Xen - Ready To Fight
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2021

LYRICS History Episode #9

Xen - Ready To Fight

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2021

LYRICS History Episode #9

Xen - Ready To Fight

Elia Binelli
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Xen - Ready To Fight
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Wuiggi Pics
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In unserer Throwback-Rubrik «LYRICS History» schauen wir zurück auf sieben ereignisreiche Jahre LYRICS Magazin. Die Printversion, die seit zwei Jahren nicht mehr produziert wird, bietet so einige Perlen, die sich nicht nur aus Nostalgiegründen zu lesen lohnen. Deshalb ein Rückblick auf einige unserer relevantesten, besten und spannendsten Artikel von 2014 - 2019.

Es wird nostalgisch. In der zweiten Ausgabe des Printmagazins haben wir Xen  interviewt. Xen ist nach wie vor einer der grössten Rapper der Schweiz. 2015 hatte er gerade sein Debut-Album «Ich gäge mich» releast und damit, obwohl es fast keine Promo gab, grossen kommerziellen Erfolg. Das Album gilt mittlerweile als Klassiker, Xen als einer der besten Rapper der Schweiz. Er erzählte uns von seiner tragischen Kindheit, wie er den Kampf gegen sich selbst gewann, 2Pac's Einfluss auf ihn und wie «Ich gäge mich» entstand.

Bild: Wuiggi Pics

Xen - Ready To Fight

Mittwoch, 9. September 2015. Irgendwo in Winterthurs Industriegebiet. Dort warten Xens Team, seine Producers Lii und Xhem, sein Manager, die Rapperkollegen, und wir im «Physical Shock Studio» auf den lyrischen Mörder, den selbsternannten Flowgott höchstpersönlich.

Bei ihm kann aus zehn Minuten schnell eine halbe Stunde werden. Kein Problem bei Xen, erklären uns seine Jungs. Von draussen hallt noch der Voodoo-Gesang eines Black-Gospel-Chors in das eigentlich gut abgedichtete Studio. Die Zeit schleppt sich nur mühsam voran. Also bleibt die Möglichkeit, das Musiklabor der «Physical Shock»-Jungs, welches sie eigenhändig gebaut haben, abzuchecken. Schnell merkt man: Hier wird Professionalität gross geschrieben und es wird auf Sauberkeit geachtet. Unter dem kleinen Tisch vor der Couchliegen Musikwissenschaftsbücher, welche dir die Kräfte und Gefahren des Musikbusiness erklären. In diesem Labor möchte man durch harte Arbeit und Ehrgeiz vorankommen, man möchte es der Schweiz beweisen und man versucht, in diesen vier Wänden den Pioniergeist gedeihen zu lassen. Doch für die Menschen hier ist das Studio noch mehr als Musik und Arbeit: Es ist ihr zweites Zuhause, es ist die Flucht vom Alltag. Hier haben sie ihre eigene Welt aufgebaut.

Bild: Wuiggi Pics

Xen erklärt mir später: «Das Studio ist für mich wie für einen Boxer der Kampfring. Hier kann ich abschalten und fühle mich wohl in meiner eigenen Welt. Niemand kann mir hier vorschreiben, was ich zu tun habe! Diese Unabhängigkeit ist ein unbeschreibliches Gefühl. Auch wenn ich mit der Musik nichts erreiche, würde ich mir mit 50 wünschen, dass ich nochmals so ein Studio und eine solche Zeit geniessen dürfte!» Plötzlich ertönt aus dem Flur ein Geräusch. Die Tür wird aufgerissen und Xen steht vor uns. Kurz überrascht über die vielen Menschen, die sich in seinem Kampfring befinden, beginnt er, die Runde zu machen und begrüsst jeden Einzelnen herzlich. Hier ist er also: Xen. 

