Reportage: «Diesen Job nennt man ‘Rap-Video-Bitch’»
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September
2019

Rap & Sexismus

Reportage: «Diesen Job nennt man ‘Rap-Video-Bitch’»

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September
2019

Rap & Sexismus

Reportage: «Diesen Job nennt man ‘Rap-Video-Bitch’»

Dominik Müller
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Reportage: «Diesen Job nennt man ‘Rap-Video-Bitch’»
Quelle:
Moritz Keller
Bellydah ist gemäss eigener Angaben Tänzerin, Showgirl und spielt des Öfteren die «Rap-Video-Bitch» in verschiedensten Clips von Schweizer und Deutschen Rappern. Nebst dem schnellen Geld ist Bellydah zu grossen Teilen auf «Fame» aus, wie sie offen zugibt. Auf Anfrage des LYRICS Magazin hat sie sich dazu bereit erklärt, im Vorfeld einer ihrer Tanz-Auftritte im Zürcher Nachtleben, einem Journalisten Einblick in ihre Sichtweise der Dinge zu gewähren. Zusammengefasst werfen die Statements von Bellydah Licht auf eine Perspektive, welche in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu Rap und Sexismus zu Unrecht und zu lange im Dunkeln gelegen hat. Nach Ansicht vieler Personen stellen Frauen wie Bellydah die Personifizierung der Problematik dar. Doch fühlt sich das in Rapperswil beheimatete Showgirl keinesfalls in einer Opfer-Rolle. Im Gegenteil. Wenn es nach Bellydah geht, stehen die Tänzerinnen in den Videos den Rappern in Nichts nach. Eine Erzählung über den Arbeitsalltag eines Showgirls soll uns der Wahrheit über Rap und Sexismus einen Schritt näher bringen.

Die letzte Antwort Bellydahs auf meine Interviewfragen verklingt im Raum, während ich die Tonaufnahme meines Smartphones unterbreche. Eine tiefe Zufriedenheit setzt ein. Bereits jetzt weiss ich, dass mir das Abtippen des Interviews keine Mühe, sondern Freude bereiten wird. Auf gelinde gesagt «heikle» Fragen, welche sogenannte «Tabu-Themen» betreffen, habe ich für einmal keine sorgfältig durchdachten, lauwarmen Antworten erhalten. Im Gegenteil, Bellydah sind die unverkennbar aufrichtig gemeinten Zeilen brühend heiss herausgesprudelt. Ich stecke mein Mobile in die Tasche, lehne mich zurück und betrachte die Person, die vor mir auf einem kleinen Sofa sitzt. Mein Vis-à-vis, Zigaretten rauchend, Vodka trinkend und leicht bekleidet, übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Obwohl Bellydah zweifellos grossen Wert auf Oberflächlichkeiten setzt, ist es nicht ihr Äusseres, das mich in Bann zieht. Meine Gedanken werden vielmehr gefesselt von dieser inneren Leichtigkeit, mit der Bellydah Themen zur Sprache bringt, welche den meisten in unserer Gesellschaft den Mund eher verschliessen als öffnen.

[Moritz Keller]

Provokation sei ihr Geschäft, hatte mir Bellydah während des Interviews mitgeteilt. Jetzt frage ich mich: Habe ich da wirklich einen eigenständigen Charakter vor mir, der sich nicht von anderen Meinungen beeinflussen lässt, oder jemanden, der sich bloss vom einen Zwang befreit, um sich sogleich einem anderen zu unterwerfen? Dem Zwang, der ihn dazu bewegt, sich demonstrativ anders zu verhalten? Ich treffe zu früh zu unserem Interview ein, blicke auf mein Smartphone und sehe darauf eine Sprachnotiz von Bellydah. Sie meldet eine kurze Verspätung an und nennt mir eine Nummer, deren Inhaber uns zwei Minuten später in die Härterei in Zürich hereinlässt.

