Emanzipation und Selbstbestimmung? Ja, aber bitte nicht zu viel!
Wednesday
,
8
.
August
2020

Cardi B hält der Rap-Szene den Spiegel vor

Emanzipation und Selbstbestimmung? Ja, aber bitte nicht zu viel!

Wednesday
,
19
.
August
2020

Cardi B hält der Rap-Szene den Spiegel vor

Emanzipation und Selbstbestimmung? Ja, aber bitte nicht zu viel!

Julia Tverskaya
Profil anzeigen
Emanzipation und Selbstbestimmung? Ja, aber bitte nicht zu viel!
Quelle:
Nackte Haut, harte Beats – zu viel Gepose! Es ist nichts Neues, dass sich viele männliche Rap-Artists an dem wohl bewerteten Kapitalmittel bedienen – der Sexualisierung des weiblichen Körpers. But God forbid, wenn eine Rapperin sich ihr Recht nimmt, über das zu rappen, was Männer gerne zum Kapital machen. The hell breaks loose!

Seit Cardi B und Megan Thee Stallion ihren Song «WAP» mitsamt dazugehörigem Video veröffentlich haben, erlebt die Welt einen Peak der Fürsorgemoral. Die Stimmen werden von allen Seiten laut. Vorgeworfen wird den Rapperinnen, dass die gewählte Darstellung und Sprache im Song und im Video vulgär und ihr Einfluss, vor allem auf junge Frauen, fragwürdig ist - wenn nicht schadend.

Die Zahl der Kritiker greift ins Unendliche und sogar US-Politiker finden eine freie Minute, um sich dazu zu äussern. So empfand der Republikaner James P. Bradley den Song, den er «zufälligerweise» gehört hat, als gottlos. Abgesehen davon, dass er seine Ohren anschliessend mit Weihwasser auswaschen musste, empfindet er ganz viel Mitgefühl und Sorge für die jungen Frauen und Mädchen, die Cardi B und Megan Thee Stallion als Vorbilder sehen. Vergessen hat er dabei jedoch die Tatsache, dass bei Artists dieser Grössenordnung sehr wohl eine Vorbildfunktion vorhanden ist, diese durch die offene Darstellung der Sexualität jedoch nicht ausgeschlossen wird und auch keinen Schaden nimmt.

«Eine Frau, die emanzipiert entscheidet, wie sie sich ausleben möchte, wird in der patriarchischen Welt als vulgär, befremdend oder einschüchternd wahrgenommen.»

In einer Zeit, in der «Female Empowerment»-Bewegungen stark unterstützt werden, scheint es also immer noch ein revolutionärer Akt zu sein, wenn weibliche Artists offen und selbstbewusst über Eigenliebe, Befriedigung und Sex reden. Als Snoop Dogg im Jahr 2003 zwei Frauen an Leinen über den roten Teppich der MTV Awards führte und damit angab, Frauen in der Szene weiterzugeben, verlor aber niemand ein Wort darüber. Als 50 Cent im Video zu «Candy Shop» freizügig gekleidete weibliche Komparsen auf sich und seinen zwei Rapper-Freunden räkeln liess, gab es vielleicht eine Handvoll an Kritiken, überwiegend gab es jedoch Lob an Song und Rapper. Auch als 2013 der noch eher unbekannte Rapper und Youtuber Hi Rez das Video zu seinem Song «Pornhub» herausbrachte, äusserte sich niemand dazu. Die einzige Rezension, die man darüber findet, merkt an, dass es ja ein Traum jedes 20-Jährigen wäre, von Pornodarstellerinnen umgeben zu sein, und dass er sich sicher einen fetten Paycheck sichern konnte. Kritische Stimmen bezüglich der Aufmachung des Videos? Fehlanzeige. Wo blieben also der Aufschrei und die Sorge, wie sie aktuell bei den weiblichen Pendants der Fall sind?

Die Antwort liegt darin, dass unsere Gesellschaft kein Problem damit hat, dass sowohl der weibliche Körper als auch die weibliche Lust als Objekt benutzt werden. Es kommt nämlich kaum oder nie zu einem Backlash, wenn sich wieder einmal männliche Künstler aus diversen Szenen daran bedienen. Das Problem entsteht erst, wenn es nicht mehr der patriarchalisch geprägten Norm entspricht.

«Wieso die gesamte Thematik noch heute die Gemüter erhitzt? Das liegt daran, dass sich Frauen – in den Augen der Gesellschaft – nicht freizügig oder sexuell zeigen und ausleben dürfen und sich am besten noch dafür schämen sollen.»

