Die 6ix9ine-Diskussion ist hochgradig paradox
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2019

Kolumne

Die 6ix9ine-Diskussion ist hochgradig paradox

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Die 6ix9ine-Diskussion ist hochgradig paradox

Luca Thoma
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Die 6ix9ine-Diskussion ist hochgradig paradox
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Was in der Causa 6ix9ine verblüfft, ist nicht die Behauptung, dass der Rapper eine «Snitch» sein soll, sondern wie die Rap-Community darüber diskutiert.

Der Fall 6ix9ine ist zwar ein alter Hut, aber durch die Vorwürfe, der Rapper sei ein 31er, hat die Debatte einen neuen Twist bekommen und es wurde zusätzliches Öl in ein erkaltendes Feuer gegossen. Die Art, wie Rapper, Kritiker und Fans über 6ix9ine, seine Gang-Memberschaft und den Snitching-Vorwurf diskutieren, ist vor allem eins: paradox.

«Es sollte nicht diskutiert werden, ob 6ix9ine nun eine Snitch ist oder nicht, sondern wie zur Hölle man sich als Mensch überhaupt in eine solche Lage hineinmanövrieren kann.»

6ix9ine muss in den Knast – das war letztes Jahr für eine kurze Zeit DAS Gesprächsthema im HipHop-Kosmos und ein abrupter Bruch in der beachtlichen Erfolgsgeschichte des polarisierenden Rappers, der kaum je den Takt, aber trotzdem das Rap-Game mit Craziness, wütender Delivery und ausgeflipptem Style rasierte. Die Liste der Vorwürfe ist schier endlos und schockierend: Gang-Kriminalität, Waffenbesitz und Gewalt gegen Frauen sind nur ein Teil davon. Folgerichtig droht dem Paradiesvogel eine lange Haftstrafe, von 47 Jahren oder gar lebenslänglich ist weiterhin die Rede.

Wie immer folgte schon bald die nächste grosse Story, der nächste Shitstorm und 6ix9ine geriet langsam, aber sicher in Vergessenheit. Das änderte sich, als bekannt wurde, dass der Blood-Member mit der Justiz zusammenarbeitet, um hochrangige Bloods vor Gericht zu bringen. Diese Deals kennt man sonst vor allem aus Mafia-Klassikern wie «Goodfellas»: der Gangster in Haft geht einen Deal mit den Behörden ein, damit diese die grösseren Fische fangen kann.

In der US-Szene, die eng mit der kalifornischen Gang-Kultur verwoben ist, ging die Post ab. Snoop Dogg, seines Zeichens ehemaliger Crip-Member, nannte 6ix9ine eine «Snitch», die HipHop-Szene stand Kopf. Seitdem diskutieren Fans, Kritiker und Rapper auch in Deutschland und der Schweiz darüber, ob es OK ist, mit der Polizei zu arbeiten. Zusätzliches Feuer bekommt die Debatte natürlich auch durch den Fall Bushido, der sich mit «31er»-Vorwürfen herumschlagen muss, seit er unter Polizeischutz steht.

Realtalk: die Sprengkraft der Geschichte ist gross, aber die Diskussionen drehen sich komplett um die falsche Frage. Es sollte nicht diskutiert werden, ob 6ix9ine nun eine Snitch ist oder nicht, sondern wie zur Hölle man sich als Mensch überhaupt in eine solche Lage hineinmanövrieren kann. Gang-Gewalt ist ein grosses soziales Problem in den USA. Wo Gangs regieren, herrscht das Recht des Stärkeren, eine Welt voller Schusswaffen, Drogen und fragwürdigen Frauenbildern. Das entschuldigt 6ix9ines Verhalten in keinster Weise, aber wenn Rap-Fans in der Schweiz immer über «Realness» diskutieren und behaupten, dass Rapper von der West Coast besonders «real» und dementsprechend feierbar sind, sollten sie sich mal vor Augen halten, wovon sie eigentlich sprechen. Diese Haltung, «reale» Rapper zu feiern und gleichzeitig mit HipHop-Zigi Toleranz und Offenheit zu predigen, kann man nur hochgradig paradox nennen. Die vier Elemente von HipHop können Rap, Graffiti, Breakdance und DJing sein oder Olde English 800, Fischerhut, Moshpits und Trap – Schusswaffen, Machismo, Drogen und Gang-Gewalt sind sie ganz sicher nicht.

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