Die High- und Lowlights der letzten Dekade
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2019

LYRICS Decade

Die High- und Lowlights der letzten Dekade

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LYRICS Decade

Die High- und Lowlights der letzten Dekade

Luca Thoma
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Die High- und Lowlights der letzten Dekade
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Vor dem Rutsch ins neue Jahr rekapitulieren wir die Höhepunkte und Flops von 2010 bis heute.

2010 bis 2020: eine Dekade Musikgeschichte. Es waren zehn turbulente und aufregende Jahre. CH-Rap löste sich aus seiner Schockstarre, erlebte goldene Zeiten und befindet isch heute wieder in einer Phase der Selbstfindung. Wir schauen zurück auf die Hochs und Tiefs unserer facettenreichen und lebendigen Szene.

2010: Bärn, Baby

Auch wenn sich CH-Rap 2010 in einer Art Dornröschenschlaf befand und nur wenige Acts landesweit für Furore sorgten, begann die Dekade sehr vielversprechend. Tommy Vercetti, damals bereits eine Berner Battlerap- und Untergrundlegende, brachte mit «Seiltänzer» sein Debütalbum heraus: für viele Lyrik-Fans ist es bis heute das beste Album der Schweizer Rap-Geschichte. Mit seinem ganz persönlichen philosophischen Werk erklärte der Berner Künstler seinen Fans die Welt und brachte Mundart-Rap in Sachen Wortgewandtheit und Poesie auf ein völlig neues Level.

Weniger wortgewandt zeigte sich Nati-Stürmer Alex Frei, der anlässlich der WM 2010 gemeinsam mit Rapper Bandit für Zweifel Chips den Song «Zeig Gsicht» aufnahm. Weder die Delivery des Goalgetters noch seine Songwriting-Skills überzeugten, denn Frei rappte einfach mal schnell den Schweizer Psalm ein. Das uninspirierte Video dazu erfüllte jedes nur denkbare HipHop-Klischee. Bitte nie wieder.

2011: Schwächelnder Star, erstarkter Untergrund

Während sich die Hauptstadt-Szene im Aufbruch befand, schwächelte der Mega-Star. Stress zeigte auf seinem Album «Renaissance II» nach vier absoluten Klassiker-Alben zum ersten Mal leichte Abnutzungserscheinungen. Der stagnierende Star war auch Abbild einer Schweizer Rap-Szene, die weiterhin in einer gewissen Orientierungslosigkeit verharrte.

Keinen Swiss Music Award, aber dafür Underground-Gold hat sich die 2011 gegründete Formation «Temple of Speed» verdient: Die von Tinguely dä Chnächt, Skor und Sterneis gegründete Formation wuchs mit jedem Tape um ein Mitglied an. Dazu kamen etwa Urban-Music-Legenden wie EKR, Baze, Capo Cris und Stereo Luchs.

2012: Die Strassenrap-Welle kommt ins Rollen

2012 rumorte es ordentlich auf den Schweizer Strassen. Die legendäre Videoreihe «Heb de Latz» zeigte hungrige Street-Rapper aus der ganzen Schweiz, viele Videos gingen für helvetische Verhältnisse viral – etwa der legendäre Posse-Track von «Uslender Productions» oder 2014 im Konkurrenz-Format «CÜS HELVETIA» der Song «Wer will battle» eines gewissen Xen Kastrati.

2012 war auch das Jahr, in dem Milli54 seinen Klassiker «Grüezi Herr Blocher» aufnahm und auf roughe Art Sozialkritik übte. Der Song wurde in vielen Schweizer Medien besprochen.

Weniger street, aber umso musikalischer war das «Update 3.0» von Lo & Leduc. Mit dem Abschluss ihrer Mixtape-Reihe zementierten sie ihren Anspruch, in Bern etwas reissen zu wollen und brachten ihren Sound auf ein hohes Niveau. Es roch schon damals verdächtig nach nationalem Durchbruch.

2013: Conscious Rap und die Sellout-Debatte

Top und Flop lagen in diesem Jahr sehr nahe beieinander. Tommy Vercetti brachte gemeinsam mit seinem «partner in crime» Dezmond Dez ein Album namens «Glanton Gang» heraus. Auf dem hässigen Album nahmen die beiden kein Blatt vor den Mund.

