Die 10 einflussreichsten Urban-Acts der letzten zehn Jahre
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Die Rap-Dekade 2010-2019

Die 10 einflussreichsten Urban-Acts der letzten zehn Jahre

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Die Rap-Dekade 2010-2019

Die 10 einflussreichsten Urban-Acts der letzten zehn Jahre

Damian Steffen
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Die 10 einflussreichsten Urban-Acts der letzten zehn Jahre
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Dass Rapper auch in der Schweiz zu wahren Ikonen mutieren können, konnte man in der letzten Dekade vermehrt beobachten. Zwar fehlten vielen Movements und deren Künstlern die Langatmigkeit um wirklich Sound, Mindset oder Ästhetik einer Szene nachhaltig zu prägen - einige haben das allerdings geschafft: Diese haben wir in der Top10 der einflussreichsten Urban-Acts ausgemacht.

SzenekennerInnen, Rap-Persönlichkeiten und unsere JournalistInnen haben sich metaphorisch am runden Tisch getroffen, diskutiert und - wie es sich für die Schweizer (HipHop-)Demokratie gehört - nach dem Majorz-System gewählt. Wie bereits beim Küren des einflussreichsten Albums sind Verkaufszahlen, Instagram-Relevanz und und persönliche Präferenzen aussen vor gelassen. Was bewertet wird: Anzahl der Trittbrettfahrer, Einfluss auf die Szene und Visionen.

[10] Manillio

Neezy hat gehustlet, lange bevor die zu bewertende Dekade begonnen hat. Zusammen mit der EFM-Crew hat er sich bis an die Speerspitze einer Szene hochgearbeitet. Seine Mixtapes und Alben strotzten vor Coolness und drohten fast vor Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu schweben. Die Attitüde switchte allerdings bereits zu Beginn der Dekade: Manillio wollte ein düsteres Album bringen. «Irgendwo» ist das vertonte Gefühl der Orientierungslosigkeit und Melancholie. In poetischer Manier trifft Manillio die Gefühle vieler erwachsen gewordenen Jugendlichen. «Irgendwo» wird nicht nur zum Charterfolg - auch Journalistinnen und Journalisten von Feuilleton bis Boulevard können sich mit dem charismatischen Aufteten des Solothurners anfreunden.

«Manillio schaffte den Balance-Akt zwischen Mainstream und HipHop-Attitüde mit viel Eleganz.»

Der ganz grosse Durchbruch klappte dann 2016 mit dem Album «Kryptonit», seinem bis dato bestem Werk: Mit einem Major-Deal in der Tasche spaziert er 2016 durch die Türe, welche zwei Jahre zuvor von Lo & Leduc eingetreten haben. Manillio läuft im Radio, ist auf den Award-Shows präsent und mittlerweile auch Szenefremden ein Begriff. Im Mainstream machte er dank ordentlich Mass-Appeal beste Werbung für CH-Rap - und ist folglich für den Aufschwung des Genres nicht ganz unverantwortlich. Manillio schaffte den Balance-Akt zwischen Mainstream und HipHop-Attitüde mit viel Eleganz.

[9] Loredana

In einer solchen Auflistung darf die kommerziell erfolgreichste Rap-Persönlichkeit der Schweiz nicht fehlen. Auch wenn sie hierzulande wegen schlechter Publicity und vermeintlichem Verrat an den vier HipHop-Säulen auf heftigen Gegenwind stösst: Loredana hat und wird noch viele nachfolgende Künstlerinnen und Künstler prägen. Sie denkt gross, ist Business-Visionärin durch und durch und hat den Mut, (Landes-)Grenzen zu sprengen. Auch wenn sie die Basis ihres Erfolgs mehrheitlich Instagram und ihren Star-Produzenten zu verdanken hat, Loredanas Impact auf das Genre kann schlecht geleugnet werden. Spätestens wenn du das nächste Mal auf YouTube ein Teenie aus einem Zürcher Problem-Viertel siehst, der mit Hilfe von Hochdeutsch und AutoTune einen viralen Hit landen will, wirst du merken, dass Loredanas Idee der Absatzmarkterweiterung nicht spurlos an den Kids vorbeigezogen ist.

