Die Plattform der Zukunft oder verblödete Pornofalle?
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«Onlyfans» und Rap

Die Plattform der Zukunft oder verblödete Pornofalle?

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«Onlyfans» und Rap

Die Plattform der Zukunft oder verblödete Pornofalle?

Luca Thoma
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Die Plattform der Zukunft oder verblödete Pornofalle?
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«Onlyfans» ist der neuste Schrei im Internet und löst kontroverse Diskussionen auf. Immer mehr Rapperinnen und Rapper springen auf den Zug auf. Was bedeutet das für die Szene und die Kunst?

Im Covid-Zeitalter schiessen Online-Plattformen wie Pilze aus dem Boden. Kein Wunder: Je länger die Menschen zuhause herumsitzen, desto grösser ist der Hunger auf Neues und Abwechslung im Netz. Das wohl kontroverseste soziale Medium, das derzeit Hochkonjunktur hat, ist das 2016 gegründete «Onlyfans». Diese Plattform ist eine Synthese von Instagram und Youtube und zeigt praktisch ausschliesslich Paid Content. Die Idee: Social-Media-Produzent*innen laden Fotos und Videos hoch, wer sie sehen möchte, löst eine Art Monatsabo. Den Preis bestimmen die Creator selbst. Wer nicht zahlt, dem wird dort schnell langweilig. Das ist eine wahre Goldgrube für findige Contentmacher*innen: Innerhalb kurzer Zeit können sie unfassbar viel Geld verdienen.

«Was bedeutet dieser Trend aber ganz allgemein für Rap? Zunächst stellt «Onlyfans» eindrücklich unter Beweis, dass Social-Media-Content einen Wert hat.»

Da die ersten «Stars» auf «Onlyfans» mit sehr expliziten Inhalten, etwa Nacktfotos und Softporno-Clips, berühmt und reich wurden, geriet die Plattform schnell in Kritik. Während insbesondere feministische Stimmen vor einer Pornofalle für Influencer*innen warnen, sehen es gerade die Creator*innen selbst als ein Vehikel zur Selbstermächtigung gegenüber der Porno-Industrie – eine Art «Indie-Label», das dafür sorgt, dass die Wertschöpfung bei den Urhebern bleibt und nicht in die Taschen der Industrie fliesst.

Quelle: onlyfans.com | @iamcardib

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis auch findige Rapper*innen die Cashcow für sich entdeckten. Pioniere waren wie immer die US-Acts. So betreibt beispielsweise Cardi B einen erfolgreichen Account, auf dem sie jedoch keine nackte Haut zeigt: Sie sharet in Livestreams ihr Privatleben mit ihren Followern und beantwortet Fan-Fragen. So erklärt sie etwa, warum es zwischen ihr und Ehemann Offset zur Trennung kam. Für die Rapperin ist «Onlyfans» also eine Art vergoldetes Nähkästchen. Ganz anders sieht der Account von Tyga aus, der tatsächlich blank zog und ein Foto seines besten Stücks ins Netz stellte. Skandal pur oder doch eher die logische Konsequenz seines übersexualisierten Images?

Schon fast visionär wird «Onlyfans» von Blueface betrieben – wenn die Umsetzung nur einen Tick raffinierter und intelligenter gewesen wäre. Der Rapper aus Los Angeles hat eine eigene Reality Show auf die Beine gestellt: im «Blue Girls Club» kann man leichtbekleideten Frauen dabei zusehen, wie sie sich streiten und bisweilen auch prügeln. Dass tausende Menschen dafür bezahlen, um sich so etwas anzuschauen, sollte das Totschlagargument in jeder Diskussion über die Frage sein, ob es 2021 überhaupt noch Feminismus braucht. Als erster grosser Rapper im deutschsprachigen Raum ist Fler auf den Zug aufgesprungen. Die 5 Dollar Abo-Kosten pro Monat sind derzeit noch schlecht investiertes Geld: mehr als ein, zwei Shots hinter den Kulissen eines Videodrehs gibt’s nicht zu sehen. Wer auf Nacktfotos von Fler gehofft hat – was vermutlich bei niemandem, wirklich niemandem, der Fall ist – muss fürs Erste noch warten.

«Onlyfans ist ein irrsinnig gutes Vehikel, um das Band zwischen Künstler*in und Fans zu stärken. Kauften die Die-Hard-Fans früher den ganzen Merch-Stand leer, so lösen sie nun ein «Onlyfans»-Abo.

Was bedeutet dieser Trend aber ganz allgemein für Rap? Zunächst stellt «Onlyfans» eindrücklich unter Beweis, dass Social-Media-Content einen Wert hat. Diese Erkenntnis könnte sich als visionär herausstellen und die Trennung zwischen Künstler und Privatperson weiter aufweichen. Dass man nicht nur die Musik und die Künstler-Persona, sondern auch sein hundskommunes Alltagsleben monetarisieren kann, wird sicherlich den einen oder die andere zum Denken anregen: Warum soll man überhaupt noch rappen, wenn man auch einfach Dickpics machen oder im Angelcamp von Knossi herumhüpfen kann? It’s so easy.

Andererseits ist «Onlyfans» auch ein irrsinnig gutes Vehikel, um das Band zwischen Künstler*in und Fans zu stärken. Kauften die Die-Hard-Fans früher den ganzen Merch-Stand leer, so lösen sie nun ein «Onlyfans»-Abo und verfolgen ihr Idol Tag und Nacht. Um zur Diagnose zu kommen, dass diese Abhängigkeit und dieser Voyeurismus bisweilen pathologische Ausmasse annehmen wird, muss man kein abgeschlossenes Psychologie-Studium aufweisen. Gleichzeitig wird es für die allermeisten Fans einfach eine Plattform unter vielen bleiben, auf denen man seine Lieblings-Artists verfolgt. Viele werden ihre Abos auch schnell wieder aufkünden, wenn der Künstler nur Schrott-Content hochlädt, denn durch das investierte Geld steigt die Erwartungshaltung.

«Die Plattform stellt eindrücklich unter Beweis, dass Social-Media-Content einen Wert hat. Diese Erkenntnis könnte die Trennung zwischen Künstler und Privatperson weiter aufweichen.»

Offen bleibt die Frage, ob «Onlyfans» den Porno-Anstrich behält oder ob es sich zu einer Plattform entwickelt, die in erster Linie das Privatleben von Künstler*innen und Influencer*innen dokumentiert und begleitet. Doch auch wenn das Porno-Label bleibt – es wäre auch nicht viel mehr als neuer Wein in alten Schläuchen. Rap und Pornographie sind keine neue Kombo, wie etwa die Trailerpark-Konzertaufnahmen, die nur auf nicht-jugendfreien Kanälen zu empfangen sind, oder das «Skandal»-Musikvideo von Gimma im Jahr 2007 unter Beweis stellen.

Ob das nun cool ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Schliesslich definiert ja jede*r für sich selbst, was Entertainment ist und was belangloser Müll. Und wer weiss: Vielleicht kann man in Zukunft ja auch bald exklusive Homekonzerte, Poesie-Abende oder Beatmaking-Sessions via «Onlyfans» verfolgen. Einen solchen Kanal mit kreativem Content zu füllen, den man wiederum durch die Abos finanzieren kann, liegt definitiv im Bereich des Möglichen. Nur den Glauben an die Menschheit nicht verlieren. Eines ist aber klar: Die Zeitgenossen, die sich über eine zunehmende Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit in der Popkultur beschweren, werden ihr Heilmittel derzeit sicher noch nicht in «Onlyfans» finden.

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