Eine Line von Tommy Vercetti gegen Knackeboul führte zu einer breiten Diskussion und einem Mini-Beef. Dieser hatte mit seinem Sendeformat «Cover Me» im Schweizer Fernsehen ordentlich polarisiert. Tommy warf ihm Sellout vor, nannte ihn einen «H*rensohn» und gab in einer Diskussion bei «joiz in the hood» zu, dass er Knäcks neues Album «Picasso» nicht mal gehört habe. Ein unglücklicher Beef, der die Berner Conscious-Legende nicht im besten Licht präsentierte.

2013 war dafür ein grossartiges Jahr für Female Rap: Steff La Cheffe gelang mit ihrem zweiten Album «Vögu zum Geburtstag» und dem Über-Hit «Ha kei Ahnig» der endgültige Durchbruch. Ein weiteres Highlight des Rap-Jahrs war Manillios Album «Irgendwo».

2014: Der Durchbruch

2014 verflog mit dem Debütalbum von Mimiks jeder letzte Rest von Stagnation und Depri-Stimmung im CH-Rap. «VodkaZombieRambogang» schoss direkt an die Spitze der Charts und machte aus dem hungrigen Luzerner im Handumdrehen einen veritablen Rap-Star, der es schaffte, eine neue Generation an Rap-Fans ins Boot zu holen.

Im Kielwasser von Mimiks übernahm das «041»-Movement mit Künstlern wie Marash & Dave, Pablo, LCone und Ali den Lead im Schweizer Rap-Game. Plötzlich wollte jeder junge MC mit Doubletime-Flow rappen und brachiale Rick-Ross-Beats waren der neue State of the Art.

Just in diesem Moment wurde auch ein neues Print-Medium ins Leben gerufen: Ohne den Hype um Mimiks und 041 würde es das LYRICS Magazin heute in dieser Form vielleicht nicht geben.

2015: Alte Helden, neue Stars

Lange waren sie weg, nun kamen sie zurück: die legendäre Rap-Crew Chlyklass, die die Pionierphase des Schweizer Raps massiv geprägt und MC-Legenden wie Greis und Baze hervorgebracht hatte, kam mit einem neuen Album zurück. «Wieso immer mir?» war ein Grossereignis und sorgte bei manchem Oldschoolern für Freudentränen. Dass die Chlyklass aber keinesfalls nur hängengeblieben war, zeigte Baze etwa auf seinem Trap-Banger «Wysse Golf».

Im selben Jahr kamen nicht nur alte Helden zurück, es wurden auch neue geboren. Zum einen brachte Xen mit «Ich Gäge Mich» sein lang ersehntes Debüt-Album heraus und übertraf damit alle Erwartungen. Diese Kombination aus Gangster-Romantik, messerscharfem Flow, Lebensweisheiten und modernen Westcoast-Beats hatte das Land noch nie gesehen.

In Bern setzte sich zudem auch eine neue Crew namens S.O.S. – saviours of souls – mit dem Song «läbä&stärbä» auf die Landkarte. Der Song war neu, inspirierend und vielversprechend.

2016: Es hagelt Klassiker

Es war die perfekte Welle – und CH-Rap wusste, wie er darauf zu surfen hat. Kein Jahr hat mehr Klassiker-Alben herausgebracht als 2016.

Zum einen doppelte Mimiks mit dem Album «C.R.A.C.K.» nach, verpasste zwar knapp die Chartspitze, brachte aber dafür Trap-Sound bis in die Radios und Wohnzimmer der Schweizer Mittelschicht.

Auch Manillio brachte mit «Kryptonit» sein bisher bestes Album heraus. Darauf zeigt er sich als geeichter Storyteller mit teils tieftraurigen, teils übermütig witzigen und teils herrlich alltäglichen Songs. Ein zeitloser Evergreen.

S.O.S. brachte mit «Candomblé» ihre Debüt-Scheibe heraus. Diese Kombination aus Energie, Message und Movement war neu und erfrischend. S.O.S.-Konzerte gehören bis heute zum Besten, was es in der Schweizer Eventwelt je gegeben hat.

Etwas weniger aufsehenerregend war Luuks Album «1990», aber es zementierte seinen Status als Lieblingsrapper deines Lieblingsrappers und war ein Wendepunkt in seiner jungen Karriere: Seit «1990» liefert der gebürtige Rheintaler konstant Output auf hohem Niveau.

2016 erschien mit CBNs «Tourist» auch der Kritikerliebling schlechthin: Bis heute gilt der Langspieler des Vollblutpoeten für viele Rap-Szenis und Journalisten als das Mass aller Dinge. Big up!

Neben allen Klassiker-Alben läutete ein Handy-Video für einen Song namens «Clean» auch eben mal schnell das Single-Zeitalter im CH-Rap ein und sorgte für den ersten viralen Hit von Pronto.

