«Ich hatte nie die Chance auf ein normales Leben»
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2019

Schweizer Raps OG der OGs im Gespräch über «Sincèrement», sein Leben und den Status Quo von HipHop in der Schweiz

«Ich hatte nie die Chance auf ein normales Leben»

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October
2019

Schweizer Raps OG der OGs im Gespräch über «Sincèrement», sein Leben und den Status Quo von HipHop in der Schweiz

«Ich hatte nie die Chance auf ein normales Leben»

Luca Thoma
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«Ich hatte nie die Chance auf ein normales Leben»
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Cyrill Matter
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Vier Nummer-Eins-Alben, Sechs Singles in den Top Ten, Auftritte in zahllosen TV-Shows, Homestories in der Schweizer Illustrierten – Stress ist im Schweizer Musikkosmos ein Mann der Superlative. Kurz nach der Jahrtausendwende schrieb er mit seinem Major-Deal bei Universal Geschichte.

Doch der Erfolg fordert seinen Tribut: Fünf lange Jahre liess Stress nach seinem letzten Album «Stress» mit einem neuen Langspieler auf sich warten. In dieser Zeit kämpfte er mit privaten Problemen, seinem mentalen Wohlbefinden und erfand sich neu als «Trashboy». Nun meldet er sich mit einem neuen Album zurück, das das Beste aus beiden Welten vereint. «Sincèrement» verbindet das Rohe und Unverfrorene des Trashboys mit dem bekannten melodiösen Soundbild des Romands.  Stress rappt von Drogen, Vodka und Pornos, aber auch von Selbstfindung und einer fast magischen Wiedergeburt.

Im Gespräch zeigt sich Stress nicht als gesättigter 42-Jähriger, sondern als brennender Botschafter der Schweizer HipHop-Kultur und spricht mit fast kindlicher Freude von den Aufnahme-Sessions für «Sincèrement». Gleichzeitig hat ihn seine Lebenserfahrung auch ernst und nachdenklich gemacht. Er scheut sich nicht davor, heikle Themen wie mentale Gesundheit oder hängengebliebene Radiostationen anzusprechen. Ohne Scheu zeigt sich Stress als Mensch mit Ecken und Kanten.

Im Artwork von «Sincèrement» sticht eine Rasierklinge aus einem grellen gelb-orangen Hintergrund hervor. Was bedeutet diese Farbe für dich?

Gelb-Orange war für mich immer die Farbe des Lebens. Wenn dir die Sonne auf dein Gesicht scheint und du deine Augen fest schliesst, dann siehst du genau diese Farbe. Du siehst, wie dein eigenes Blut durch deine Augenlider strömt.

«Gelb-Orange war für mich immer die Farbe des Lebens.»

Vor über einem Jahr hast du dich ziemlich überraschend als «Trashboy» neu erfunden und brachialen Trap gemacht. Was war dein Mindstate zu diesem Zeitpunkt?

Für mich war das keine neue Musik. Ich kann verstehen, dass Leute, die mich nur im TV gesehen haben, überrascht waren, aber ich fühle diesen Sound schon seit Jahren. In den letzten Jahren habe ich sehr viel Musik gemacht, die nie releast wurde. «Trashboy» geschah sehr spontan. Ich sass zuhause, war gerade vom Boxen zurückgekommen und SANTO hat mir zwei Beats geschickt. Auf einen davon schrieb ich «Trashboy». Wir fanden den Song beide gut, er mischte ihn ab. Ich dachte, das hätte sich damit erledigt, aber plötzlich entdeckte ein Kumpel von mir diese verrückte Hütte im Wald und wir drehten dort ein Video. So einfach ging das, da steckte kein Masterplan dahinter. Für mich war «Trashboy» ein Statement, dass ich frei sein möchte.

Hattest du keine Lust mehr auf Cüpli, Radio-Singles und «Glanz und Gloria»?

Das ist alles OK für mich, aber es ist eine Frage des Ausgleichs. Ich bin und bleibe Rapper, ich will mir nicht vorschreiben lassen, was ich tun soll. Mittlerweile bin ich einer der letzten meiner Generation, die anderen sind von der Bildfläche verschwunden. 99 Prozent der Menschen um mich herum gehören zu einer neuen Generation: sie wollen einfach Musik machen und sie dann raushauen, wenn sie Bock darauf haben.

«Für mich war «Trashboy» ein Statement, dass ich frei sein möchte.»

