Ein Hater kritisiert das LYRICS Magazin
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February
2020

Haters Gonna Hate

Ein Hater kritisiert das LYRICS Magazin

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2020

Haters Gonna Hate

Ein Hater kritisiert das LYRICS Magazin

Ein Hater kritisiert das LYRICS Magazin
Quelle:
Unsplash
«So schlecht sind wir doch gar nicht», dachten wir. Die seit Beginn steigenden Klickzahlen sprechen in diesem Punkt ja auch für sich. Anscheinend kommt die grösste HipHop-Plattform der Schweiz doch nicht bei allen Rap-Fans so gut an, wie wir geglaubt haben. Mit Vorfreude auf konstruktives Feedback trafen wir Lucas, den selbsterklärten LYRICS-Hater, zum Gespräch – und mussten gnadenlose Blattkritik einstecken.

«Immerhin habt ihr gecheckt, dass niemand mehr Print liest», beginnt Lucas* die Diskussion, breit grinsend, pflanzt sich ebenso breitbeinig in den Sessel mir gegenüber und rührt in seinem Cappuccino.

«Ich habe echt die Tage gezählt bis zu dem Zeitpunkt, als die letzte Print-Ausgabe des LYRICS Magazins erschien. Wann war das? Juni? Wurde auch Zeit.»

Kaffee tropft auf seine Brust, Napapijri. Verkrampft blickt er auf, seine Stirnvene droht zu platzen. Abgesehen davon überspielt er seinen Ärger über die verdreckte Jacke eigentlich ziemlich gut. Vielleicht möchte er die guten Vibes, die jetzt gerade noch irgendwo über der Tischdecke flimmern, möglichst lange erhalten lassen. Der Grund dieses Treffens war von Anfang an klar. Er braucht seine Worte eigentlich gar nicht so sorgfältig zu wählen, denn er bleibt sowieso anonym. Lucas, der eigentlich nicht Lucas heisst. Das Risiko, nach der Publikation seiner Aussagen eventuell einen Shitstorm abzubekommen, möchte er wohl nicht eingehen.

Von Journalist zu Journalist

«Also, du nimmst kein Foto von mir, oder? Willst du eines von hinten machen?»
Nein, ich nehme ein Symbolbild.
«Ach so, ja, gut.»
Deinen Namen ändern wir auch.
«Darf ich den selbst wählen?»
Natürlich.

Eigentlich stand Anfangs die Idee, diesen Artikel auf einem Feedbackgespräch mit einem LYRICS-Leser aufzubauen. Von einem Feedbackgespräch mit Lucas war ganz am Anfang auch noch die Rede. Konstruktive Kritik ist gut, wie jedes andere Unternehmen kann auch LYRICS nur davon profitieren. Während des Talks muss ich aber erkennen, dass aus dem geplanten, harmlosen Interview gnadenlose Blattkritik wird. Mir gegenüber sitzt ein Journalist, ein «Kollege» sozusagen. Ein bekennender HipHop-Fan ist er auch. Nach kurzem Zögern beginne ich vorzulesen, was mein Notizblock wissen möchte, um danach umgehend seine Antworten zu notieren – leicht irritiert von seiner Unbeschwertheit, mir seine Hate-Floskeln ins Gesicht zu knallen.

Braucht es LYRICS?

«Weisst du, ich frage mich echt, ob es euch wirklich braucht. Braucht es ein Magazin, das ausschliesslich über Rap berichtet?» Fordernd schaut er mich an. «Einige eurer Artikel habe ich gelesen, sonst wäre ich ja nicht qualifiziert dazu, euch zu kritisieren.» Wohlwollendes Grinsen. «Ich meine, habt ihr denn überhaupt genügend Stoff, um seitenlange Berichte über CH-Rap zu schreiben? Die Szene ist ja lächerlich klein, verglichen mit Deutschland, da hat die «Juice» definitiv noch das bessere Los gezogen. Aber selbst die hinterfragen den Rap-Journalismus. Ich finde das LYRICS Magazin überflüssig. Das braucht die Menschheit nicht.» Er argumentiert:

«Die Rapper haben heutzutage Instagram, Twitter, Bühnen. Wenn die was sagen wollen, sprechen sie direkt zur Crowd und nicht über euch. Liege ich falsch?»

Klar, die Szene ist klein. Klein aber fein. Sie sprüht vor talentierten Musikschaffenden. Über diese sollte berichtet werden ¬– direkt aus dem dunklen Kellerraum und den Homestudios auf die Screens. Wie schade, wenn diese Musik nie gehört wird, weil sie niemand kennt, oder? Lucas springt, ohne auf mein Argument einzugehen, zum nächsten Punkt.

«Was qualifiziert euch dazu, Musikkritik zu publizieren? Ihr kennt euch sicher aus, ja. Ich finde, ihr schreibt gut. Aber habt ihr das Recht, zu kritisieren, was oder wie jemand rappt?» Zum Glück leben wir in einem Land, in dem die Medien- und Meinungsfreiheit gilt.

Gifs repräsentieren CH-Rap?

«Wenn ihr schon keine Bilder für eure Artikel habt, nehmt lieber gar nichts als diese wacken Gifs», meint er genervt. «Ich werde ganz nervös, wenn ich einen Artikel von euch anklicke und mir sogleich irgendwelche Gifs entgegenspringen. Abgesehen davon, dass diese meistens wirklich nichts mit CH-Rap zu tun haben. Ich nehme das als eine unpassende Reizüberflutung wahr. Es sei denn, ihr wollt freiwillig zur Boulevard-Presse gezählt werden? Dann ergibt das viel zu farbige Layout einen Sinn. Er erklärt:

«Lass mich eure Website mit einem Cocktail vergleichen: unnötige Schirmchen, viel zu viel Zucker. Das Wesentliche, also der Alkohol – oder in eurem Fall der Rap – geht total unter.»

Auf den Hinweis, die Gadgets dienen der Leseanimation, schüttelt er den Kopf. Offensichtlich gehört er der Gruppe des LYRICS-Zielpublikums nicht an.

LYRICS Festival als Kindergeburtstags-Location

«Das kann ich nicht für voll nehmen.» Lucas langt sich an den Kopf. Die junge Fancrowd der Newschool-Rapper verhalte sich in seinen Augen beschämend. «Die hypen echt jeden in den Himmel. Moshpit über Moshpit, ich wette mit dir, es geht ihnen nicht um die Musik. Sie möchten einfach saufen. Ich habe einen kleinen Neffen, der hätte Spass dort. Eine Kidsparty – mehr sage ich nicht dazu.» Was ihn besonders nerve, sei die Vergabe des LYRICS-Awards:

«Eine total überrissene Inszenierung der Schweizer Musik. Von Rappern, die niemand kennt. Überlasst doch das Auszeichnen den Veranstaltern der Grammys.»  


Rapper die niemand kennt? Würden wir so nicht sagen. Für alle die, die zusammen mit Stereo Luchs, XEN oder LCone gerne Kindergeburtstage crashen wollen, findet das vierte LYRICS Festival am 29. Februar im Kanzlei Club Zürich statt. Tickets gibt es hier.

Weiterhin für CH-Rap

Zusammengefasst kritisiert Lucas also vor allem den Support für Newcomer, die zu kleine urbane Szene der Schweiz und unser Webseiten-Layout. Rap-Journalismus sei generell unnötig, eine Preisvergabe und ein Festival sowieso. Der Frage, weshalb er unsere Artikel laut eigener Aussage aber weiterhin lesen möchte, weicht er gekonnt aus.

*Name von der Readktion geändert

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