Greis über sein Lieblingsalbum
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2020

Rapper's Delight

Greis über sein Lieblingsalbum

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Greis über sein Lieblingsalbum

Sergio Scagliola
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Greis über sein Lieblingsalbum
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Greis ist der grösste Kano-Fan, dem ich bis heute begegnet bin. Über eine Zeitspanne von knapp fünfzig Minuten Interviewdauer beschreibt er das hier behandelte Album, einzelne Songs und Kano selbst so oft als «unglaublich», dass ich das Wort in Greis’ transkribierten Antworten ab und zu ersetzen muss. Dass der Chlyklass-MC als All-Time-Lieblingsalbum ein Album wählt, das von verschiedensten Einflüssen nur so strotzt, verwundert irgendwie nicht wirklich.

Greis ist bekannt für musikalisches Out-of-the-Box-Denken. Kanos «Method to the Maadness» macht genau das und dreht es noch auf 150% hoch. Das Produkt ist ein energetisches Grime-Album, gespickt mit Sounds, die man heute vielleicht ein wenig satt hat, das als Gesamtprodukt allerdings äusserst interessant ist. Greis’ Passion brennt nicht nur explizit für Kano, sondern für die gesamte Grimeszene des UK. Grime ist eines der interessantesten Subgenres der HipHop-Szene. Und während Stormzy und Skepta heute Grime endlich international auf den Radar vieler HipHop-Fans bringen, geht die Geschichte dieses Subgenres viel tiefer als düstere Beats und ordentlich 808s.

Foto: Moritz Keller

Ein kurzes Grime- und Kano-Handbuch: Die 90er-Jahre haben England zu einer völlig einzigartigen Musiklandschaft gemacht. Zu verdanken ist das der riesigen EDM-Kultur der letzten dreissig Jahre, die auf der Insel einen wichtigen Stellenwert eingenommen hat. Mit EDM ist allerdings nicht die «Kultur» der Träger sprücheverzierter Tanktops und Schölölö-Gesängen gemeint, sondern UK Garage, Two-Step und Jungle. Kurz: Die Ravekultur des UK-Undergrounds. Grime nimmt diese Grundlagen und vermischt sie mit klassischen HipHop-Elementen – Breakbeats und natürlich Rap. Das Resultat dieser Vermischung unterschiedlicher Genres ist ein Soundbild, das völlig isoliert im UK dasteht, in der lokalen Szene allerdings enormen Stellenwert geniesst. So gesehen ist Kano der Inbegriff von Grime. Denn Kano hat nie den richtigen internationalen Durchbruch erlangt, ist in London aber eine unbestrittene Legende.

Als Ziehsohn von Wiley, dem «Godfather of Grime» und höchstwahrscheinlich dem Begründer des gesamten Genres, hat Kano seinen Durchbruch zu Beginn des Jahrtausends in einer strengen Grime-Tradition erlangt und ist diesen Wurzeln letztendlich immer treu geblieben – sowohl der düsteren, rohen Atmosphäre des HipHop-Teils, als auch der Mentalität, sich gerne an elektronischer Musik zu orientieren. Aus musikalischer Sicht ist Kanos Karriere nicht extrem aufregend. Der East London MC hat seit seinem Debüt 2005 fünf weitere Alben veröffentlicht und ist irgendwie immer ein Stück weit Underground geblieben – ohne Skandale, einen riesigen Hit oder Ähnliches. Er ist die Konstante der UK-Szene und gleichzeitig einer der drei wichtigsten Grime-Artists überhaupt.

Und es ist nicht so, als wäre Grime seine einzige Option gewesen. Kano hat in seinen Jugendjahren beim FC Chelsea und anderen Premier-League-Clubs gespielt und später ein Grafikdesignstudium abgeschlossen. Irgendwie passend für einen Künstler, der 2010 ein Album mit House-, Rock-, Dubstep- und Grime-Elementen veröffentlicht hat.

Wieso genau «Method to the Maadness»? Es ist letztendlich doch irgendwie ein weirder Pick, wenn man dem Album beispielsweise «Made in the Manor» gegenüberstehen hat.

Greis: Ich denke, das ist aus völlig persönlichen Gründen. Ich habe alle anderen Kano-Alben ähnlich oft gehört, aber «Method to the Maadness» hebt sich irgendwie von allem ab, gerade weil es so vielfältig ist. Die Kollaborationen sind weird, haben aber damals genau meinen Nerv getroffen – wohl vor allem, weil ich damals viele der Produzenten dieses Albums sehr gefeiert habe. Hot Chip beispielsweise ist unglaublich crazy. Nur schon der Fakt, dass eine so extrem queere Band auf einem Album eines Grime-Künstlers zu finden ist, ist verrückt. Der Zeitgeist dieser Ära spielt für mich persönlich generell eine entscheidende Rolle dabei, dass ich dieses Album als mein All-Time-Lieblingsalbum sehe. Die Dubstep-Sounds von Skrillex oder Chase & Status aus dieser Zeit – unter anderem Leute, die auch auf «Method to the Maadness» mitgewirkt haben – sind extrem schlecht gealtert. Ich finde extrem viel Musik dieser Ära, wenn ich sie heute höre, irgendwie tasteless. Dieses Album gefällt mir aber trotzdem noch immer so, wie es mir auch am ersten Tag gefallen hat. Ich finde, es ist extrem gut gealtert.

