Mimiks im grossen Interview zu «Für immer niemer»
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January
2020

«Mit jedem Album wird die Messlatte höher gesetzt»

Mimiks im grossen Interview zu «Für immer niemer»

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January
2020

«Mit jedem Album wird die Messlatte höher gesetzt»

Mimiks im grossen Interview zu «Für immer niemer»

Luca Thoma
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Mimiks im grossen Interview zu «Für immer niemer»
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Kaum ist die neue Dekade gestartet, meldet sich einer der ganz Grossen im Game mit einem neuen Album zurück. Drei Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Im Interview erklärt Mimiks, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Noch keine 30 Jahre alt, ist Mimiks für viele seiner Fans eine lebende Legende, läutete der Luzerner anno 2014 doch eine neue Ära im CH-Rap ein. «VodkaZombieRambogang» brachte das, was man vor dem Trap-Hype unter «Newschool» verstand, auf ein neues Level: brachiale Up-Tempo-Beats, raffinierte Rap-Technik des Grauens und Songs, die die Crowd nicht zum Headbangen einluden, sondern zum Pogen zwangen.

Auch mit seinen folgenden Alben war Mimiks seiner Zeit voraus und antizipierte  Trap-Patterns und Afrotrap-Tunes, bevor andere MCs auf den Zug aufsprangen. Dennoch hat sich so etwas wie eine musikalische DNA gebildet, die sich durch sein Schaffen  zieht. Es sind einerseits unterhaltsame und witzige Banger-Tracks mit viel Liebe zum Detail, aber auch beneidenswert klar und präzise geschriebene Songs mit viel Tiefgang über die Höhen und Tiefen des Lebens, die den typischen Mimiks-Sound ausmachen .

Seit seinem letzten Release «J&H Reloaded» sind fast drei Jahre vergangen. Wie hat sich der Vollblutkünstler in dieser Zeit weiterentwickelt?  Im grossen LYRICS-Interview spricht der vielleicht ambitionierteste MC der Schweiz nicht nur über die Arbeit an seinem neuen Album «Für immer niemer», sondern auch über die Legacy des 041-Movements, das Klimajahr 2019, internationale Traum-Features und das Standing von Schweizer HipHop in der vergangenen und kommenden Dekade.

Wie hat sich deine Herangehensweise an die Musik seit «Jong und Hässig» 2012 verändert?

Wenn ich früher einen geilen 16er geschrieben habe, war’s für mich völlig klar, dass der Song aufs Album kommt. Heute ist das nur noch ein Puzzleteil unter vielen. Ich habe damals wirklich schreckliche Beats gepickt und das einfach ausgeblendet, weil ich einen guten Part darauf geschrieben hatte.

«Ab und an werfe ich auch mal Songs weg, die der Hörer sehr wahrscheinlich cool gefunden hätte.»

Damals bist du auch auf Classic-Beats gejumpt.

Die Beats mussten mich einfach pushen, der Rest war egal. Jetzt ist es für mich und mein Team ein riesiger Prozess, einen guten Song zusammenzustellen. Wenn der Beat nicht funktioniert, haue ich auch mal einen guten Part in den Eimer. Mit jedem Album steigt der Qualitätsanspruch. Ab und an werfe ich auch mal Songs weg, die der Hörer sehr wahrscheinlich cool gefunden hätte, aber für mich ist dieser Prozess wichtig.

Bedeutet das, dass du viel mehr Songs für ein Album schreibst, als man dann de facto darauf hören kann?

In diesem Fall definitiv! Für dieses Album habe ich sicher 15 weitere Tracks geschrieben. Auf den Alben davor habe ich schon so viel  gesagt und getan. Damit  du dann die Leute wieder mit etwas richtig Gutem konfrontieren kannst, musst du viel Arbeit ins Album stecken. Ich will ein Momentum kreieren, das  die Leute aufs Neue begeistert. Alle Songs, die es nicht über diese Messlatte schaffen, fallen raus. Ich verlasse mich dabei auf mein Gefühl: Ein Song  kann gute Ansätze haben, aber wenn ich ihn nicht richtig gut finde, schafft er es nicht aufs Album.

«Nur weil der Song lustig ist, bedeutet das nicht, dass wir uns keine Mühe gegeben haben.»

Wie sieht das konkret aus?

Ein Beispiel: «Mach ned so» mit EffE und Livio hatte lange eine andere Hook. Ich wusste,  der Beat ist geil und der Song wird live richtig gut funktionieren. Trotzdem hatte ich immer ein schlechtes Gefühl bei der Hook . Dann hat EffE etwas Neues probiert und der Song hat sich komplett verändert.