Im Rahmen deiner neuen Platte «Sincèrement» wurde viel über die Offenheit diskutiert, mit der du deine mentalen Herausforderungen in deiner Musik behandelst. Sollten psychische Probleme im HipHop und der Gesellschaft breiter diskutiert werden?

Niemand kann verleugnen, dass psychische Probleme eine Epidemie sind. Sie sind eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit, sie können deine Eltern, deine Lehrer, deine Schwester betreffen. Sie sind wirklich überall. Durch die sozialen Netzwerke wurde die Situation immer schlimmer. Viele meiner Freunde stehen vor denselben Herausforderungen wie ich. Daher denke ich, dass es wirklich wichtig ist, dass man das Thema normalisiert, dass man es in ein normales Gespräch einbringen kann, ohne dass sich die anderen unwohl dabei fühlen. Über Depressionen und Suizidgedanken zu sprechen, ist sehr wichtig, damit sich die Menschen, die darunter leiden, nicht alleine fühlen.

Du bist in der Sowjetunion geboren. Hat das deine Perspektive auf das Leben in der Schweiz verändert?

Ich habe in der Sowjetunion gelebt, bis ich 12 war. Regelmässig Essen auf dem Tisch zu haben, sich sicher zu fühlen und regelmässig zur Schule gehen zu können, ist ein Luxus.

Das Leben hier ist anders und ich bin dankbar, dass ich hier leben kann. Als Künstler möchte ich mich auf das Essentielle fokussieren. Ich trage keine Goldketten und fahre nicht im Lambo durch die Gegend. Nicht, weil ich es nicht könnte – es ist eine bewusste Entscheidung. Ich habe jedoch eine unanständige Menge Sneaker zu Hause, aber ich bin kein Sneaker Head, sondern leide unter einem Trauma. Es ist genau dasselbe wie bei Rappern in den Staaten, die mit einer Goldkette herumlaufen: sie wollen ihr Geld auf sich tragen, weil sie Angst haben, es wieder zu verlieren. Wenn Kids in der Schweiz das imitieren, weil sie cool sein wollen, ist das wack. In der Musik geht es nicht darum, cool zu sein, sondern darum, sich treu zu bleiben.

Foto: Cyrill Matter

Eine Frage der Realness?

Genau. Ich bin zum Beispiel Fan von Roméo Elvis. Er ist ein Kid aus Belgien, aber er bedient sich nicht an Codes aus den USA. Er fühlt sich wohl in seiner Haut und die Fans lieben ihn für seinen eigenen Style. Dafür habe ich sehr viel Respekt.

Du bist während deiner Karriere immer sehr offen mit dem grossen Druck umgegangen, den das Leben als Musiker in der Öffentlichkeit mit sich bringt. Wenn du die Zeit zurückdrehen und dich für ein normales Leben entscheiden könntest – würdest du es tun?

Denkst du, ich weiss, was ein normales Leben ist? Ich habe keine Ahnung. Dort, wo ich aufgewachsen bin, hatten wir fast keine Möglichkeiten. Aber ich war hungrig und habe jede Chance gepackt, die ich kriegte. Ich musste hustlen. Als ich in die Schweiz kam, hatte ich nichts. Ohne meinen Spirit, meine Mentalität hätte ich es nie hierhin geschafft. Ich hatte nie die Chance, ein normales Leben zu führen.

«OZ konnte dir jede nur erdenkliche Frage beantworten. Für uns war er wie Yoda»

Lass uns über das Album sprechen. Du hast mit OZ Musik gemacht. Wie kam der Kontakt zustande?

LieVin hat uns zusammengebracht. Als ich am Album gearbeitet habe, habe ich OZ geschrieben und er kam ganz spontan vorbei. Ich habe ihm gezeigt, woran ich arbeite, er hat mir einige Beats gegeben. Drei Monate später kam er wieder vorbei und wir haben am Song «Mes nuits» gearbeitet. Ich hatte den Song am Tag zuvor über einige Beatpads gefreestylet, OZ fand ihn dope und hat sich gleich an die Drums gesetzt. So kam der Song in einer Nacht zustande. Der Austausch mit OZ war krass. Gabriel (Spahni, Instrumentalist von Pegasus, Anm. d. Red.) und ich hatten tausend Fragen, was das Produzieren anging. OZ konnte dir jede nur erdenkliche Frage beantworten. Für uns war er wie Yoda (lacht). Dank ihm konnten wir unser Producer Game deutlich verbessern.

Warst du sehr stark in die Produktion des Albums involviert?