In London gilt: Kano = Gott. Er ist absolut untouchable.

Wie ist es generell aufgenommen worden von einer Grime-Audienz, die vielleicht doch etwas völlig anderes von Kano erwartet?

Ich persönlich habe keine Ahnung, wie es damals empfangen wurde. Aber ich bin einige Jahre später nach London ans Lovebox Festival – nur um Kano zu sehen. Du musstest zwei Stunden anstehen, um überhaupt zur Bühne zu kommen. Wir sind nicht reingekommen. Und das was ich gesehen habe ist, in London gilt: Kano = Gott. Er ist absolut untouchable. Aber das war doch einige Jahre später. Geschadet scheint das Album seiner Reputation sicher nicht zu haben. Im Gegensatz zu uns in Westeuropa hat Grime auch nie das Bedürfnis gehabt, sich von anderen Genres zu distanzieren. Wir haben unsere ganze Jugend damit verbracht, Raves zu haten, nur um uns von der elektronischen Musik abzugrenzen. Ich persönlich bin versöhnt worden durch Rap-DJs, die angefangen haben, elektronische Einflüsse in ihre Musik einzubauen. Im UK war das völlig anders. MCs haben bewusst auf Two-Step und Garage-Beats gerappt und so ist Grime überhaupt erst entstanden. Es geht Hand in Hand mit der elektronischen Musik, denn Grime-MCs waren immer an Raves. Das ist das, was ich an der Grime-Szene so schätze, dass es mich als Konsument bewusst in Berührung mit anderen Genres kommen lässt.

Wie zeigt sich dieser Gedanke ganz konkret?

Zu «Method to the Maadness»-Zeiten war ich schon grosser Boys-Noize-Fan, auch Hot Chip habe ich sehr viel gehört, Damon Albarn mit Blur und Gorillaz habe ich eigentlich vor Allem durch Kano kennengelernt und Fraser T. Smith hat einige Jahre später Welthits von Adele produziert. Auf dieser Platte ist eine Traube an Produzenten zu finden, die für das Jahr 2010 unglaublich beeindruckend ist. Mit diesem Album ist, verglichen mit anderen Grime-Alben, ein extrem grosser Produktionsaufwand verbunden. Der kommerzielle Erfolg hat sich aus dieser Perspektive sehr in Grenzen gehalten. Ich finde es allerdings ein unglaubliches Werk gerade wenn man sich vor Augen hält, wie die Musikszene heute aussieht. Dieses Projekt von Kano ist sehr heterogen und eklektisch. Jeder Song geht in eine andere Richtung und die Einzeltracks sind höchstens durch die Produzenten verbunden, liegen aber teilweise völlig schräg in diesem Album. Als Beispiel der Song mit Vybz Kartel, der sowieso nicht wirklich zum Gesamtpaket passt, erst noch produziert von Boys Noize und Diplo. «Upside» liegt völlig quer in der Landschaft, ebenso «Crazy». Es ist eine Compilation. Und für 2010 ist dieser Playlist-Gedanke meiner Meinung nach sehr beeindruckend.

Foto: Moritz Keller

Du hast zu Beginn gesagt, dass das Album gut gealtert sei. Inwiefern?

Wenn ich meine Alben von 2010 höre, finde ich, dass sie soundtechnisch schlecht gealtert sind. Und ganz generell: Sehr viel Musik, die über den Tellerrand schauen wollte und Experimente gewagt hat, ist heute schlimm anzuhören.

...Dinge wie die Linkin Park und Jay-Z Kollabo beispielsweise?

Genau. Es klingt aus heutiger Perspektive weird und unstimmig. Kano kann ich irgendwie immer noch mit grosser Freude hören. In Vorbereitung auf dieses Interview habe ich es auch wieder durchgehört und hatte wieder aufs Neue mehrere Wow-Momente.

Wenn du aber sagst, dass die Dubstep-Ära schlecht gealtert ist, würde das diesem Take nicht völlig widersprechen?