Doch wer ist Xen eigentlich? Das ist der Shippi, dem es gelungen ist, ohne grosse Promo, nur durch gute Musik, eine riesige Fanbase hinter sich zu generieren. Der Kiffer, der vier Jahre lang Schweiss, Blut und Tränen in sein erstes Album investierte. Der Chiller, der es schaffte, mit seinen Produzenten Lii und Xhem ein abwechslungsreiches musikalisches und lyrisches Meisterwerk mit zeitlosem Charakter zu produzieren. Und der Dietiker, der dann mit diesem ersten Album elf Wochen lang die Schweizer Charts aufmischte. Das ist Xen!

Bild: Wuiggi Pics

Hinter seinen Gesichtszügen verbergen sich Geschichten, die das Leben schreibt. Das Feuer in seinen Augen verrät seinen Ehrgeiz, er ist stetig fokussiert auf das nächste Ziel. Sein Volumen in der Stimme unterstreicht seine Wortgewandtheit und verleiht dem Gesagten auf emotionaler Ebene doppeltes Gewicht. Seine leichten Körperbewegungen, seine Dynamik, repräsentieren seine Coolness, und das ständige Lächeln beweist seine Lockerheit, die Freude daran, die Angst vor sich selbst überwunden zu haben, um jetzt mit voller Motivation in den Ring zu steigen. Um sich mit gehobener Brust dem Kampf gegen sich selbst zu stellen.

Bruce Lii und Jackie Xen

«Gut Ding will Weile haben»: Dieses Motto nahmen sich Xen und Lii bei der Albumproduktion von «Ich gäge mich» zu Herzen. Vier Jahre lang dauerte der Albumprozess. Und dies ist in diesem schnelllebigen Musikgeschäft eine Ewigkeit. Die beiden haben sich vor vier Jahren durch den gemeinsamen Freund Irfan kennengelernt. Dieser Irfan übernahm in jener Zeit die Aufgaben des Aufpassers und Managers von Xen. So rannte er von Studio zu Studio, um nur das Beste für seinen Schützling herauszuholen. Eines Tages rief er Xen an und sagte euphorisch: «Ich habe es! Das perfekte Studio mit den perfekten Leuten für dich. Geh da vorbei!»

Bild: Wuiggi Pics

Gesagt, getan. Xen besuchte das «Physical Shock Studio» und chillte dort das erste Mal mit seinen zukünftigen Beatmachern ab. Da es schon von Anfang an auf menschlicher Ebene zwischen ihnen gepasst hatte, machten sie bereits bald darauf die ersten Tracks. Nach und nach entstanden einzelne fertige Songs, doch der Rapper und der Producer mussten sich zuerst noch finden, da jeder eigene Vorstellungen genoss, und es seine Zeit brauchte, bis die zwei musikalischen Stärken zu einer stark gebundenen Einheit zusammengeschmolzen sind. Und die aus der Zusammenarbeit resultierende Kraft ist so stark und effizient, als wäre es die Addition von Bruce Lee und Jackie Chan. Das wäre dann die bessere Version: Bruce Lii und Jackie Xen.

Talent, Ehrgeiz und Geduld

«Das Album hätte eigentlich herauskommen sollen, als ich sechzehn war, also vor zehn Jahren! Mit sechzehn in meiner Lehre habe ich Titel aufgeschrieben. Stücke, die ich eines Tages einmal musikalisch umsetzten wollte. Diese Songs wollte ich immer machen, doch bekam nie die Chance dafür, da ich nie ein gutes Studio und somit keine guten Aufnahmen hatte. Ich wollte nie einfach einen Scheiss herausbringen, doch mit Lii und Xhem und ihrem Studio bekam ich endlich die Chance, diese Tracks zu verwirklichen!», meint Xen.

So ist der Dietiker immer schon mit Songideen im Kopf nach Winterthur ins Studio gegangen und versuchte, Lii in Worten seine Vorstellungen zu erklären, und dieser machte sich daran, die beschriebene Atmosphäre auf einem Beat wiederzugeben. «Xen ist immer eine Herausforderung. Seine Erwartungen sind gross und er setzt die Messlatte sehr hoch.» Doch für Lii ist klar, dass er mit Xen ein Ausnahmetalent an seiner Seite und in der Aufnahmekabine hat. «Xen geht ins Studio und weiss schon ganz genau, dass er die Parts, die er heute kickt, nochmals aufnehmen wird. Das ist der Unterschied zu den anderen Rappern. Man braucht Talent, Ehrgeiz und Geduld! Viele Rapper kommen ins Studio und sind froh, dass nach zwanzig Minuten endlich der eine 16er im Kasten ist, und gehen dann zufrieden nach Hause.»