Ich warte. Nicht sehr lange, da tritt unser Interviewgast ein. Kurze Begrüssung. Das erste persönliche Treffen mit Bellydah erfolgt genau gleich wie unsere bisherige Kommunikation über Instagram und WhatsApp – unkompliziert und entspannt. Wir begeben uns in den Backstage Bereich. Bellydah wird begleitet von Tiffany, ihrer langjährigen Freundin und Arbeitskollegin, wie ich später erfahre. Die beiden wurden von den Veranstaltern einer neuen Partyreihe gebucht, um als Aushängeschild für Marketing und Promo zu glitzern und während des Abends eine Tanzeinlage zum Besten zu geben. Keine üble Wahl. Bellydah hat nebst einer stark Kurven betonten Figur auch eine nicht zu unterschätzende Reichweite auf Social Media anzubieten. Man kennt ihren Namen. Tiffany macht als Blondine mit Badgirl-Look eine gute Figur auf dem Werbeflyer der Party und bildet einen Ausgleich zum auffälligen Portrait Bellydahs, deren Gesicht mittlerweile in der halben Schweiz bekannt ist. Erst zwei Tage zuvor wurde veröffentlicht, dass Bellydah als Kandidatin in der nächsten Staffel der TV-Serie «Der Bachelor» steht. Kaum sind wir oben in der Backstage-Lounge angekommen, spricht mich Bellydah auf ihre Teilnahme an. «Hesch gseh?». Ja, hab ich.

Die Tür zum Backstage der Härterei steht offen. Wir betreten absolute Stille. Im hinteren Teil des Raumes tummeln sich DJ und Teile des Veranstalterteams in ihre Smartphones vertieft an einem Tisch. Nach einer nüchternen Begrüssung quer durch den Raum, laden die beiden Tänzerinnen ihr beachtliches Gepäck ab und wir setzen uns auf die Couch und Sessel einer kleinen Lounge. Bellydah und ich setzen uns gegenüber, Tiffany nimmt mit ihrem Sessel weiten Abstand. Fotograf Moritz legt sogleich los. Während wir uns zunächst noch über Kleinigkeiten unterhalten, mache ich mir bereits Gedanken darüber, wie ich meine Befragung am geschicktesten einleite und möglicherweise unangenehme Fragen so platziere, dass sie den gelassenen Vibe nicht torpedieren.

Wie würdest du die Rolle beschreiben, welche du bei deinen Auftritten in den Videoclips von Rap-Songs einnimmst?

Rap-Video-Bitch. Das nennt man so! Meistens geht es darum, dass ich mich sehr freizügig gebe und die «Bitch» des Rappers darstelle. Das erwarten die Leute beim Dreh von mir. Ab und an gebe ich mich etwas härter, trage Skimasken und habe Baseballschläger in den Händen. Aber meistens brauche ich mich einfach neben dem Rapper zu bewegen.

Was beinhaltet dieses Bewegen?

Unterschiedlich. Meist wird gar nicht viel Tanz verlangt. Viele möchten, dass ich die ganze Zeit einfach neben dem Rapper sitze und mich nicht allzu fest bewege. Ich sitze einfach nur da, um zu wirken.  

Wir unterhalten uns durch dünnen Zigarettenrauch. Nebst unseren Stimmen bleibt es still im Raum. Ich lasse mich von den gesenkten, auf die Smartphones gerichteten Köpfen nicht täuschen. Die vielen kurzen Blicke sagen mir, dass alle Anwesenden unser Gespräch mitverfolgen. Doch fühle ich mich total entspannt. Meine Sorgen waren unbegründet. Bellydah antwortet wie aus der Pistole herausgeschossen, so direkt und aufrichtig, dass sie jegliche Unannehmlichkeiten im Keim erstickt.

Im Backstage erklärt Bellydah die Welt eines HipHop-Showgirls. Ein Glas Vodka darf dabei nie fehlen. [Moritz Keller]

Wirst du bei deiner Arbeit auf dein Äusseres reduziert?

Kommt es überhaupt darauf an, welche Person hinter der eben von dir beschriebenen Rolle im Video steht? Zuallererst muss sicher das Aussehen stimmen. Die Tänzerin muss nicht unbedingt mega hübsch sein, aber dann muss sie immerhin geil aussehen. Sie muss irgendetwas haben, dass dem Betrachter des Videos sofort ins Auge springt. Grosse Brüste zum Beispiel. Für eine gute und auch langfristige Zusammenarbeit muss aber sicher auch die Persönlichkeit stimmen. Wenn die Tänzerin voll zickig oder arrogant ist, zieht man den Dreh vielleicht noch durch, aber nachher hört man nie wieder voneinander.

«In den USA ist Strippen beispielsweise ein ganz normalerBeruf. Leute haben Respekt davor. In der Schweiz ist das der absolute Tabu-Job.»