Ja. Das war mitunter ein Grund, warum wir so lange für das Album gebraucht haben. Früher habe ich alles mit Yvan gemacht, wir sind Kindheitsfreunde. Er hat jetzt zwei Kinder und andere Prioritäten in seinem Leben. Ich wollte mich musikalisch besser ausdrücken können und diese Prozesse kennenlernen. Daher habe ich mich gemeinsam mit Gabriel ins Produzieren hineingearbeitet. HipHop ist eine Kultur. Für viele Leute ist es vielleicht momentan der heisse Shit, aber für mich und meine Leute – OZ, SANTO, Arma Jackson – ist es ein ewiger Lernprozess.

Du hast auf «Sincèrement» auch einen Song mit Nemo. Er könnte dein Sohn sein. Wie waren die Vibes zwischen euch?

Ich kenne Nemo schon seit er 14 oder 15 ist. Ich liebe es, zuzusehen, wie er als Künstler wächst. Jedes Mal, wenn er vorbeikommt, geht die Sonne auf.  Er hat soviel Freude und Energie, einen grossartigen Vibe. Er macht genau das, was er will – das ist beeindruckend. Als wir am Album gearbeitet haben, ist er einfach vorbeigekommen und hat sich angehört, was ich mache. «Legend» hatte damals schon einen zweiten Verse, aber Nemo ist gleich darauf gejumpt und wir haben meinen Part einfach rausgenommen. Mit ihm zu arbeiten war sehr spontan und unverkrampft.

«Es gibt keine Kollision zwischen Underground und Mainstream, beide bringen die HipHop-Kultur weiter.»

Mimiks, Xen, Lo & Leduc, Nemo: du hast schon mit beinahe allen HipHop-Künstlern von Rang und Namen gearbeitet. Wird dir die Schweiz zu klein?

Das hat damit zu tun, dass ich schon so lange dabei bin. Alle meine Beziehungen zu Rappern in der Schweiz waren nie nur geschäftlich. Wir haben als Menschen connectet, wir teilen gemeinsame Werte und Ideen. These are the guys I want to fuck with! Hier in der Schweiz ist das extrem wichtig, denn HipHop hat noch immer nicht die gesellschaftliche Akzeptanz, die er verdient.

Wie spürst du diese fehlende Wertschätzung?

Schau mal, meine Single «God Knows» ist ein Pop-Song. Es ist ein echter Song mit echten Emotionen, aber er ist fürs Radio konzipiert. Trotzdem gibt es noch einige Radios in der Schweiz, die ihn nicht spielen wollen, weil darauf gerappt wird. Wir sind nur wenige Monate vom Jahr 2020 entfernt und es gibt immer noch Leute, die unsere Kultur nicht als Teil der Schweizer Kultur sehen. Meine Aufgabe ist es, dagegen zu kämpfen. Urban Music hat einen Platz in dieser Gesellschaft verdient. Wir brauchen einen Wandel und es gibt noch sehr viel zu tun.

Ein gutes Zeichen ist, dass immer mehr Rapper Major-Verträge bekommen. Du warst einer der ersten. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Der Punkt ist folgender: wenn die Industrie sich für deine Kultur interessiert, ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass es deiner Kultur gutgeht. Was HipHop so interessant macht, ist seine Vielfalt: es gibt Leute, die nichts mit Majors zu tun haben wollen und solche, die ins Rampenlicht wollen. Meistens machen diese Rapper auch nicht genau dieselbe Musik. Wo ist also das Problem? Ich verstehe nicht, warum soviel darüber diskutiert wird. Es gibt keine Kollision zwischen Underground und Mainstream, beide bringen die HipHop-Kultur weiter. Solange du mit dir selbst im Reinen und mit deiner Kunst zufrieden bist, sollen die anderen doch tun, was sie wollen…

Du hast dich schon früh für die Umwelt engagiert, etwa mit deinen Coop-Kampagnen. Wie stehst du zu «Fridays for Future»?

Die Sache ist gross, ich habe sie auf dem Schirm. Früher wurde ich oft belächelt für mein Engagement, meine Generation war taub für mein Anliegen. Heute ist das anders, die Jungen engagieren sich, sie haben die Not erkannt. Thanks God. Genauso wie wir über psychische Probleme sprechen müssen, müssen wir als Künstler auch eine Diskussion über die Umwelt starten. In 20 Jahren wird es hart sein auf diesem Planeten – und wir müssen einen Weg finden, soviel wie möglich dagegen zu tun. Gerade die Schweiz als reiches Land ist gefordert.

Foto: Cyrill Matter

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