Der Golden Boy der Zürcher Kulturszene
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9
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September
2019

Lil Bruzy

Der Golden Boy der Zürcher Kulturszene

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September
2019

Lil Bruzy

Der Golden Boy der Zürcher Kulturszene

Sergio Scagliola
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Der Golden Boy der Zürcher Kulturszene
Quelle:
Moritz Keller
Die Story Lil Bruzys ist mir ein Rätsel. Und ich glaube, das ist sie auch Lil Bruzy ein Stück weit selbst. Wie geschieht es, dass ein Underground-Rapper mit einem atmosphärischen Trap-Track durchstartet, an den grossen Zürcher Festivals landet, nie aber auf der Website oder im Print-Magazin von LYRICS?
Foto: Moritz Keller

Lil Bruzys Diskographie ist bislang ziemlich überschaubar. Einige Soundcloud-Tracks, einige Features und eine EP. Trotzdem ist der Name Lil Bruzy Stadtzürchern alles andere als fremd. Der Song «Trottinett» hat etwas in Gang gesetzt, das Lil Bruzy beachtlichen Stellenwert in der Zürcher Kulturszene gegeben hat. Denn dies ist kein Underground-Pick über einen Newschool-Newcomer, der in den nächsten Monaten auf sich aufmerksam machen wird. Das ist längst passiert. Die HipHop-Szene hat es einfach ein wenig verschlafen. Diese Story ist primär ein Aufrollen von Vorgängen, die einen 23-jährigen Zürcher aus dem Kreis 4 von Fun-Tracks im Schlafzimmer zu einer kleinen Kulturikone der Stadt werden liessen. Und es ist eine Story, von welcher sich die HipHop-Szene gerade momentan eine grosse Scheibe abschneiden könnte und sollte. Die Art und Weise, wie viele Newcomer momentan aus dem Boden schiessen, durch Promo, Promo und unzähligen Instagram-Stories, ist sehr fragwürdig. Es scheint der Beginn einer Ära zu sein, die sich in die Richtung austauschbarer, lieblos produzierter Musik zu bewegen droht, deren einziges Ziel kommerzieller Erfolg ist. Lil Bruzy ist ein Beispiel, um zu zeigen, dass Bescheidenheit, Geduld und die Tugend, sich nicht allzu ernst zu nehmen, viel nachhaltigere und natürlichere Relevanz mit sich tragen werden. Was gut ist, wird irgendwann erkannt – und dann zu etwas Grösserem und Wichtigerem als den fünf Minuten Berühmtheit, die man sich kaufen kann. Promo ist nicht alles.

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Vor knapp drei Jahren hast du einen Song auf Soundcloud geladen, der mittlerweile bei fast Hunderttausend Plays ist und dich auf den Radar gefühlt aller Stadtzürcher gespielt. Was ist bei «Trottinett» passiert?

Lil Bruzy: Ich habe keine Ahnung, warum dieser Song so durch die Decke ist. Ich bin auch aus dem Nichts im Ausgang angesprochen worden à la «der Trottinett-Song ist schon ziemlich nice». Irgendetwas hat geklickt. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich es mir nicht wirklich erklären. Als ich ihn hochgeladen habe, hätte ich nicht gedacht, dass das ein Hit wird. Ich habe es auch nicht gepusht, das ist das Absurde. Ich habe mich nie als Newcomer positioniert und gesagt: «Schaut her, ich bringe jetzt etwas Neues, ich mache jetzt Musik». Irgendwie ist es herumgegangen. Aber es ist nicht im Radio gelaufen beispielsweise.

«Alles kommt direkt auf Spotify und es wird Promo en masse gemacht. Und dann ist man enttäuscht, wenn man nicht direkt durch die Decke geht. Und das zeigt doch, dass man es nur für die Aufmerksamkeit macht.»

...sondern vielleicht an einer Homeparty.

Lil Bruzy: Genau.

Und nach «Trottinett»? Aus einem Song ist etwas gewachsen, was heute generellen Stellenwert hat, speziell in der Zürcher Kulturszene.

Lil Bruzy: Bevor nicht die Anfrage vom Stolze Openair gekommen ist, im Frühling letzten Jahres, hätte ich mir nie Gedanken gemacht, dass ich musikalisch irgendetwas reissen könnte. Dann kam diese Anfrage und ich wollte zunächst nicht zusagen. Es war surreal, ich habe einfach nebenan ein wenig Musik in meinem Zimmer gemacht aber nicht mit der Intention, an einem richtigen, gestandenen Zürcher Openair zu spielen.

Du wolltest nicht zusagen?