Bedeutet, wenn Frau* frei darüber verfügt, wie sie sich selber geben, präsentieren und ausleben möchte. Bedeutet auch: Solange die Darstellung der weiblichen Lust an die männliche Vorstellung und Erwartung, wie diese Lust zu äussern ist, gebunden ist, wird eine Frau, die emanzipiert entscheidet, wie sie sich ausleben möchte, als vulgär, befremdend oder einschüchternd wahrgenommen. Die patriarchischen Normen geben ganz klar vor, wie, wo und wann eine Frau über ihr Selbst verfügen kann. Es wird Mädchen bereits im frühen Alter klar gemacht, dass sie für alles die Verantwortung übernehmen müssen. Verhalten und Benehmen müssen sich immer anpassen – an allem und allen. Ein Mädchen soll nett, lieb und am allerwichtigsten bescheiden sein. Tanzt es aus der Reihe, wird es blossgestellt und bestraft.

Wieso die gesamte Thematik noch heute die Gemüter erhitzt? Das liegt daran, dass sich Frauen – in den Augen der Gesellschaft – nicht freizügig oder sexuell zeigen und ausleben dürfen und sich am besten noch dafür schämen sollen. Ein Schamgefühl, an das die männerdominierenden Industrien seit Urzeiten gerne ein Preisschild hängen, um sich daran zu bereichern. Dass nun weibliche Artists dieses Konstrukt des Kapitalismus und Patriarchats unverfroren für sich neu erfinden und daran profitieren, ist somit ein direkter Angriff auf die männerdominierte Welt und ein kompromissloser und notwendiger Schritt zur Emanzipation.

«Unsere Gesellschaft hat kein Problem damit, dass sowohl der weibliche Körper als auch die weibliche Lust als Objekt benutzt werden. Es kommt nämlich kaum oder nie zu einem Backlash, wenn sich wieder einmal männliche Künstler aus diversen Szenen daran bedienen.»

Was ermüdet, ist die Realisierung, dass diese Debatte nicht erst seit «WAP» andauert, sondern bereits seit Jahrzehnten für Gesprächsstoff sorgt. Seien es Lil Kim, Foxy Brown, Nicki Minaj oder Cardi B – Frauen rappen seit eh und je über Sex und trotzdem, nach all den unzähligen Gesprächen kehren wir immer wieder auf Feld 1 zurück. Es braucht nicht unbedingt einen Blick in die USA, um ein weiteres Beispiel zu finden. Shirin David ist ein wiederkehrendes Exempel, das aufzeigt, was passieren kann, wenn Frauen standhalten und sich nicht von sexistischen Äusserungen in eine Ecke drängen lassen. Sie findet dazu die passenden Worte: «Uns Frauen wurde viel zu lange gesagt, wie wir uns zu benehmen haben.» Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kolleginnen ist Shirin eine der ersten in Europa, die sich das Klischee einer Rapperin zu eigen macht. So mauserte sie sich in den letzten Jahren zu einer starken Stimme der weiblichen Emanzipation. Shirin ist es egal, ob man sie mag oder nicht, sie mag es «Supersize» und lässt das alle wissen – wem es nicht passt, kann gerne gehen.

Diese Attitude bringt, wie erwartet, viele negative Stimmen mit sich – auch innerhalb der eigenen Mitte. Loredana nämlich äusserte sich mit den Worten, dass das Erscheinungsbild von Shirin «gar nicht geht» und «auch gar nicht ihr Geschmack ist». Sie könne generell nichts mit weiblichen Rapperinnen anfangen. Sie und Shirin sind also komplette Gegensätze – ein weiteres Beispiel dafür, dass Frauen das Gefühl gegeben wird, ungeschriebenen Vorgaben entsprechen zu müssen, um in der Rap-Szene überhaupt ernst genommen zu werden. Solche Sticheleien mögen vielleicht im ersten Moment unterhaltsam sein, da die Streitlust und das gegenseitige Fronten im Rap zum guten Ton gehören, dennoch zeigt es auf, dass weibliche Artists in ihrer Freiheit sehr eingeschränkt sind und viel Hohn einstecken müssen, wenn sie sich nicht davor fürchten, sich keine Grenzen zu setzen.

«In einer Zeit, in der «Female Empowerment»-Bewegungen stark unterstützt werden, scheint es immer noch ein revolutionärer Akt, wenn weibliche Artists offen und selbstbewusst über Eigenliebe, Befriedigung und Sex reden.»

Es ist an der Zeit, dass wir nicht nur über Empowerment reden, sondern dieses auch leben. Es ist ermüdend, wenn sich Rapperinnen genötigt fühlen, sich gegengegenseitig bezüglich ihres Auftretens zu fronten – ob sie es nun knapp oder ganz bekleidet in der Szene geschafft haben – in einem System, das noch heute Frauen gegenüber ablehnend ist, gewinnt keine. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir trotz unserer subjektiven Meinung lernen, hinzusehen, zu akzeptieren, zu supporten und zu respektieren – ob Mann oder Frau.

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren

Weitere Artikel

mehr anzeigen
No items found.
No items found.