2017: Ewige Talente und Indie-Labels

2017 schlug die Stunde der ewigen Talente. Da war zum einen der Churer Ali, der gemeinhin als der faulste Rapper des Landes galt, und der mit «EROL» eine wunderschöne und grandios wütende Platte ablieferte, die er seinem verstorbenen Vater widmete. Ob wohl bald schon neue Musik des talentierten MCs kommt?

Dann war da auch Stereo Luchs, ein etwas in die Jahre gekommener Dancehall-Don, der es seinem Kumpel Trettmann gleichtat und mit «Lince» ein radikal neues und unerhört freshes Album ablieferte, das ihm Respekt aus allen Ecken der Szene brachte.

Doch nicht nur die ewigen Talente bekamen das Hak, das ihnen zustand – auch das Indie-Label Physical Shock befand sich auf dem Höhepunkt seiner Relevanz. Das vor Kraft strotzende Team um Xen, Lii, EAZ und Liba brachte mit dem Label-Sampler ein vielseitiges Album mit unf*ckbaren Hits wie «Alé» und «Mozart» heraus.

Enttäuschend war dagegen das Major-Debüt von Marash & Dave, das eindrücklich demonstrierte, dass Label-Strukturen nicht automatisch zum Erfolg führen.

Nicht vergessen sollte man auch, dass 2017 das erste LYRICS Festival stattfand: Mimiks, Didi & Bossnak, die Möchtegang, Sektion Züri und Ab Arel gaben sich die Ehre.  

2018: Legendäre Bounce-Cypher, CH-Rap goes international

Holy Mother of God, was war das bitte für eine Wahnsinns-Cypher! Die Virus Bounce Cypher ist ja so oder so immer eines der Highlights im Schweizer Rap-Jahr, aber wie in dieser Ausgabe MCs wie Knackeboul, Jamal und Ali ans Mic steppten und pures Feuer hineinspuckten, war und ist präzedenzlos. So viel geballtes Talent und so viel positive Energie auf einem Haufen – ein Tag für die Geschichtsbücher.

Zudem hinterliess Schweizer Rap 2018 auch noch international Spuren: Pronto lieferte nicht nur sein Debütalbum «Europe», sondern featurete auch internationale Acts wie Marvin Game.

Doch auch Prontos Feature-Erfolge scheinen klein neben dem Stein, den die Luzernerin Loredana in unserem Nachbarland Deutschland mit dem Song «Sonnenbrille» ins Rollen brachte. Die Rapperin, die hierzulande vor allem wegen ihrer Gerichtsfälle in den Medien stattfindet, hat sich in Germany zu einem der relevantesten Acts gemausert und ist in die Top-Liga der Rap-Stars aufgestiegen.

2018 fand zudem das vorläufig letzte VBT statt. Es bleibt abzuwarten, ob das kultige Video Battle Turnier sich fit für die Zukunft trimmen kann oder auf dem Youtube-Friedhof landet.


2019: Wohin des Weges?

Kurz vor dem Ende der Dekade macht sich wieder eine Spur Orientierungslosigkeit im Schweizer Rap-Game breit.

Klar, Jamal, davey6000, Xen, psycho’n’odds, Luuk, Tommy Vercetti und andere haben gute Alben und EPs gedroppt. Klar, Schweizer Künstler müssen nicht nach Weltruhm streben. Und ja: Das legendäre Breitbild-Konzert war wohl einer der grössten Blockbuster der Schweizer Rap-Geschichte.

Trotzdem zeigte gerade auch die Bounce Cypher 2019 eine Szene mitten im Selbstfindungsprozess. Der Afrotrap-Hype scheint sich totzulaufen, die Klickzahlen stagnieren, Auftrittsmöglichkeiten werden rarer, Spotify ignoriert CH-Rap weitgehend. Wohin des Weges? Gegen Ende der spannendsten Dekade der Schweizer Rap-Geschichte scheint sich «HipHop made in Switzerland» an einem weiteren Scheideweg zu befinden.

Es wird Zeit für das nächste Klassikeralbum und den nächsten hungrigen Newcomer, der sich im Stile eines Mimiks an die Spitze des Movements setzt.

Die Vergangenheit lehrt uns aber auch, dass unsere Szene vital und experimentierfreudig genug ist, um Durststrecken zu überstehen. 2021 wird Schweizer Rap 30 Jahre alt – hoffentlich knallt’s auf den runden Geburtstag hin nochmal ordentlich!

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