Das ist interessant, weil dieser Song etwas sehr Spontanes ausstrahlt.

Der Song ist ganz und gar nicht spontan (lacht). Er hat eine Historie von über einem Jahr. Livio und ich haben zuerst Parts auf einen Type-Beat geschrieben und diese  dann HSA geschickt. Er  hat den Beat gebaut. Wir haben die Parts neu geschrieben – aber die Hook hat nicht funktioniert. Der Song hat mich dann derart genervt, dass ich ihn über ein halbes Jahr nicht mehr gehört habe. Schlussendlich hat EffE dann die neue Hook geschrieben und jetzt habe ich dieses Gefühl, dass der Song krass ist. Nur weil der Song lustig ist, bedeutet das nicht, dass wir uns keine Mühe gegeben haben.

Für dein neues Album «Für immer niemer» hast du sehr intensiv mit HSA gearbeitet. Andere Rapper picken sich Beats aus der ganzen Schweiz zusammen. Was gewinnst du, wenn du mit einem Produzenten intensiv am Album arbeitest?

HSA und ich sind mittlerweile richtig gute Freunde und wir haben einen beinahe identischen Musikgeschmack. Das ist richtig gut, denn nur so kann ich soundmässig eine nachhaltige Vision verfolgen. Wenn ich ständig den Produzenten wechseln würde, wäre das nicht möglich.

Deine Fans kennen mindestens zwei Mimiks: einen witzigen, abgedrehten Typen und einen nachdenklichen, reifen Menschen. Wie hältst du die Balance zwischen diesen Facetten?

Ich habe immer sehr unterschiedliche Songs gemacht – bin  verschiedene Filme gefahren. Xen hat zum Beispiel eine viel klarere Linie als ich, der würde nie dieses Spektrum von lustig bis traurig abdecken. Ich dagegen springe im Songwriting von Vibe zu Vibe. Retrospektiv kann ich nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Hätte ich beispielsweise nur Songs wie «Beastmode» geschrieben, hätte ich heute vielleicht eine einheitlichere Fanbase. Vielleicht wäre das besser gewesen, vielleicht hätte es aber auch nicht funktioniert und ich hätte nie so viele Leute erreicht.

«Im Nachhinein ist es schade, dass wir nie ein Album oder einen Crew-Sampler aufgenommen haben – dafür ist es heute wohl leider zu spät.»

Für manche Songs brauchst du ein ganzes Jahr, «A-Team» dagegen entstand an einem einzigen Tag. War das eine Herausforderung?

«A-Team» ist geil geworden, der Song geht richtig ab und ist safe in meinem Live-Set für dieses Jahr, aber rückblickend hätte ich meinen Part sicher noch einmal umgeschrieben. Auch an witzigen 16ern kann ich lange feilen. Das ist in diesem Fall aber vielleicht gar nicht so wichtig, weil der Grundvibe stimmt.

Aleksej, Luzi, Dave: auf deinen ersten Alben haben immer Gäste deine Hooks eingesungen. Heute ist das anders. Gab es einen Moment, an dem du realisiert hast, dass du selbst singen kannst?

Das war kurz vor «J&H Reloaded». Einerseits ist es einfach viel angenehmer und effizienter, weil du nicht ständig Menschen fragen musst, ob sie die Hook für dich singen, andererseits hatte ich auch immer klare Ideen, die ich umsetzen wollte. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich es selbst lernen musste. Ich habe tausend Takes im Studio aufgenommen, bis die Hook so war, wie ich sie mir vorstellte. Eine Hook im Studio sauber zu singen, ist aber definitiv etwas anderes, als sie live zu singen. Ohne Autotune würde ich das bis heute nicht machen. Live muss ich in erster Linie geil rappen. Ob die Hook überhaupt live gesungen wird oder nicht, hat nicht höchste Priorität.

Als «VodkaZombieRambogang» durch die Decke ging, war das 041-Movement auf seinem Höhepunkt. Heute bist du vor allem noch mit LCone und EffE unterwegs. Wie stark ist 041 im neuen Jahrzehnt als Movement?

Der Vibe ist definitiv ein anderer als 2014. Für mich persönlich hat sich nichts verändert, andere setzen ihre Prioritäten aber nicht mehr auf Rap. Wir sind immer noch gute Freunde.  Am Frauenfeld werden sicher alle am Start sein, aber wir haben nicht mehr diesen Anspruch, alles übernehmen zu wollen. Dieser Ehrgeiz ist vor allem bei mir geblieben. Im Nachhinein ist es schade, dass wir nie ein Album oder einen Crew-Sampler aufgenommen haben – dafür  ist es heute wohl leider zu spät.

