Greis mit musikalischer Antwort auf die Diskriminierungsdebatte
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2022

«Tag wird cho»

Greis mit musikalischer Antwort auf die Diskriminierungsdebatte

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2022

«Tag wird cho»

Greis mit musikalischer Antwort auf die Diskriminierungsdebatte

Luca Mosberger
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Greis mit musikalischer Antwort auf die Diskriminierungsdebatte
Quelle:
Instagram @greiseis
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Seit dem diesjährigen Bounce Cypher weiteten sich die Gräben in der Diskussion um diskriminierende Sprache und künstlerische Freiheit im HipHop. Der neue, darauf Bezug nehmende  Song von Greis bewegt und ist wohl einer der wichtigsten CH-Rap-Songs des Jahres. 

Der Cypher befeuerte dieses Jahr hitzige Debatten um die verbale Gewalt gegen Minderheiten im HipHop. Während einige, manche sogar selbst von den Vorwürfen betroffene Artists viel Verständnis zeigten und sich mit ausführlichen Statements solidarisierten und entschuldigten, schienen andere wiederum völlig verwundert, dass sie innerhalb der HipHop-Community mit solchen Aussagen überhaupt Angriffsfläche bieten. Wie ein viraler Zusammenschnitt des Instagram-Accounts @srfarchiv (nicht wirklich ein Account des SRF) prägnant aufzeigte, rappten diverse Schweizer HipHop-Artists am Cypher22 Textpassagen mit sexistischen, homophoben, ableistischen und rassistischen Inhalten.

Eine solche Welle wie die Darauffolgende an Kritik und Konsequenzen hatte die Szene bisher selten erlebt: Selbst stark linkspolitisch engagierte Rapper wie Tommy Vercetti entgingen dem Shitstorm nicht ganz. Die Bounce-Moderation sah sich als Folge der Kontroverse gezwungen, ein Statement abzugeben und der Corner Talk wurde kurzerhand von ihrer Live-Show in Bern ausgeladen, sehr zu ihrem Unmut. Mehr zur Sachlage hier:

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Auch Chlyklass-Rapper Greis beschäftigte sich intensiv mit der Debatte. Da leider sowohl die Cypher-Nachbesprechung als auch die Corner Talk-Episode mit ihm als Gast zur Prävention weiterer Kontroverse abgesagt wurde, entschied er sich für ein musikalisches Statement. «Tag wird cho» ist sein kraftvolles Plädoyer für eine HipHop-Kultur frei von Diskriminierung. Der Song beginnt mit einem historischen Rückblick auf die Ursprünge HipHops. Als Underdog-Genre, verachtet von Grossteilen der Gesellschaft, seien die ersten MC’s in den Clubs mit offenen Armen von den «Punks und Queers» aufgenommen worden. Mittlerweile leben wir in einem neuen Zeitalter: Heute ist HipHop im Mainstream angekommen und die wohl grösste und mächtigste Musikkultur auf dem Planeten. Nun sind wir die Grossen auf dem Pausenplatz, rappt Greis. Mit dieser Machtposition kommt aber auch eine grosse Verantwortung. In der Hälfte des Songs kommt es so zum ersten Schlüsselmoment:

«Au wenn mr gäng scho klari Wärt hei verträte / gäge Diskriminierig, und istah für Diversität doch / wenn mir i dem Moment wo mir die Grosse wärde / üs nüme hinterfrage und geg Obrigkeite wehrä / üs nur no sälber fiire, nüme istöh für die Schwächerä / simmer nöd besser als die womer hei wöue ersetzä!» 

Genauso hervorhebenswert ist sein folgendes Argument: Ebendiese Verantwortung gegenüber Minderheiten und Diskriminierten gilt es als Mitglied der HipHop-Kultur ernst zu nehmen, sei es als Konsument:in oder Künstler:in. Denn das Narrativ von diskriminierenden Stereotypen, wie auffindbar in nicht wenigen Texten am Cypher22, hat konkrete Auswirkungen auf die betroffenen Minderheiten. Man könne bei Übergriffen nicht mehr einfach den Faschos die Schuld geben, rappt Greis. «Denn si mir die wo die Stereotype reproduziere!» Das Bild, welches der Berner Lyricist mit seinen Worten auf dem Song zeichnet, zeigt eine HipHop-Kultur, welche im Verlauf seines rapiden Wachstums seinen Wurzeln fremdgeworden ist. Der Kampf nach oben ist vorbei – nun sind wir es, die nach unten schiessen. 

«Sexismus e Tradition sit ewig hie, doch verzell mir nid nach abe schutte isch das wo di definiert»

Damit nimmt Greis auch Bezug auf Verteidiger:innen des breit vertretenen Arguments, dass harte Sprache einfach zur HipHop-Kultur gehöre und Personen, die sich von dieser verletzt fühlen, sie einfach nicht verstanden hätten. Dabei sollte es eigentlich kein besonders komplizierter Prozess sein, sein lyrisches Waffenarsenal neu auszurichten und auf verbale Gewalt gegen unten zu verzichten. Stattdessen sollten Rapper:innen ihren Frust an Personen auslassen, die Teil des Problems sind. Dazu zählt sich Greis auch selbst: Auch er habe in seinem Leben mehrfach Menschen verletzt und seinen Status für Sex missbraucht, wie er auf dem Track zugibt.

Der Song ist ein Aufruf zu neuen Diskussionen. Als weisser Cis-Mann sieht er sich nicht in der Position, den Betroffenen in der Debatte das Spotlight zu stehlen. Die aus dem Song resultierenden Gespräche in zukünftigen Talk-Formaten möchte er deshalb mit einer TINFA-Person (trans-, intergeschlechtliche, non-binäre, Frauen und agender-Personen) bestreiten, nämlich Rapperin Big Zis, die ihn beim Writing-Prozess mit diversen anderen Personen aus der Szene beraten und kritisiert hat. Dies erklärt er auf Instagram, wo er die Hintergründe des Songs in einem Post offenbart.

«Tag wird cho» ist ein mit hoher Sorgfalt umgesetztes und hochrelevantes Statement von einer der wichtigsten Stimmen im CH-Rap. Greis ist womöglich in der Lage, zwischen zwei Welten eine Brücke zu bauen und bei Hardcore-HipHop-Fans, die den problematischen Sprachgebrauch der Cypher-Acts vorerst als Teil der Kultur verteidigt hatten, für Verständnis für die davon Betroffenen zu sorgen. Das fantastische Writing wird vom epischen, aber taktvollen Instrumental von C. Perkins komplementiert: Der Song ist nicht nur für Personen, die in dieser Debatte investiert sind ein Hörerlebnis. Vor allem die letzten Zeilen des Songs dürften noch lange im Kopf hängen bleiben:

 «U d Wahrheit isch, wenn e Gruppe als schwächer giut / trout mer sech ou meh sie z kicke und erwartet, dass sie vergit / Doch tüüsch di nid u o i werde Schiissi frässe / de Tag wird cho u si hei nüt vergässe!»
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