Tommy Vercetti – «No 3 Nächt bis Morn»
Friday
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9
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September
2019

Album-Review

Tommy Vercetti – «No 3 Nächt bis Morn»

Friday
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27
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September
2019

Album-Review

Tommy Vercetti – «No 3 Nächt bis Morn»

Moritz Wey
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Tommy Vercetti – «No 3 Nächt bis Morn»
Quelle:
Janosch Abel
Es ist da. Tommy Vercettis zweites Solo-Album mit dem bogenspannenden Titel «No 3 Täg bis Morn». Ich habe reingehört, reingefühlt und es noch lange nicht verstanden.

Tommys Kunst lässt sich bekanntlich auf zwei unscharf getrennten Podesten aufreihen: Auf der unbekümmerten und spassorientierten Seite liegt der «Gagu» – wie er der befreiten Herangehensweise wohl selbst sagen würde. Damit meine ich «Rosario», die Veröffentlichungen mit Eldorado FM und alte Battle- oder Radio-Geschichten. Daneben haben wir die Projekte, die weitergedacht sind, mit mehr Hirnschmalz, die mehr herausfordern – wahrscheinlich sich selbst aber letztlich auch die Hörerschaft. Spätestens «Seiltänzer» und unlängst die «Polarlos EP» gehören dazu. Glücklicherweise – weil meinen Erwartungen entsprechend – reiht sich sein neustes Album in die zeitlose Serious-Talk-Aufzählung ein. Werke, an denen man auch Jahre später noch nagen will.

Die Zeitgeschehnisse im Visier

Wie wir ihn kennen, handelt Vercetti ihm wichtige Themen ab, seziert dabei die krisenhaften Systeme und Zustände unserer Zeit. Doch zu unserem Hörvergnügen tut er dies hier nicht in der Rolle des promovierenden Forschers oder des geladenen Arena-Gasts, sondern als Künstler mit dem Schwerpunkt Rap. Vielleicht mehr denn je äussert sich seine Sozialkritik in nahbaren Geschichten und unmittelbaren Gefühlswelten. An Stelle des offenen Hangs zur Philosophie und zur Poesie («Seiltänzer»), tritt ein durchdachter Pfad mit gegenwartsbezogenen Stationen.

«glatt rasiert u Schlips, kantige Schnitt – det sitzt genau dr Gliich!» («Vorm Gsicht»)

Wie bei «Vorm Gsicht», der Erzählung eines einfachen Arbeiters, der ausgelaugt und unbezahlt in der Chefetage anklopft. Ohne ernstgenommen zu werden, wendet er sich der Reihe nach an Firmenboss, Richter, Journi und Politiker – nur um wieder und wieder der gleichen ignoranten Fratze zu begegnen. So endet die überzeichnete Geschichte von struktureller Gewalt im Gefängnis und gipfelt angedeutet in sexueller Gewalt.

«lug, wime uf euch zeut, aber nid euch zaut» («Who Cares?») 

Oder wie bei «Who Cares?», dass sich einmal gehört nicht mehr als «Wen kümmert’s?», sondern als smartes «Wer kümmert sich?» übersetzt – also einem beispiellosen Song über die hauptsächlich von Frauen geleistete, un- oder unter-bezahlte Arbeit. Eine Perspektive, die man dem Papa einer Tochter nun umso mehr zumutet.

«eues System isch gschiteret, u dir machet straflos genau gliich witer» («2008»)

Nicht zu vergessen ist «2008», ein Stück, das als stolze Hymne gegen das kapitalistische System gefeiert werden darf. In den Strophen erklärt der Berner entwaffnend, wie es 2008 zur Finanzkrise kam. Obwohl er mit dem Gier-System abrechnet, bleibt Tommy unverkrampft und ruft im zweiten Refrain hoffnungsvoll zum Besetzen der Strassen auf – «2008» möchte ich auch genau dort hören.