«Man darf nie zufrieden sein, doch manchmal wollen wir auch zu viel. Und zu viel ist auch nicht gut.»

Die beiden Workaholics gehen ihre Songs Woche für Woche aufs Neue durch und ergänzen, verbessern, oder nehmen das Ganze gar nochmals neu auf. Songs, die schon seit Jahren herumliegen, werden plötzlich wieder aus dem Ordner gezogen und ihnen werden neue Beatelemente unterlegt. Sie versuchen, immer mehr und mehr aus den Songs herauszuholen: «Man darf nie zufrieden sein, doch manchmal wollen wir auch zu viel. Und zu viel ist auch nicht gut», fügt Lii hinzu. Das Endergebnis dieser harten Arbeit ist ein rundes Album, welchem man die Liebe zum Detail in jedem Takt entnimmt. Man hört, wie die Rap-Parts von Xen perfekt auf jeden Klang des Beats und auf jede Effektvariation abgestimmt sind. Nicht selten verändern sich im Verlaufe eines Songs das Beatmuster und die Harmonie mit dem Zweck, einem Song mehr Charakter zu verleihen und für den Hörer eine spürbarere Atmosphäre zu generieren.

Mensch Xen vs. Business 

Man kann schlechte Alben dank guter wirtschaftlicher Promostrategien und -taktiken erfolgreich spritzen. Allerdings können auch gute Alben aufgrund von nicht vorhandenem Vitamin B in den Ladenregalen verstauben. Wie bezeichnet man ein Album, welches sich ohne Promo und Vitamin B trotzdem erfolgreich durch die Charts schlägt? Wohl als ein sehr gutes Album. Und dies trifft auf «Ich gäge mich» zu.

«Das Business ist nicht mein Ding, da ich immer sehr auf die Menschlichkeit achte. In diesem Business musst du die Menschlichkeit verlieren und dich als Arschloch präsentieren. Das kann ich einfach nicht.»

Xen und seine Crew verzichteten auf Promo. Sie wollten einfach nur Musik machen und das Album schnellstmöglich und billig für die Fans raushauen. «Ich bin, was das angeht, ein sehr komplizierter Mensch. Ich arbeite nicht gerne mit anderen Menschen zusammen, bei denen ich merke: Sie wollen nur aus Profitgründen etwas mit mir zu tun haben. Für mich muss es in erster Linie immer menschlich stimmen, alles Andere kann sich später ergeben. Das Business ist nicht mein Ding, da ich immer sehr auf die Menschlichkeit achte. In diesem Business musst du die Menschlichkeit verlieren und dich als Arschloch präsentieren. Das kann ich einfach nicht.» Xen spürte auch, dass die Fans bereit waren für das Album. Er wollte ihre Geduld nicht noch weiter auf die Probe stellen. So ist der Dietiker auch der Meinung, dass das Animieren seiner Fans die beste Promo-Aktion war, denn wenn man die Fans anziehen könne, müsse die öffentliche Promo von alleine kommen.

Das Albumcover zu «Ich gäge mich»
Zuerst die Musik

Trotzdem schlug das Album in der ersten Woche ein wie eine Bombe und zerstörte die ganze Schweizer Musiklandschaft. Man machte sogar Chlyklass die Krone an der Chart-Spitze streitig. Im Hause «Physical Shock» ist man sich einig: hätte Xen auch eine physische CD wie alle anderen in den Läden am Start gehabt, wäre man der Berner Klasse schon in der ersten Woche davongezogen. Wie Xen von sich selbst behauptet, ist er ein sehr bodenständiger Typ und hätte sich niemals getraut, vor dem Album irgendwelche grossen Zahlen zu prophezeien, und sich so zu hohe Ziele zusetzen. Nein, er nahm das Release sehr gelassen und ruhig zur Kenntnis. «Ich habe meine Erwartungen sehr tief gesetzt. Wir sagten uns im Vorhinein: Wenn wir es schaffen würden, 500 bis 800 Exemplare zu verkaufen, wären wir zufrieden, und bei 1000 Stücken würden wahrscheinlich unsere Herzen explodieren. Man, diese 1000 Stücke haben wir sogar in der ersten Woche geschafft!»