Lil Bruzy: Nein. Ich fand es ganz cool, dieses Hobby-Musik-Ding zu machen, aber ich wollte nicht auf einer Bühne stehen. Es hat völlig gereicht, Fun-Tracks aufzunehmen, sie hochzuladen und zu sehen, dass einige Leute Freude daran haben. Und Mijo, mein DJ, hat mich dann irgendwann gefragt: «Warum eigentlich nicht? Sag zu, wir proben zusammen und das klappt dann schon». Und ich habe dann tatsächlich zugesagt. Mein erstes Konzert, das ich überhaupt gespielt habe, war am Stolze Openair auf der Hauptbühne.

Auf der Hauptbühne?

Lil Bruzy: Ja, der Auftritt war ursprünglich auf der Nebenbühne geplant, aber Danitsa musste das Konzert verschieben, weil sie in Frankreich im Stau stand. Und der Booker vom Stolze zu mir am Telefon, ob ich mir vorstellen könne, auf der Hauptbühne zu spielen? Und ich so: «Nei, hert nöd, kei chance». Dann waren wir vor Ort. Sie haben mir zu viert ins Gewissen geredet und dann habe ich doch nachgegeben und mich umentschieden.

Also hast du zweimal dem Stolze abgesagt und bist schlussendlich doch auf der Hauptbühne aufgetreten.

Lil Bruzy: Ja und es war die beste Entscheidung, die ich wohl letztes Jahr gefällt habe. Der Auftritt selbst war dann wahnsinnig nice. Die Nervosität war mit einem Schlag weg, als ich auf die Bühne bin und es war, als würde sich einfach ein Film abspielen. Wir hatten so viel geprobt, es konnte gar nicht so viel schieflaufen. Das Stolze war wie ein Kickstart für alles, was nachher gekommen ist. Ich habe Anfragen bekommen, weil mich Leute am Stolze gesehen haben und dann buchen wollten. Und seit dann ist alles irgendwie ins Rollen gekommen und ich habe mich einfach treiben lassen.

Foto: Moritz Keller

Kein Jahr nach dem Stolze Openair wird Lil Bruzy an den zwei wichtigsten Festivals im Kanton Zürich spielen, wenn es um lokale Kulturförderung geht. Dem m4music-Festival und vor knapp zwei Monaten den Winterthurer Musikfestwochen. Orte, an denen man nicht oft auf HipHop- oder generell Urban-Acts trifft, die aber in der Kulturszene extrem hohes Standing geniessen. Noch interessanter ist, dass Lil Bruzys Konzertlocations generell keine Orte zu sein scheinen, an denen HipHop sehr wichtig ist. Vielmehr sind es wichtige Lokalitäten der Zürcher Ausgangsszene. Die Plattentaufe des letzten Projekts – der «Gwitter-EP» – fand am Sommerclosing des Kauz statt, einem traditionsreichen Club, der mit HipHop nicht viel zu tun hat. Die Bar3000 an der Langstrasse ebenso kein Ort, an welchem andere Rapper Konzerte spielen.

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Und wenn es an diesen Locations Urban-Acts zu hören gibt, dann sind es immer die gleichen. Lil Bruzy, Babylon Music etc. Das Publikum ist ein anderes, die Organisation ist eine andere, kurzgesagt: es ist generell eine andere Szene. Es geht nicht um Label Deals und Streamingzahlen, sondern um Kulturförderung.

Wie erklärst du dir das, dass du in dieser Ecke gelandet bist?

Lil Bruzy: Ich denke das hat, so einfach das auch klingt, damit zu tun, mit wem du unterwegs bist. Die Leute, mit denen ich bis jetzt oft zu tun hatte, haben auch oft nicht extrem viel mit Rap am Hut. Es ist eine ziemlich alternative Szene. Sie machen ihre Parties, nehmen Mainstream-Glamour-Shit gerne auf die Schippe. Irgendwie passe ich dort hinein. Vielleicht, weil ich wirklich gemacht habe, was ich will. Ich habe nie etwas gemacht, um in eine Rap-Szene hineinzukommen. Ich will das auch nicht forcieren. Wenn ich so näher an diese «Kulturszene» als die Rap-Szene komme, dann öffnen sich gezwungenermassen auch andere Türen. Aber das kann ja auch noch zusammenkommen.

Mir ist vor einigen Monaten etwas aufgefallen. In den Besucherumfragen des diesjährigen LYRICS Festivals haben viele offensichtliche Stadtzürcher HipHop-Fans auf die Frage hin, welcher Schweizer Rapper schlechter rappe als sie, lachend mit Lil Bruzy geantwortet. Dies aber ohne wirklichen Hate zu vermitteln. Gefeiert haben sie dich trotzdem irgendwie. Und ich finde auch keine Hate-Kommentare unter deinen Songs, deine Konzerte sind sehr gut besucht und Grössen der Musikszene feiern deinen Sound. Wie kommen diese doch irgendwie negativen Vibes zustande?