«i cha nüm di Vater si, wenn si muss ä Papi ha» («Memo a Misäuber»)

Bezüge zum Vorgänger

«No 3 Nächt bis Morn» ist der Nachfolger von «Seiltänzer», oder schliesst zumindest daran an. Darauf deutet schon das Cover, der symbolische Falter aus einem Totenkopf und drei Münzen, der sich auf den Schmetterling mit Patronen-Bauch (Seiltänzer) bezieht, hin. Dass sich auch musikalische Verbindungen zum Vorgänger auftun, hört man auf «Memo a Misäuber». Anders als erahnt, hören wir dort die Melodie von «Eifach So (Liebe 2)». Vercetti dreht schliesslich den «Ha gar ke Zyt»-Spiess inhaltlich um: Überzeugt vom einfachen Glück schenkte er damals den unwichtigen Dingen keine Zeit. Nun vergegenwärtigt er sich seinen heutigen Lebensalltag und stellt schliesslich leicht wehmütig doch im Reinen mit sich fest, zu was die Zeit gar nicht mehr reicht… und was das mit ihm anstellt. 

«i mein’ gopferdeli: / was isch ä Botticelli gägä hundert gstopfti Bellys» («Papst & Spekulant»)

Dem Rap noch lange nicht abgeschworen

Das Album ist abwechselnd gestaltet. Auf dichte Songs folgen kärgere, gar ohne Vocals («Dr Troscht vo chline Objekt») und auf düsteres folgt Lebensbejahung («Caliban»), wenn auch mit doppeltem Boden. Trotz alledem bleiben klassische Rap-Momente nicht aus: Etwa, wenn sich Tommy und Bruder im Geiste Dezmond Dez in den Rollen des Spekulanten beziehungsweise Papsts, Angebote und zynische Vorwürfe in verschachtelter Sprache um die Ohren jagen. Im Hin- und Her-Konzept zu bleiben, auf die Rollen einzugehen und dabei nochmehrsilbige Reime rauszuflowen, ist ein klares Statement für das Rap-Handwerk.

 «Bättä tönt wi Bättlä mitme Ungertan-Ungerton / dir sit nume Scharlatan mit Salomon-Stundelohn» (Dezmond Dez, «Papst & Spekulant»)

Das Schema links liegen und Rap in Würde altern lassen

Eine Idee, die Tommy seit längerem beschäftigt. Doch wie sieht das aus mit einer Rap-Karriere, wenn man schwört: «ig setzä aues woni ha uf 38i»?

Dass sich «No 3 Nächt bis Morn» auch musikalisch nicht dem Abbild der heutigen Szene angliedert, war anzunehmen. Weder will es, noch könnte es das. Vercetti ist nicht mehr der coolste und seine Musik ist auch nicht leichter zu hören oder zu verstehen geworden. Umso mehr fragte ich mich, wie die Zusammenarbeit mit Produzent Pablo Nouvelle das Album klingen lässt. Schliesslich steuerte er diesmal den gesamten Produktionsprozess.

Waren wir bei «Seiltänzer» meist bedächtig unterwegs, hören wir nun auch treibende Bässe. Etwas wuchtiger, sehr abwechslungsreich auch innerhalb einzelner Songstrukturen und vor allem: dringlicher! Pablo und Tommy schaffen es, Klangwelten und Geschichten so aufzubauen, dass Druck, Spannung, Macht und Verzweiflung auch ganz ohne Worte hör- und spürbar werden.  

Aber was ist es denn eigentlich, dieses «Morn»?

«Mach öppis wo Hoffnig git, vorwärts luegt» antwortet sich Tommy im gesprochenen Intro auf seine Frage, was er denn nun mache. Auf «Nordwärts», dem drittletzten Song, kommt zunächst nur wenig Hoffnung auf: Die Aare liegt seit einem Jahr trocken, Viren und Morde prägen das Land, das es zu verlassen gilt. Man flieht nordwärts, wird zum Ausgesetzten, sucht Land, dass nicht bereits von Solarenergie-Kriegen dominiert oder von Reichen reserviert ist. Schliesslich angekommen in Sibirien, gestaltet man das Leben neu. Das alles geschrieben in ein Tagebuch, zu Händen seiner Tochter, die er zurückliess. Dennoch: Das Leben neugestalten. Das ist es wohl, was Norma Jean Martine abschliessend meint, wenn sie singt: «If I don’t try, then I’ll never know.»

Endwertung: 5/6 🔥

Letzte Weihnachten habe ich die «Polarlos EP» genauer unter die Lupe genommen. Den Beitrag findest du hier:

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