Nach deinem letzten Album warst du drei Jahre «weg». Wie beurteilst du die Entwicklung der Schweizer Rap-Szene in dieser Zeit?

Es gibt diese drei, vier üblichen Verdächtigen, die etwas Krasses gemacht haben, ansonsten ist nicht viel passiert (lacht). Aber hey, fair enough, die Schweiz ist ein kleines Land. Schweizer Rap hat mittlerweile schon ein anderes Standing als noch vor 6-7 Jahren. Ob die Zahlen noch gross steigen werden, kann ich nicht beurteilen, aber es gibt einige Künstler, die richtig gut abliefern. Auch das ist alles andere als selbstverständlich.

Du hast praktisch alles erreicht, was es im CH-Rap zu holen gibt. Woher nimmst du den Hunger für neue Projekte?

Das frage ich mich auch ständig (lacht). Ich habe einfach eine unglaubliche Leidenschaft für Rap. Dass ich noch diesen Hunger hatte, um einen 8-Minuten-Song zu schreiben, hat mich selbst überrascht, aber ich fühle mich diesem Game verpflichtet. Ich habe damit angefangen und jetzt will ich es  auch durchziehen. Den Hunger ziehe ich aus meinem Willen, das Ganze einfach immer noch besser machen zu wollen.

Stress, Xen , Marash und Dave: Du hast schon mit vielen Grössen im Game Songs aufgenommen. Hast du in der Schweiz noch einen unerfüllten Feature-Wunsch?

Ja, safe. Fabscho ist für mich die grösste CH-Rap-Legende aller Zeiten. Er sagt allerdings,  falls ich ein Feature von ihm wolle, müsse ich mir bei ihm im Studio den ganzen Rücken tätowieren lassen. Mal schauen, ob es soweit kommt (lacht).

Hast du international ein Traum-Feature?

Meek Mill. Ich bewundere seinen Vibe und seine Energie. Eine andere grosse Inspiration ist Stormzy: Der Typ ist auf allen Ebenen «next level». Klar macht er auch Pop-Songs, aber grundsätzlich rappt er. Seine Musik ist sehr düster, aber die Leute feiern das! Und egal, was er macht, er ist dabei einfach unglaublich stilsicher.

Hast du neben Rap noch andere künstlerische Ventile?

Ich koche sehr gerne, treibe viel Sport und lese phasenweise wirklich sehr viel. Ausserdem denke ich, dass ich ein guter Video-Maker wäre. Ich habe immer ziemlich gute Ideen (lacht).

Wie hast du als Veganer das Klimajahr 2019 erlebt?

Ich finde es sehr schön, dass so viel darüber gesprochen wird. Da ist sehr viel passiert in den Köpfen der Menschen. Gleichzeitig bleibe ich auch realistisch: Die Welt wird sich nicht über Nacht ändern. Ich persönlich will die Welt nicht eigenhändig verändern oder ständig Aktivismus betreiben. Ich will  lieber den Menschen in meinem Umfeld etwas vorleben und mitgeben. Auf dem neuen Album ist ein Song, der sich mit dem Thema Klimaerwärmung beschäftigt, aber man muss genau hinhören. Ich war nie ein Zeigefinger-Rapper, würde nie «Klima-Rap» machen, aber wenn ich die Chance bekäme, ein cooles Projekt zum Thema Klimawandel zu realisieren, das sich gut anfühlt, wäre ich auf jeden Fall am Start.

Zeit für Legacy-Talk: Kannst du dir vorstellen, in zehn Jahren noch am Start zu sein und «Grown-Man-Rap» zu machen?

Rap begleitet mich seit über zehn Jahren und wird sicher nicht von heute auf morgen aus meinem Leben verschwinden. Gleichzeitig habe ich mir aber auch geschworen, nicht mit 40 noch auf  cool machen zu wollen. Ich finde das peinlich. Im Älter- und Reiferwerden liegt extrem viel Glück. Mit 25 habe ich eine Zeit lang damit gestrugglet, dass ich nicht mehr so jung, fresh und neu bin wie früher, habe dann aber zu schätzen gelernt, dass ich schon so viele Erfahrungen gesammelt habe. Älter zu werden ist sehr schön und solange man diese Stimmungen musikalisch transportieren kann, passt’s für mich. Nimm mal das Beispiel Stereo Luchs: Er  lebt das perfekt vor. Solange sich das Musikmachen gut anfühlt, ist es schön. Falls es plötzlich «weird » wird, muss ich mich umorientieren (lacht).

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