Ich glaube der grundsätzliche Unterschied ist, dass Kano nicht die Elemente aus diesem Dubstep-Hype gepickt hat, die den Sound so geprägt haben und heute so nervig anzuhören sind. Er hat die Basics, die auch nahe an den Basics sonstiger elektronischer Musik sind, verwendet. Es ist zeitlos. «Method to the Maadness» muss nicht auf die schrillen Dubstep-Synths setzen, um diesen Einflüssen gerecht zu werden, sondern es wirkt, als hätte Kano hier klar die Führung in der Konzeption übernommen. Es zieht ganz klar Parallelen zur Dubstep-Szene, verzichtet dabei aber auf die Hype-Sounds, die heute für das ganze Genre Dubstep stehen.

Wie findet man heute einen Zugang zu diesem schrägen, unerwarteten Soundbild? Immerhin ist das Album doch zehn Jahre alt und die ganze Musiklandschaft steht an einem völlig anderen Punkt.

Ich glaube man darf einfach kein Kano-Album erwarten, wie man es sich normalerweise vorstellen würde. Vielleicht ist dieses Album am ehesten zugänglich, wenn man Grime nicht hört. Vielleicht findet man so einen Einstieg in die Idee des Genres. Gleichzeitig werden wohl viele Grime-Fans nicht glücklich mit diesem Album. Mein Zugang ist meine persönliche Geschichte mit Kano als Artist. Ich erinnere mich, dass ich um 2004 in den Jamarico-Plattenladen am Helvetiaplatz gegangen bin und von Sterneis, der damals da gearbeitet hat, «Home Sweet Home» in die Hand gedrückt bekam. Das ist etwas, für was ich ihm ewig dankbar bin. Es war der Einstieg in diese riesige Grime-Welt, die sich mir dann richtig erschlossen hat. Kano ist heute für mich ein Jahrhundertkünstler. Er ist wirklich mein Lieblingsrapper.

Wieso genau Kano und nicht beispielsweise Wiley als Proto-Grime-Künstler?

Meine Masseinheit ist – auch wenn Rapskills objektiv zu beurteilen, immer sehr schwierig ist – immer Kano. Wenn ich rappe, ist meine kleinste Masseinheit, wie ich den Beat wahrnehme immer noch zehn Mal grösser als Kanos Masseinheit. Wenn ich finde, dass ich late oder early bin, scheint Kano noch zehn Abstufungen zu haben. Er ist technisch für mich das Nonplusultra. Dazu kommt noch was er erzählt und wie er erzählt. Es geht sogar so weit, dass ich, als Kano eine Europatour gemacht hat, dem Dachstock geschrieben habe: «Wenn ihr Kano bucht, spiele ich gratis als Voract.»  So ist es 2008 auch gekommen. Dieses Akribische, Perfektionistische habe ich dann auch im Backstage erlebt. Kano sitzt drei Stunden vor Konzertbeginn mit dem Mikrofon in der Hand irgendwo in einer Ecke, ist in einem völlig vegetativen Zustand und macht einfach nichts. Und dann geht das Konzert los und er reisst alles ab.

Was schätzt du besonders an Kano als Artist?

Es braucht extrem Balls, um 2010 in einer Grime-Szene und diesem East London-Universum ein so eklektisches Album zu veröffentlichen. Die Chance, dass alle Songs in ihrer jeweils völlig eigenen Schiene jemandem komplett gefallen, ist ziemlich gering.

...mit dir als Ausnahme, die die Regel bestätigt sozusagen.

Anscheinend ja... Was ich primär mit dieser LP verbinde, ist der Moment als es rausgekommen ist. Ich war bereits grosser Kano-Fan, dann kam dieses Projekt und es war das Album, auf das ich schon immer gewartet hatte. Es war das Kano-Album, das ich immer wollte. Und als sich mein anfänglicher Enthusiasmus gelegt hatte, habe ich gemerkt: Ich bin der Einzige. Niemand sonst hat es gefühlt.

Bist du in den letzten zehn Jahren anderen Die-Hard-Method-to-the-Maadness-Fans begegnet?

Nein, tatsächlich niemandem. Meine Frau findet es okay, hat es dank mir aber auch schon zu oft gehört. Trotzdem ist sie auch Teil der Verbindung zum Album, weil wir uns um 2010 kennengelernt haben. Auch die «Greis 3»-Tour ist geprägt von dieser Platte. Die lief damals rauf und runter. Aber das war auch eher ich, der das Album hören wollte und alle mussten es einfach ertragen (lacht).

Wenn man zum Schluss das ganze Album mit all seinen Einflüssen, seinen Hommagen und seiner riesigen Heterogenität Revue passieren lässt – ist es nicht irgendwie overkill?

Vielleicht ist es ein wenig overkill. Aber mein Musikgeschmack ist generell immer wieder ein wenig overkill. Ich habe einen Secondhand-Laden mit Manillio in Bern und wenn ich meine Playlist laufen lasse, kommt Manillio oft zu mir und sagt: «Dude, sorry, das ist echt zu viel.» Vielleicht ist das, was man als Überambition kritisieren könnte, genau das, was ich mir letztendlich immer gewünscht habe.

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