[8] Superwak Clique

Welche CH-Rapper machen gerade Welle? Auf diese Fragen schnellt dir sicher nicht «Superwak» als erstes der Gedanke durch den Kopf. Eine fatale Unterschätzung, denn ihr Sound aus Genf wird seit fünf Jahren heftigst gepumpt - von Neuenburg bis Brüssel. Keine Crew hat die New-Wave der Newschool derart stilsicher adaptiert wie Di-Meh, Makala und Slimka. Den Dreien geht es um Live-Energie, Turn-Up, Kreativität, aber auch um ein Mass Internationalität. Genau diese Werte verkörpert die Clique wie kein anderes Movement zuvor. Sie stehen stellvertretend für alle Newcomer, die in den Jahren 2015 bis 2020 an einem brachialen, harten, abgefahrenen und nicht von Strukturen eingeengten Soundbild gebastelt haben. Superwak sind nicht ohne Grund das Aushängeschild von Westschweizer Rap.

[7] Tommy Vercetti

Tommy war in dieser Dekade eine der Konstanten, auf die man immer zählen konnte. Angefangen hat es 2010 mit seinem Blueprint-Werk «Seiltänzer». Die philosophische Abhandlung über Geld, Gott und Gesellschaft formte Gesellschaftskritik für ein Generation, die nicht akzeptiert, sondern reflextiert und agiert. Tommy Vercetti gab im Rap-Kosmos all jenen eine Stimme, die gegen den Strom dieser Konsumgesellschaft zu schwimmen versuchen. Vercetti lehrte seinen Zuhörerinnen und Zuhörer mit abstrakten Metaphern, wie komplex, verklopft und lyrisch wichtig ein Album sein kann und pflanzte seine politischen Visionen und Ideologien in die Köpfe der Fans. Nicht ohne Grund ist Tommy Vercetti der «Godfather of Bern», denn er verkörpert die politischen Bewegungen aus der Haupstadt wie kein zweiter Künstler.

«Vercetti gab all jenen eine Stimme, die gegen den Strom dieser Konsumgesellschaft zu schwimmen versuchen.»

[6] Lo & Leduc

Die wohl erfolgreichsten Schweizer Musiker dieser Dekade kommen aus dem HipHop – diese Erkenntnis sollte Beweis genug sein für ihren Einfluss auf die Szene. Lo & Leduc darf man wohl als Vorreiter in so manchen Sachen sehen: So haben sie  den Weg in den Mainstream für nachfolgende Generationen geebnet. Nachdem sie das Pen-Game auf etlichem Mixtapes, Cyphers und Battles erfolgreich durchgespielt haben, folgten sie immer mehr ihrem musikalischen Anspruch. Eindimensionale Mixtape-Beats weichen experimentellen und harmonischen Werken. «Zucker fürs Volk» ist nicht nur der Durchbruch in (fast) allen gesellschaftlichen Schichten der Schweiz, sondern eben auch ein Projekt, dass zeigt, wie Rap eben auch klingen kann: Wunderschön instrumentalisiert, melodiös, eingängig – ohne dabei die textlichen Finessen aus den Augen zu verlieren. Lo & Leduc sind moderne Liederschreiber und werden vom Deutschlehrer, wie auch dem Teenie-Girl in der hintersten Bank gefeiert.

[5] Stereo Luchs

Etwas tanzbarer hat es Stereo Luchs in den Mainstream geschafft. Wir drehen das Rad zurück ins Jahr 2016: MHD kreiert gerade mit Afrotrap das Soundbild der Stunde. RAF Camora und Bonez MC etablieren in Deutschland wenige Wochen später afrikanische Riddims und Dancehall-Tunes. Stereo Luchs hat sein Soundbild – eine Symbiose von Dancehall, Reggae und Rap –  schon Jahre zuvor kreiert. Auf «Lince» hat er 2017 diesen Stil perfektioniert. Massgeblich daran beteilig ist ein Kollektiv, welches später in Deutschland ebenfalls stilprägend sein würde: Kitschkrieg. Stereo Luchs mischt dem Sound aus dem Ausland seine ganz eigene Note bei. Während Bonez MC und RAF Camora über «Kokain in der Kabine zuweit» singen, lässt der Zürcher viel Platz für Authentizität und Emotionen. Stereo Luchs bringt – anders als diemeisten, die auf dem Hypetrain fahren – nicht nur platter Party-Sound, sondern Musik, die den Anspruch hat, zeitlos zu sein. Es geht nicht mehr lange und die Einflüsse des Luchs werden auch in der Schweizer Rapszene spürbar: Dancehall goes Mundart.

