Rechtsextremer Rap: Eine Szene, die es nicht geben dürfte
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April
2020

Kolumne

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Rechtsextremer Rap: Eine Szene, die es nicht geben dürfte

Luca Thoma
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Rechtsextremer Rap: Eine Szene, die es nicht geben dürfte
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Die «Musik», die Chris Ares und sein Umfeld machen, könnte paradoxer nicht sein und hat weniger mit HipHop zu tun als Schlagermusik.

Wir müssen uns nichts vormachen – faschistisches und rechtsextremes Gedankengut war nie weg. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es überall auf der Welt viele Menschen, die weiterhin mit der Nazi-Ideologie sympathisierten und an rassistische Weltbilder glaubten, doch sie ballten die Faust im Sack. Mit den Erfolgen der AfD und dem Aufkommen der Identitären Bewegung erstarkte der rechte Rand in Deutschland und suchte zunehmend das Scheinwerferlicht. Dabei distanzierten sich diese «neuen Rechten» stärker von Neo-Nazi-Klischees, von Glatzen und Springerstiefeln, und versuchten, ihre Standpunkte cooler und anschlussfähiger zu präsentieren. Eine skurrile und bedenkliche Begleiterscheinung dieses Experimentierens mit Pop-Kultur war und ist das Aufkommen von rechtsextremem Rap.

«Nun wollen es Rechte selbst mit Rappen probieren, auch wenn Rap von seiner Entstehungsgeschichte her in etwa so ‘deutsch’ ist wie Kentucky Fried Chicken.»
Weder Springerstiefel, noch Bomberjacken: Eine Demo der Identitären.

In den ostdeutschen Bundesstaaten vegetierte Glatzen- und Fascho-Rap schon etwas länger vor sich hin, doch mit dem Süddeutschen Chris Ares schaffte es im Herbst 2019 zum ersten Mal ein offen rechtsextremer Rapper in die Charts. Sein Song «Neuer Deutscher Standard» – soundtechnisch nicht mehr als ein mieser Kollegah-Verschnitt – schaffte es auf den zehnten Platz der iTunes-Charts und auf den 95. Platz der offiziellen Charts. Das lässt sich natürlich keineswegs mit Erfolgen anderer Rapper vergleichen, ist aber dennoch ein Achtungserfolg.

«Der Erfolg und dieses neue Selbstvertrauen von Migrant*innen macht Menschen wie Chris Ares überhaupt erst so wütend»

Dass Chris Ares und sein Featuregast Prototyp Beziehungen in die rechtsextreme Szene haben und ihr Sound von einem neurechten Verlag vertrieben wird, erstaunt nicht, wenn man sich die Songtexte anschaut, die vor Hass auf Ausländer und Geflüchtete triefen und die erfolgreiche Künstler wie Capital Bra oder Sero als kriminelle Drogendealer darstellen wollen. Und als wäre das nicht genug, schwingt in den Lyrics neben der fremdenfeindlichen Haltung auch ein richtig unappetitlicher Blut-und-Boden-Patriotismus mit.

Chris Ares
«Da Chris Ares und Prototyp für sich beanspruchen, ‘Rap’ zuretten, kann man das als HipHop-Medium nicht einfach unkommentiert lassen.»

Über solche sogenannte «Künstler» überhaupt zu berichten, ist ein Drahtseilakt. Als Medium gilt es grundsätzlich, solche fremden- und demokratiefeindlichen Positionen geflissentlich zu ignorieren, weil sie keine Aufmerksamkeit verdient haben. Doch da Chris Ares und Prototyp für sich beanspruchen, «Rap» zu retten, kann man das als HipHop-Medium auch nicht einfach unkommentiert lassen. Denn «Rap» ist nicht einfach nur Sprechgesang, sondern ein wichtiges, historisch gewachsenes Kulturgut mit einer klaren Message. Rap und HipHop waren und sind ein Sprachrohr für Menschen am Rand der Gesellschaft, für sozial Unterdrückte, für Opfer von rechtsextremem Hass. Gerade diese Künstler, die Chris Ares als schmutzige Drogendealer beleidigen möchte, sind der Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der migrantischen Kultur in Deutschland, zu dem Rap einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Künstlern wie Haftbefehl, Xatar oder Bushido wurde nichts geschenkt. Sie starteten in der Gosse und holten sich durch Rap ihren Platz an der Sonne. Sie zeigten Kindern aus den Problemvierteln, dass es noch andere Perspektiven im Leben gibt, als mit Drogen zu dealen und von der Sozialhilfe zu leben. Dieser Erfolg und dieses neue Selbstvertrauen macht Menschen wie Chris Ares überhaupt erst so wütend – und zeigt ihnen, wie erfolgreich Rap sein kann, um Botschaften zu transportieren. Nun wollen sie es selbst probieren, auch wenn Rap von seiner Entstehungsgeschichte her in etwa so «deutsch» ist wie Kentucky Fried Chicken.  Doch Rap und HipHop können nicht rechtsextrem sein, das widerspricht ihrer Geschichte und der Auffassung aller erfolgreichen Vertreter dieses Genres und dieser Subkultur. Wer das nicht begriffen hat, sollte noch einmal zur Schule gehen.

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