Was ist Biting – und wo fängt es an?
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2019

Drake, Kontra K und Bushido: Vorwürfe berechtigt?

Was ist Biting – und wo fängt es an?

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2019

Drake, Kontra K und Bushido: Vorwürfe berechtigt?

Was ist Biting – und wo fängt es an?

Damian Steffen
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Was ist Biting – und wo fängt es an?
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Auf diese Frage kennt das Internet eine klare Antwort: «Rip off another person’s style in a plagiaristic context». Je länger man diese Definition im Kopf herumschwirren lässt, desto unfassbarer wird dieser Begriff. Wo hört Inspiration auf? Ist das dort wo Biting beginnt? Man kann zumindest versuchen, mit Beispielen eine Annäherung an den Begriff zu finden.

Der Begriff «Bite» stammt aus den Ursprüngen der HipHop-Kultur. Ganz ihrer Wiege entsprechend, sind es auch heute die HipHop-Heads, die am schnellsten den Zeigefinger heben und auf die schwarzen Schafe zeigen: «Das ist ein Bite, das gehört sich nicht.» Irgendwie komisch, ist doch auch Sampling in der Szene gang und gäbe – streng genommen auch Biting, nur eben akzeptiert.

Bushido, der Metal-Fan

Etwas übertrieben mit seinem Sample-Enthusiasmus hat Deutschraps Godfather of Gangster-Rap, Bushido. Er hat Tonfolgen der französischen Gothic-Band Dark Sanctuary quasi unverändert übernommen. Rechtlich ist der Fall klar: Bereits kleinste kopierte Tonfetzen müssten vom Urheber abgesegnet werden. In der Deutschrap-Community hat es hingegen nur wenige Stimmen gegeben, die Bushido als dreisten Biter verhöhnen. Vielmehr werden Siege der vermeintlichen Diebe vor Gericht gefeiert – als Fortschritt für die Kunstfreiheit. So war es zumindest im Fall Moses Pelham vs. Kraftwerk der Fall. Sampling scheint also sogar in den ganz dreisten Fällen den Biting-Check problemlos zu überstehen.

Drake schnappt sich XXXTENTACIONs Flow?

Einen etwas grösseren Widerstand musste Drake einstecken. XXXTENTACION schaffte anfangs 2017 den Durchbruch mit seinem ganz eigenen Stil. Auf Soundcloud nahm «Look at me» so langsam Fahrt auf, als Drake auf «More Life» einen auffällig ähnlich klingenden Flow auf den Beat packt. X, um dessen Person sich wegen seiner Gefängnisstrafe und den Vorwürfen um häusliche Gewalt bereits damals die wildesten Mythen gerankt haben, nahm durch die Geschichte ordentlich Clout mit, indem er bei jeder Gelegenheit gegen Drake stichelte.

Ist das ein Fall von Biting? Laut der Definition ja. Schliesslich wurde der anno dazumal einzigartige Style einfach für die eigene Produktion beansprucht. Ob man die Diskussion aber so starr führen muss, ist die zweite Frage. Oder wurde vor 20 Jahren auch jeder Rapper, der mit der selben einschläfernden Monotonie über die immerwährend gleichklingenden Boom-bap-Beats geflowt hat wie die Konkurrenz, des Bitens bezichtigt? Wohl nicht. Trotzdem: Die vermutlich plagiatorische Absicht Drakes, der sich bereits eine unrühmliche Historie in Sachen zu Schulden kommen gelassen hat, hinterlässt einen sehr bitteren Nachgeschmack. Mindestens Kritik ist deshalb wohl angebracht.

So gut würden sich die beiden Streitparteien auf einem gemeinsamen Song machen.

Percocet wird zu Quarterback

Songs, die hingegen wie eine 1:1-Kopie klingen, sind wohl die klassische Form des Bitens. Flow, Delivery, und Beat – wer seine Hausaufgaben in diesen Kategorien abschreibt, hat einen schweren Stand. Zumindest des Plagiats verdächtigen kann man aktuell KC Rebell, dessen «Quarterback» erstaunlich ähnlich wie Futures Riesen-Hit «Mask off» klingt. Jase Harleys «American Pharao» könnte Childish Gambino als Blaupause für seinen Grammy-prämierten Song «This Is America» gedient haben und auch Kontra K musste sich von den deutschen Szenemedien Vorwürfe zu «Fame» anhören, das nicht nur wegen des Titels stark an French Montanas «Famous» erinnert. Gar keine Mühe auf sich genommen, die Inspiration von Drakes «Controlla» zu verheimlichen, hat Tyga. Sein «1 of 1» klingt eher nach Abklatsch als kreativer Eigenleistung.

KC Rebell im Vergleich zu Future

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Childish Gambino im Vergleich zu Jase Harley

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Kontra K im Vergleich zu French Montana

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Tyga im Vergleich zu Drake

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Lines biten

Was man mit Beats und Konzepten machen kann, klappt selbstverständlich auch mit einzelnen Textzeilen. Wortspielereien und Punchlines werden von Rappern derart ausgereizt, dass Doppelschöpfungen quasi unvermeidlich sind – die Beweisführung gegen Biter wird umso schwieriger. Unvermeidlich sind deshalb auch die unermüdlichen Diskussionen in den YouTube-Kommentarspalten, darüber, wer denn diesen nicht mal so genialen «Wie-Vergleich» als Erster gedroppt hat. Das führt aber zum nächsten Dilemma: Wo haben in der Biting-Debatte Hommagen Platz? Diese Frage hat Drake wohl auch schon beschäftigt. Dieser hat sich nämlich nicht einer Line bedient, sondern hat auf «Who Do You Love?» kurzerhand einen ganzen Part quasi 1:1 übernommen. Immerhin hat er die Urheber noch mit einem Trinkgeld von 100'000 entlohnt.

Hommage (Duden: «Veranstaltung, Werk, Darbietung als Huldigung für einen Menschen, besonders einen Künstler»)

Könnte Drakes Part statt einer stumpfen Kopie, eine Hommage an Playaz Club sein? Es wäre ziemlich dumm, einen Part zu stibitzen und darauf zu hoffen, dass es niemand herausfindet. Dieser Plan mag bei einem Dorfrapper aufgehen, aber nicht beim erfolgreichsten Rapper aller Zeiten. Dass mit der Intention einer Hommage gehandelt worden ist, dürfte klar sein. Wie dreist es ist, mit einem fremden Part Millionen zu scheffeln, ist aber eine andere Frage.

Text-Biter können sich natürlich immer gut hinter dem Argument einer Hommage verstecken. Um eine solche von einer Kopie zu unterscheiden, gibt es einige Anhaltspunkte: Das Original sollte eine akzeptable Bekanntheit erlangt haben und der Künstler sollte mit dem Urheber minimal vertraut sein. Jemand, der das ausgezeichnet meistert, ist RIN. Egal ob Linkin Park-Beat oder GPC-Ad-lib: Die Hommagen an seine Idole lassen sich durch seine Liebe zur Popkultur der Nullerjahre oder seine regionale musikalische Sozialisierung ohne Widersprüche in das Weltbild des Bietigheimers einordnen. Damit gar niemand auf die Idee kommt, dich einen Biter zu nennen, packe am besten gleich den Namen des zu huldigenden Künstlers in den Titel. Bei Ufo361s aktuellstem Track «YKKE» (kurz für Yung Kafa und Kücük Efendi) sind Zweifel gleich im Keim erstickt worden. Hätte er seinen Track wohl nicht derart gebrandmarkt, hätten die Rap-Fans wieder in sekundenschnelle die Biting-Keule ausgepackt.

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