Fühlst du dich wohl bei der Arbeit?

Auf jeden Fall! Man muss der Typ für eine solche Arbeit sein. Eine weiche und zerbrechliche Frau würde daran zu Grunde gehen. Die Leute reden über dich und deinen Job. Die zerreissen sich die Mäuler darüber. Mir ist nicht wichtig, was die Leute denken. Ich mache meine Arbeit gerne. Oft wünsche ich mir, während meiner Engagements noch weniger Kleidung anzuhaben. Dann schlage ich noch mehr und intensivere «Sexy-Szenen» vor. Aber die Dreh-Leute wollen das nicht, weil sie den Clip dann nur mit Altersbeschränkung freigeben dürfen. Ich provoziere einfach gerne.

Hattest du bereits Begegnungen mit Leuten, die dich aufgrund deiner Arbeit als Tänzerin abwertend behandelt haben?

Ja, aber in der Regel sind das nicht die Leute aus dem Business, sondern Leute von aussen. Nicht, dass die immer ausfällig werden. Ich erkenne es an ihren Gesichtern und an ihrem Umgang mit mir. Vielen gehen Dinge durch den Kopf wie «OMG was denken deine Eltern von dir? Schämst du dich nicht?» oder «Huere Nutte, gahn ga Pornos mache».

Woran könnte das liegen?

Die Schweizer Gesellschaft ist sehr verklemmt. Das hat über die Jahre zwar abgenommen, doch denken noch immer viele, dass Tänzerinnen und Prostituierte im Prinzip derselben Tätigkeit nachgehen. Die glauben Tanzen und Anschaffen sei dasselbe. In den USA ist Strippen beispielsweise ein ganz normaler Beruf. Leute haben Respekt davor. In der Schweiz ist das der absolute Tabu-Job. Wir sind noch nicht ganz im Ami-Style drin.

[Moritz Keller]

Die Leute vom Fach verhalten sich gemäss deiner Aussage anders. Sie haben einen anderen Mindset.

So ist es. Während den Dreharbeiten läuft immer alles sehr professionell ab. Zeit ist Geld für diese Leute. Niemand haltet sich da unnötig mit dummen Sprüchen auf. Leute, die dieses Business nicht kennen, haben häufig die Meinung, dass ich mit jedem der Rapper und Produzenten mit denen ich zusammenarbeite, Sex habe und Spielchen spiele. Die haben völlig verzerrte Vorstellungen von der Realität.

Jemand vom Team der Härterei tritt ein und hält einen grossen Kübel mit Eis, einer Flasche «Absolut Vodka» und zahlreichen Red Bull Dosen vor sich. Bellydah klatscht in die Hände, bedankt sich herzlich und wirft mir, als der Mann den Kübel auf dem Tisch neben uns positioniert, einen vielsagenden Blick zu. Ich nicke wissend. Als wir vor einigen Tagen den Termin vereinbart hatten, hatte sie mich in warnendem Tonfall darauf hingewiesen, dass sie vor jedem ihrer Auftritte «suufe» würde. In der Härterei wisse man bereits Bescheid, hatte sie mir am Telefon erklärt, dass man ihr keine einzelnen Drinks anzubieten brauche, sondern gleich die ganze Flasche mitliefern könne.

Bellydah und Tiffany schenken sich ein Glas ein. Ich sehe Moritz auf die Uhr schauen und schlage den beiden Showgirls vor, sich schon einmal umziehen zu gehen, damit der Fotograf noch ein paar Bilder vom Umkleideraum und den Outfits der Tänzerinnen schiessen kann, bevor er weitergeht. Die Garderobe ist ein umfunktionierter Konferenzraum und liegt gleich nebenan. Das sei absoluter Luxus, oft stünden ihnen bloss kleine WC-Kabinen zur Umkleide zur Verfügung, erklärt mir Tiffany, die nun da das Interview unterbrochen ist, wieder etwas auftaut. Sie hat bis dahin praktisch keine Zeit am Smartphone verbracht, sondern den Erzählungen von Bellydah aufmerksam zugehört. Das Vorurteil, dass für die Ausübung dieses Berufes ein Aufmerksamkeits-Defizit von Nöten ist, scheint zumindest nicht bei jedem Showgirl zuzutreffen.

Hörst du Rap?

Ja. Hauptsächlich Ami-Rap, aber auch Deutsch-Rap. Rap aus der Schweiz höre ich mir nicht oft an.