[4] Xen

Die Strassenrap-Welle kam ab 2012 ins Rollen. YouTube-Formate wie «Din 16ner» oder «Heb de Latz» generierten in Windeseile Fans für roughe Rapper aus den unteren Schichten der Gesellschaft. Kids mit ähnlichem Schicksal hatten endlich musikalische Identifikationsfiguren gefunden, ohne über die Landesgrenzen hinaus suchen zu müssen. Beinahe der einzige, der den Hype aus dem Internet auch auf Albumlänge ummünzen wissen wusste, war Xen. «Ich gäge mich» wurde instant zum gefeierten Klassiker. So authentische Stories von den Schweizer Strassen, gab es vorher - in dieser Qualität - noch nie. Xen porträtiert den Struggle eines Migranten-Sohnes und wird zum Idol. Street-Rap nach 2015 wurde durch Xen geprägt.

[3] Mimiks

2014 war ein Wendepunkt im Game: Der hungrige Battle-Rapper Mimiks chartet aus dem Nichts auf die Eins. «VodkaZombieRambogang» weckte die schlafende Szene mit einem Schlag. Mimiks ist jung und fresh. Er findet Anklang, ohne sich der Musikindustrie anzubiedern. Ohne Major-Deal und ohne poppige Note ist Mimiks auf einmal Anführer einer ganzen Szene. Niemand hat vorher den Südstaaten-Sound aus Amerika so gekonnt adaptiert wie Mimiks. Doubletimes, Power und geile Hooks waren sein Markenzeichen.

«Mimiks war der Massstab. Seitdem hat Schweizer Rap einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.»

LYRICS-Gründer Elia Binelli beschreibte den Hype um den Luzerner ein paar Jahre später: «Wenn du dich damals mit jemandem über Schweizer Rap unterhalten hast, ist man über lang oder kurz immer auf Mimiks zu sprechen gekommen. Er war der Massstab. Seitdem hat Schweizer Rap einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.»

[2] Pronto

Pronto passt nicht ins klassische Bild eines Schweizer Rappers: Braids, Grills, Lean hatten sich anno 2016 noch nirgends etabliert. Pronto war bereits mit seinem ersten Ausrufezeichen – der Single «Clean» – ein Trendsetter. Kleindenker stempeln Pronto am Anfang noch als One-Hit-Phänomen ab. Der junge Solothurner beweist aber das Gegenteil und zieht durch. Mit «Europe» legt er eines der stilprägendsten Alben der letzten zehn Jahre vor. Ohne sich irgendeinem Trend anbiedern zu müssen, findet Pronto seine eigene Wave und reitet diese bis heute stilsicher. Bedrohliche Trap-Instrumentale, bemurmelt durch Prontos tiefen und verzerrten Stimme, haben Pronto innert zwei Jahren zu einem der grössten Exporteure von CH-Rap gemacht. Pronto kurbelte mit seinem Sound die Kreativität einer ganzen Szene noch einmal so ordentlich an und setzt Trends - musikalisch wie auch ästhetisch.

[1] S.O.S.

Ohne grosse Zwischenbemerkungen ist S.O.S. zum prägendsten Movement erkoren worden. Die Power einer ganzen Community ist auch heute – über zwei Jahre nach dem letzten gemeinsamen Song von Nativ und Dawill – immer noch zu spüren. Zu viele Erinnerungen verbinden Fans mit heftigsten Moshpits, gehaltvollen Lyrics und innovativem Sound. Zusammen mit dem Hausproduzenten Questbeatz zauberten S.O.S. das Free-Tape «Candomblé» und mutierten schnell zum Download-Hit. Oldschool-Samples gemixt mit Newschool-Drums, Turn-Up mit Message, Coolness mit sperrigem Bärndütsch - das war S.O.S.. Schnell formierte sich eine noch nie dagewesene Community um die Jungs aus der Hauptstadt. Hässig, conscious und feierwütig waren die Fans. Die Symbiose von Politik und Party klingt auf den ersten Blick widersprüchlich, trifft aber  2016 und in den Folgejahren genau den Nerv der Jugend. S.O.S.’ libertäre Gedanken handeln von Nächstenliebe, Fortschritt und Solidarität. Mindsets hunderter Jugendlicher wurden geprägt. Das sagt bereits Nativs Künstlername: NEVER ASK TO IMPLEMENT VISION. Well done, Dawill & Nativ.

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