Lil Bruzy: Das ist echt witzig zu hören. Weil ich habe noch nie wirklich Hate erfahren oder wurde irgendwie mit Ähnlichem konfrontiert. Aber wenn wirklich so viele Leute das Gefühl haben, sie können besser rappen als ich, dann los! Ladet es hoch, zeigt euch der Welt! Wenn es nice ist, dann wird es die Masse auch nice finden. Es ist sicher ein witziges Statement, das so zu hören, aber ich positioniere mich ja auch nicht als besten Rapper Zürichs. Vielleicht bin ich deshalb auch nicht so verankert in der HipHop-Szene, weil ich mich nicht so als krassen Rapper definiere. Aber wenn mein Name so oft gefallen ist, heisst das ja auch, dass ich irgendwie polarisiere.

Findest du es schade, dass du diese Anerkennung, die du in dieser sogenannten Kulturszene bekommen hast, nicht auch in der HipHop-Szene erhältst?

Lil Bruzy: Nein gar nicht. Ich erwarte es auch nicht. Ich stehe nicht da und sage: Hey, ich bin so gut, wo bleibt eure Aufmerksamkeit? Es ist immer schön, neues Publikum zu gewinnen, aber ich stelle keinen Anspruch an Relevanz. Wieso auch? Ich geniesse es extrem, wie es gerade läuft. Ich bekomme Anerkennung von Leuten, zu denen ich aufschaue. Wenn ein Nativ zu mir sagt: «Hey das, was du machst, ist Kunst», dann ist das ein unglaublich geiles Gefühl. Ich mache so viel, wie gerade geht. Wieviel Anklang das dann findet, wird sich zeigen. Kein Grund für Stress.

Foto: Moritz Keller

Auch wenn Lil Bruzy diese teils fehlende Anerkennung in der Community der Rap-Szene nicht wichtig ist, fällt dennoch etwas auf. Denn Lil Bruzy ist nicht der einzige Zürcher Musiker, der sehr viel Anerkennung der alternativeren Kulturszene bekommen hat, sehr wenig jedoch von den Mainstream-Rap-Fans. Mainstream soll hier nicht Pop-Nähe bezeichnen, sondern eine Generation, die an hartem, schnellem und vor allem gesprochenem Rap hängt. Es ist schwierig zu sagen, ob die Ablehnung von progressivem, atmosphärischem Soundbild sich durch die ganze Community zieht. Auffällig ist es dennoch, dass jede Erwähnung von bspw. Babylon Music auf der LYRICS-Website negative Kommentare nach sich zieht. Und an dieser Stelle: Konservatives Gedankengut steht unserer Szene wirklich nicht gut, wenn man die Musik weiterentwickeln will. Was heisst das aber für Künstler wie Lil Bruzy, oder auch COBEE beispielsweise, wenn man in einer alternativeren, offeneren Szene regelrecht aufblüht, gelobt und gepusht wird?

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Lil Bruzy: Was ich mir oft überlegt habe in den letzten Monaten ist: Was liegt eigentlich drin? Ich hätte nie gedacht, dass ich es überhaupt an diesen Punkt schaffe. Ich habe Props von Leuten bekommen, vor denen ich musikalisch grössten Respekt habe. Aber es ist nicht so, dass ich mehr rausholen muss, sondern mehr die Frage, was daraus noch werden könnte? Und wenn das daraus würde, dann wäre das extrem schön, aber wenn nicht, dann wäre es auch nicht schlimm.

Ist Druck da?

Lil Bruzy: Druck nein, aber ich nehme es gezwungenermassen ernster als vor zwei Jahren. Es ist eine andere Situation, wenn du auf drei wichtigen Festivals gespielt hast, als wenn du Fun-Tracks in deinem Zimmer aufnimmst mit einigen dutzend Soundcloud-Abonnenten.

Du stellst also Ansprüche an dich selbst, aber es ist auch nicht schlimm, wenn es nicht funktioniert.

Lil Bruzy: Genau. Aber dass es Spass macht, steht immer im Vordergrund. Wenn es ein Muss wird, hat es sein Ziel verfehlt.

Was macht die CH-Rap-Szene falsch? Wenn man sie mit deiner Story vergleicht?

Lil Bruzy: Wenn etwas falsch gemacht wird, dann vielleicht, dass viele Newcomer zu ungestüm sind. Ein Song draussen und direkt wird die Werbetrommel gerührt. Alles kommt direkt auf Spotify und es wird Promo en masse gemacht. Und dann ist man enttäuscht, wenn man nicht direkt durch die Decke geht. Und das zeigt doch, dass man es nur für die Aufmerksamkeit macht. Das ist doch schade. Und vergänglich. So hart das klingt. Also unter uns: Klar ist es nice, wenn Leute auf der Strasse auf dich zukommen und dir sagen, dassd en geile Siech bisch. Aber macht es nicht nur wegen dem. Das sollte nicht der Drive und Ansporn sein. Wenn es passiert, ist es schön, klar. Aber versucht, nichts zu forcieren. Nehmt euch nicht so ernst.

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