Streaming vs. Vinyl
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March
2018

Controverse

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Streaming vs. Vinyl

Dominik Müller
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Streaming vs. Vinyl
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Vinylknistern oder Buffering – die Diskussion ist eine alte. Seit Jahren streiten sich digital natives und  vintage kids um die Vorherrschaft des Musikliebhaberbegriffs. Beides hat, das lässt sich nicht leugnen, seine Vorzüge und schlagkräftigen Argumente für die eigene Überlegenheit. Wir haben zwei unserer Journalisten mit ihren Plädoyers für App und Platte aufeinander losgelassen.

Streaming

Die Würfel sind gefallen, das Küken ist geschlüpft, die Bohnen sind gegessen. 2018 sprechen nur noch selbstverliebte Ästhetiker oder starrköpfige Gegenstromschwimmer davon, dass der Kauf einer Tonscheibe für alle Beteiligten die beste Lösung sei. Sie teilen die Überzeugung unserer Grossväter, dass man seine Liebe zur Musik einzig und allein mit einem vollen Regal an CDs und Vinyl-Platten beweisen könne. Wobei es die Grossväter natürlich nicht besser wissen konnten. Zu der Zeit, als deren Haut noch straff war, gab es weder Streaming-Anbieter noch die dafür nötige Infrastruktur. Seither haben Streaming-Plattformen wie Spotify oder Apple Music den Musikkonsum wesentlich spannender und angenehmer gemacht und den sperrigen Platten so hart den Rang abgelaufen, wie das Openair Frauenfeld im Januar Umsatz generiert hat. Wieso Alternativen zu Streaming von Tag zu Tag an Relevanz verlieren, erfährst du in den folgenden Zeilen.

«Fairtrade gibt’s auf dem Bio-Bauernhof und hat im Showbusiness der Musikbranche nichts zu suchen.»

«Fairtrade gibt’s auf dem Bio-Bauernhof und hat im Showbusiness der Musikbranche nichts zu suchen.» Ein Satz, der wortwörtlich auf Karteikarten gedruckt werden sollte. Diese könnte man jedem verträumten Hobbypazifisten unter die Nase halten, der gerne herumposaunen möchte, dass Streaming-Plattformen die Künstlerinnen und Künstler ausbeuten würden und das Kaufen von CDs die einzig gerechte finanzielle Unterstützung sei. Bravo lieber Schallplatten-Hippie, von deinen 17.90 Franken für eine Album-CD finden ungefähr 1.50 Franken ihren Weg in die Tasche des Interpreten, was gefühlten fünf Minuten Parkzeit in Zürich entspricht. Abzüglich jeglicher Abgaben und Steuern geht der Rest der Summe bekanntlich an Plattenfirma, Einzelhandel, Vertrieb und Produzent. Bei Künstlern mit einer eher kleinen Fanbase hat dein Beitrag daher eine so grosse Wirkung wie der berühmte Tropfen Wasser auf dem heissen Stein. Berühmtheiten hingegen verdienen nicht schlecht an Plattenverkäufen, doch müssen sie sich um diese Einnahmequelle dank ausverkauften Tourneen, Sponsoring, Streaming-Plattformen und Internet-Beliebtheit keinen allzu grossen Kopf machen.

Drake wird sich dank Streaming-Einnahmen wohl kaum um seine CD-Verkäufe scheren.

Der direkte Verkauf von Musik stellt zur heutigen Zeit für einen Grossteil aller Künstler, nicht mehr die wichtigste Einnahmequelle dar. Schuld daran sind nicht die Streaming-Dienste. Sie sind bloss eine Folge der Entwicklung, dass Markenpräsenz im Internet stetig an Bedeutung gewonnen hat. Im Rücken jedes populären Musikers rattert eine unermüdliche Marketing-Maschinerie, die den Namen des Künstlers möglichst tief in unser Gedächtnis einzugravieren versucht. Der Fachbegriff für das entsprechende Vorgehen lautet «Branding» und dürfte uns allen ein Begriff sein. Durch erfolgreiche Branding-Methoden, wie beispielsweise die Veröffentlichung eines Video-Promo-Gags, der viral durch die Decke geht, wird der Künstlername gestärkt und seine Position in Verhandlungen mit Sponsoren und Tour-Veranstaltern verbessert. Für fruchtbares Internet-Branding sind Streaming-Plattformen wie Spotify in der Musikbranche derzeit unverzichtbar. Im Netz werden Beiträge eines Künstlers mit Links zum Künstlerprofil auf Streaming-Plattformen versehen. Gefällt dem Konsumenten der Beitrag, so folgt er dem Link und beginnt damit, sich intensiver mit dem Künstler zu beschäftigen. Er sieht, hört, liket, teilt und treibt die Einnahmen des Musikers dadurch laufend in die Höhe.Fazit: Die Diskussion «Streaming vs. Platte» ist gegenwärtig schlicht überflüssig.

