene investieren, in der sie an jedem Event Punchlines auf ihre Kosten hören müssen.

Nachwuchsförderung als Ansatz gegen Diskriminierung

Wenn man aber beim bereits gezogenen Fazit der Nachwuchsförderung ansetzt: Wenn die älteren Generationen sich schon vornehmen würden, junge Newcomer zu pushen, dann wäre es nur sinnvoll, wenn dies mit Fokus auf das Thema Diskriminierung & Inklusion geschieht, wie es zum Beispiel das Förderprojekt «Helvetia Rockt» macht.

Denn wenn junge Menschen, die einer im Rap diskriminierten Gruppe angehören, egal ob Frauen, Mitglieder der LGBT-Community oder andere marginalisierte Rapper*innen, auf den Support von etablierten Rapper*innen zählen dürfen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in dieser Szene wohler fühlen und der Cypher 2030 mehr Diversität aufweisen kann. Und dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns die Szene nicht mehr von ahnungslosen Tagi-Leser*innen erklären lassen müssen.

Sexist ist der, der Sexistisches sagt. Oder doch nicht?

Spannend ist die Frage, wer die Aufgabe der Inklusion auf sich nehmen soll. Eine kurze Analyse des Interviews mit Big Zis, Landro und 24 Dias: Big Zis positioniert sich klar gegen Sexismus im Rap. Landro möchte selber nicht sexistisch rappen, sieht aber auch kein Sexismus-Problem im CH-Rap. 24 Dias weiss, dass er sexistisch rappt, findet es aber nicht so schlimm, beziehungsweise doch, er möchte seine Texte ja ändern, aber ein Sexist ist er nicht, möchte aber doch sexistisch rappen dürfen, halt einfach ohne die Sexisten-Wertung. Rassistisch rappen möchte er aber nicht, er ist schliesslich Doppelbürger und wenn man selber von einem Problem am Rande betroffen ist, dann geht das plötzlich mit dem Rücksicht nehmen. Ähm, ja.

Das Phänomen ungleicher Aufgabenverteilung

Auf jeden Fall betont Skinny Stylus in seiner Kritik am Interview, – vor allem in Bezug auf Big Zis – die Plattform hätte mehr für den Support der Newcomer genutzt werden können. Warum aber ausgerechnet Big Zis sich nun auch noch für dieses Thema hätte einsetzen sollen, nachdem sie schon die emotionale Arbeit des Kampfs gegen den Sexismus während des Interviews auf sich genommen hat, erklärt Skinny nicht. Warum nicht Landro? Warum nicht 24 Dias?

Es geht hier nicht darum, Skinny Stylus zu bashen. Er macht hier einen ganz klassischen Fehler, der jedem und jeder Feminist*in immer wieder begegnet:
Er erwartet, dass Menschen, die sich gegen eine Form der Diskriminierung einsetzen, sich auch gleich allen anderen Formen der Ungerechtigkeit oder, wie in diesem Fall, Baustellen in der Rap-Szene annehmen. Machen sie das nicht, sind sie nicht kredibil.

«Trotzdem machte die Nachbesprechung den Eindruck, als genüge die Anwesenheit der beiden den Männern in der Runde an sich schon, um sich selber innerlich auf die feministische Schulter zu klopfen.»

Aushängeschilder an der Cypher-Nachbesprechung

Big Zis hat sich bereits gemeinsam mit Patti Basler der Nachbesprechung des Cyphers gestellt. Natürlich ist es wichtig und richtig, dass sie diese Plattform nutzten und die wenigen Frauen des Cyphers repräsentiert wurden. Trotzdem machte die Nachbesprechung den Eindruck, als genüge die Anwesenheit der beiden den Männern in der Runde an sich schon, um sich selber innerlich auf die feministische Schulter zu klopfen.

Passiver Sexismus im Bounce-Team

Allgemein weckt das Bounce-Team immer wieder den Verdacht, dass es meint, Sexismus und andere Diskriminierung nicht gutzuheissen, sei ausreichend als Einsatz dagegen.

Kurz vor dem Cypher macht Mimiks in der Sendung die naive Aussage, Sexismus sei im CH-Rap nicht verbreitet. Folge: keine Widerrede von Seiten des Bounce-Teams. Nativ reflektiert in seinem Song «Jigeen» über seinen Umgang mit Frauen und wird dafür im Bounce-Interview gelobt, als käme er damit einem Friedensnobelpreis nahe. Beim grossen Jahresende-Rap-Quiz 2018 wird nach drei bedeutenden Rap-Beefs gefragt. Der Gefragte weiss nur von zweien. Pablo scherzt: «Macht nichts, beim dritten waren es sowieso nur Frauen». Dawill gibt in seinem Interview zum Track «Polyamorie» problematisches Gedankengut von sich. Das Bounce-Team lässt nicht nur das unkommentiert, sondern auch Dawills Versuch, den Image-Schaden am Cypher zu retten. Eine reflektierte & kritische Auseinandersetzung mit Dawills problematischen Aussagen sucht man bei Bounce vergebens. Zum Glück hat sich dieser Aufgabe aber die Journalistin Jessica Jurassica angenommen.

Absprache der Legitimation hindert den Fortschritt

Unter dem Strich zeigen solche Vorfälle auf, dass die Aufgabe, sich gegen Sexismus zu positionieren, oft an Frauen hängen bleibt. Schön, wenn Frauen dafür eine Plattform haben. Stark, wenn es Frauen wie Big Zis gibt, die mutig genug sind um diese Plattform zu nutzen. Diesen Stimmen jedoch mit dem Vorwurf angeblicher Vernachlässigung anderer Themen die Legitimation abzusprechen, ist problematisch. So wünschenswert mehr Newcomer-Support durch ältere Generationen auch wäre.

«Der Cypher 2020 hat auch deutlich gemacht, dass es nicht genügt, ab und zu in der Sendung oder beim Tagi zu sagen, dass man Sexismus und andere Formen der Diskriminierung ja schon «biz» doof findet.»

Mund aufmachen, wenn’s darauf ankommt

Der Cypher 2020 hat auch deutlich gemacht, dass es nicht genügt, ab und zu in der Sendung oder beim Tagi zu sagen, dass man Sexismus und andere Formen der Diskriminierung ja schon «biz» doof findet.

Wenn am Cypher eines Tages weniger als 85% Penisse hinter dem Mikrofon stehen sollen und der Tages-Anzeiger irgendwann berichten soll, wie fortschrittlich die Schweizer Rap-Szene ist, dann muss man sich auch dann gegen Diskriminierung aussprechen, wenn es unangenehm ist – vor allem dann. Und ja, Skinny, man muss Newcomer pushen – insbesondere jene, die im Rap marginalisiert werden.

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