Was gefällt dir daran?

Früher habe ich nur Musik aus den USA gehört. Später habe ich durch meine Arbeit einige Rapper aus Deutschland persönlich kennengelernt und dann angefangen, deren Musik zu hören. Mittlerweile gefällt es mir, wenn ich jedes Wort im Text eines Rap-Songs verstehe und nicht die Lyrics nachzulesen brauche. Ich verstehe die Deutschen Texte sofort und kann mich voll in die Stimmung hineinversetzen, welche mir der Rapper mitzuteilen versucht.

Text ist dir also wichtig beim Hören von Musik?

Ja, auf jeden Fall. Ich höre schon auch Lieder, in denen es nur um belangloses Zeug geht. Dann fühle ich einfach den Beat. Aber ich hör generell schon auch auf den Text.

Welchen Zusammenhang siehst du zwischen deiner Rolle in einem Musikvideo und den Texten der jeweiligen Rap-Songs?

Rapper wollen Frauen wie mich dabei haben, weil die Inhalte ihrer Songs von Sex handeln. Wir sollen das verbildlichen. Ich verlange grundsätzlich immer vor dem Dreh den Song zu hören. Wenn Texte zu stark ins Frauenfeindliche gehen, sage ich den Termin ab. Ob mir das Lied gefällt, spielt keine Rolle, letztlich ist es Arbeit.

Du sprichst von frauenfeindlichen Texten. Findest du, dass Frauen im Rap diskriminiert werden?

Ja, oft schon, aber sicher nicht bei jedem Rapper. Es gibt ja so viele verschiedene Typen. Einige meinen alle Frauen als Bitches darstellen zu müssen und reden davon, Frauen zu schlagen. Das war der Grund, wieso ich zu Anfang grosse Mühe damit hatte, Deutsch-Rap zu hören. Bis ich dann erkannt habe, dass Rapper aus den USA genau die gleichen Dinge sagen, nur blendet man die Tragweite der Inhalte irgendwie aus, weil es auf Englisch ist. Die Zeilen reimen sich gut aufeinander, es hört sich cool an. Darum bedienen sich Rapper dieser Sprache. Also hattest du trotz der frauenfeindlichen Mitglieder der Community niemals Bedenken dabei, deiner Arbeit im Rap-Business nachzugehen? Früher hatte ich Bedenken. Aber seit ich die Rap-Landschaft etwas besser kennengelernt habe, denke ich anders. Die meisten Rapper sind sehr angenehme Personen. Sie verhalten sich im Umgang mit dir gar nicht nach dem gefährlichen Strassenjungen-Klischee. Man muss sich bewusst sein, dass gerade beim Battle Rap die ganze Zeit gegenseitig beleidigt wird. In diesem Moment ist das nur Show, du darfst nicht ernst nehmen, was dein Gegenüber sagt. Nach dem Dissen geben sich die Rapper ja die Hand und umarmen sich. So ist das im Show-Business. Bei meinem Job ist das ähnlich. Ich gehe raus auf die Bühne und shake meinen Arsch aber lasse mich deswegen draussen nicht von jedem Typen angrabschen und befingern. Klar sollte man auch bei der Show ein Stück weit sich selbst bleiben, aber man übertreibt nun mal. Im Rap ist das genau das Gleiche. Wenn du als Rapper raus gehst und darüber rappst wie du deine «Blüemli» giesst, hört dir keiner zu. Als Rapper ist es ein Stück weit deine Berufung, mit deinen Texten zu provozieren. Das Gegenstück dazu in meinem Berufsfeld ist die freizügige Kleidung. Damit provozieren wir Tänzerinnen.

[Moritz Keller]

Dieser Vergleich hat gesessen. Ich bin froh um das kurze Gespräch, das zwischen Bellydah und Tiffany entsteht. So kann ich für einen Moment zurücklehnen und über Bellydahs Worte nachdenken. Mittlerweile haben alle anderen Personen ausserhalb unseres kleinen Kreises den Raum verlassen. Die Party einen Stock unter uns hat begonnen, Besucher werden eingelassen. Bald nähert sich der Auftritt meiner Gesprächspartnerin. Bellydah sitzt gelassen da, trinkt, raucht und ist äusserst konzentriert bei der Sache. Ich nutze die Gunst der Stunde um weiter nach Bellydahs Ansichten über Rap und Gesellschaft zu bohren.