«Die Diskussion «Streaming vs. Platte» ist gegenwärtig schlicht überflüssig.»

Wieso sollte man CDs den Streaming-Diensten noch vorziehen, wenn diese den Musikkonsum so unglaublich einfach gestalten und die Künstler selbst nur zweitrangiges Interesse daran haben, dass ihre Fans die löchrigen Scheiben kaufen? Musikerinnen und Musiker präferieren, dass sich die Konsumenten so oft wie möglich im Netz aufhalten und ihrem Content so viele Klicks wie möglich geben – egal, ob es sich dabei um einen Klick auf YouTube oder einen Stream auf Spotify handelt. Seine Brötchen verdient der moderne Musiker im Internet, und nicht im Plattenladen.

Text: Dominik Müller

Vinyl

Behutsam ziehe ich die schwarze Scheibe aus der Hülle, auf der das Albumcover in seiner Grösse noch viel kraftvoller wirkt als auf einem Fünf-Zoll-Bildschirm. Kein Staubkorn darf auf Platte oder Plattenteller zu finden sein, wenn sich der Tonträger zu drehen beginnt. Die Nadel berührt die Rille und ein Knistern bricht die Stille vor der Musik.Schon auf der Ebene der Qualität müssen sich Apple Music und Co. dem schwarzen Gold beugen, denn in der Klangqualität und -dynamik überrollt die Schallplatte jeden Streamingservice, Vinylplatten zerhacken das Tonsignal nicht in digitale Fragmente und klingen so lebhafter, dynamischer und realer – doch die wahre Stärke von Vinyl liegt im emotionalen Wert.In Plattenläden und auf Flohmärkten durch etliche uninteressante Covers zu blättern, um den heiligen Gral zu finden, welchen man sich schliesslich für 30 Franken zum Geschenk macht, erinnert an eine Schatzsuche, die in jeder Stadt, in jedem Land oder jeden Samstag wiederholt werden kann.

Die Schallplatte als Medium macht Musik zum Ritual und nicht zum Massenproduktionsobjekt.

Die Schallplatte als Medium macht Musik zum Ritual und nicht zum Massenproduktionsobjekt. Musik von einer Platte ist kein Begleitklang im Hintergrund, sie ist der Mittelpunkt des Raumes, um den sich alles dreht, der Gänsehaut auslöst und fast meditativ wirkt. Denn dreht ein Plattenteller in einem Wohnzimmer, so sind alle Ohren aufmerksam und lassen sich auf die Klänge ein. In jeder Plattenhülle sind Erinnerungen versteckt, in jeder Rille Geschichten eingraviert. Kratzer, die seit Jahrzehnten an der gleichen Stelle sind, werden erwartet und würden vermisst, wären sie plötzlich verschwunden. Der Zahn der Zeit nagt an den Platten und gibt ihnen auch ihre Authentizität, die sie so liebenswert machen.Generell ist der Wert einer Platte, emotional und materiell, höher als zwölf Franken monatlich für ein Icon. Gibt man 30 bis 50 Franken für Musik aus, wird sie auch völlig anders wahrgenommen – als wertvoller und spezieller.

Auch Kendrick Lamar veröffentlichte seine letzten Veröffentlichungen auf Vinyl.

Natürlich sind Streaming-Dienste enorm viel günstiger und jegliche Musik ist auf Knopfdruck verfügbar, aber ist Schnelllebigkeit nicht das, was an der momentanen Gesellschaftssituation des Menschen kritisiert wird? Ist es nicht an der Zeit, sich wenigstens abseits von Berufsleben zurückzulehnen, eine Platte aufzulegen, sich in einen Sessel zu schmeissen, in eine Decke einzuwickeln und sich zu entspannen? Und ganz abgesehen von Gesellschaftskritik und meditativen Ritualen: Die persönliche Plattensammlung ist auch ein soziales Statussymbol und einer der grössten Schätze in den eigenen vier Wänden. Wer findet nicht Gefallen daran, wenn Gäste die unzähligen Covers ungläubig bestaunen und durchblättern? Das gemeinsame Stöbern in der Plattensammlung bis zum Fund der einen Platte zu Trinkgelage, kulinarischem Gelage oder versuchter Kinderzeugung ist bereits Erlebnis für sich und bei letzterem Anlass seelisches Vorspiel. Musik verbindet – und die Platte ist das schönste Bindeglied.

Text: Sergio Scagliola

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