Werden Frauen im Rap mehr oder weniger diskriminiert als im normalen Alltag draussen auf der Strasse?

Da gibt’s eigentlich keine grossen Unterschiede. Selbst wenn ich ungeschminkt und eher konservativ angezogen die Strasse hinunter gehe, rufen mir Männer Dinge wie «Wetsch figge?» nach und werden ausfällig, wenn ich ihnen keine Aufmerksamkeit schenke. Schlussendlich denken die Männer genau so, wie sie im Rap verkörpert werden. Natürlich weniger extrem als in den Rap-Songs dargestellt.

Hältst du Mann und Frau für gleichberechtigt in unserer Gesellschaft hier in der Schweiz?

In den meisten Punkten schon. Doch gilt halt zu beachten, dass der Mann nun mal das stärkere Geschlecht ist. Vollkommene Gleichberechtigung bedeutet ja auch, dass beide Geschlechter alle möglichen Tätigkeiten gleichermassen ausfüllen können und sollen. Aber es gibt Berufe, in denen man beispielsweise schwere Gegenstände zu tragen braucht. Da bin ich der Meinung, dass das ein Beruf ist, den eher die Männer ausüben sollten. Sie haben die besseren Voraussetzungen dafür.

Gleichberechtigung bezieht sich ja auch auf den Umgang untereinander. Denkst du, dass Männer mit demselben Respekt Frauen gegenübertreten, wie gegenüber anderen Männern?

Ich glaube sogar, dass Männer grösseren Respekt gegenüber der Frau haben als gegenüber ihrem eigenen Geschlecht. Viele Typen sprechen ja in üblem Ton miteinander. Männer sprechen nicht so mit Frauen. Wobei die Männer ja immer sagen, dass sie am Ende doch den Bruder vor der Frau wählen würden, was ja bedeutet, dass die Frau trotz allem weniger Wert hat. Das ist schwierig zu beurteilen.  

Gegen Ende unserer Diskussion erzählt mir Bellydah von ihren schockierendsten Erlebnissen auf Social Media. Ich kann ihre Beunruhigung nachvollziehen als sie mir von Männern erzählt, welche sich die Befriedigung ganz eigenartiger Fetische von Bellydah erwünschen. Von Füssen und Sadismus gelingt es mir irgendwie das Gespräch auf alltägliche Dinge und das Hier und Jetzt zu lenken. Die beiden Tänzerinnen schauen auf ihr Smartphone und bemerken, dass die Zeit bis zu ihrem Auftritt knapp geworden ist. Kein Grund zur Eile, wird entschieden. Innerhalb kürzester Zeit hat Bellydah jegliche Ernsthaftigkeit abgeschüttelt und wird lebendig. Die beiden trinken ihre Gläser leer und albern rum. Eine gewisse Spannung liegt in der Luft. Bellydah und Tiffany freuen sich auf ihren Auftritt. Sie trinken, lachen und besprechen «Moves», die sie dem Publikum präsentieren möchten. Spass gehört zum Job dazu, meint Bellydah.

Wir steigen die Treppe in Richtung Hintereingang zur Bühne hinunter. Die einen von uns etwas eleganter als die anderen - High Heels und Alkohol fordern bereits ihren Tribut. Sobald wir die Halle der Härterei betreten, treten beide Tänzerinnen ohne Umschweif mit fokussiertem Blick vor das DJ-Pult und beginnen mit ihrer Show. Hüften kreisen, Hintern wackeln, Brüste hüpfen. Dem Publikum gefällt es. Ich beobachte wie sowohl Männer als auch Frauen zu den beiden hingehen, ihre Arme nach ihnen ausstrecken und den Tänzerinnen freudig zujubeln. Bellydah und Tiffany scheinen in einer Art Rausch zu sein, ihre Augen sind vertieft in einen Film, den nur sie sehen können. Egal ob schüchtern, angetan, begeistert oder belustigt – alle Köpfe im Raum richten sich auf die zwei leicht bekleideten Frauen oben auf der Bühne und nicken zusammen mit dem Auf und Ab der Tanzenden zum Takt der Musik. Beim Hinausgehen habe ich Bellydahs Vergleich der Berufe von Tänzerin und Rapper deutlicher denn je in meinem Kopf. Beide scheinen das Schicksal zu teilen, von der Gesellschaft missverstanden zu werden.

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