«Wenn ich ein Album will, dann stehe ich auf, bewege mich und schwitze für gute Musik.»

Viele Alben konnten sie durch iGroove verkaufen. Diese Unternehmung bietet die Möglichkeit, per SMS ein Album zu kaufen und direkt aufs Smartphone zu laden. Man munkelt auch im Hintergrund, dass dies das Erfolgsgeheimnisdes Projekts war, doch Xen sieht das ganz anders: «Scheiss auf iGroove! Dies habe ich erstens nur gemacht, da in der ersten Woche Google Play nicht funktionierte, sonst hätte ich iGroove gar nicht gebraucht. Und zweitens hätten meine Fans sich das Album sowieso geholt, egal wo. Wenn ich ein Album will, dann stehe ich auf, bewege mich und schwitze für gute Musik.» Dank des riesigen Erfolgs von «Ich gäge mich» und den vielen Verkäufen über das iGroove-Portal, versuchten sie, mit dem Erfolgsbeispiel Xen für das Portal zu werben. Dies gefiel dem Dietiker natürlich gar nicht. Sobald man in seiner Person den Profit zu suchen versucht, ist «Ende-Gelände».

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis, nebst der guten Musik, sei die Authentizität, die Realness, findet Xen. «Die Leute da draussen wissen, dass Xen Musik bringt, die er für richtig hält. Musik, die er gerne macht.» Für ihn sei das einzig wahre Erfolgsrezept, zuerst an die Musik zu denken. «Viele Leute denken zuerst an das Geld und den Fame und machen sich danach an die Musik. Dementsprechend «scheisse» hört sich ihr Sound dann auch an.»

Album als Seelenreiniger 

Xen legte sich deshalb auch kein Albumkonzept zurecht, spannte keinen roten Faden, sondern versuchte, sich nur mit einer Sache zu beschäftigen: Mit sich selbst. Er sah sich als das zu untersuchende Objekt. Die tausend ungeklärten Fragen, die in seinem Gedächtnis schwirrten, sollten sich nach «Ich gäge mich» von allein beantworten und in Luft auflösen. Er wollte aus seinem eigenen Käfig in seinem Kopf ausbrechen und sich selbst mit eigenen Kräften befreien. Den Kampf gegen sich selbst gewinnen. Dafür brauchte er keine Muskeln, keine «fünf-Tage-Gym-Woche», sondern nur ein Blatt Papier, einen Stift und die Erinnerung an seine Vergangenheit.

Er wollte all seine Gefühle, die sich in seinem bisherigen Leben tief in seinem Innern angestaut hatten und all die Geschichten, mit denen er nie richtig abschliessen konnte und diese deshalb ungelöst in seiner Erinnerung stecken blieben, verarbeiten und mit ihnen abschliessen. All die Geschichten seiner Kindheit, seiner Familie und seiner Jugendclique wollte er sich von der Seele aufs Album schwitzen, so dass er seinen ersten Lebensabschnitt auf dem Album für immer konservieren konnte und sich so seine Seele, frei von schlechten Gefühlen und unabgeschlossenen Geschichten, gereinigt der Zukunft widmen kann. Mit diesem Album wurde ein altes Kapitel geschlossen und ein neues geöffnet.

Dieser ganze Prozess gelang ihm, indem er anfing, persönliche Tracks zu schreiben. Früher hat er sich aus Stolz nicht getraut, etwas über sich zu erzählen. «Bis 21 habe ich nie einen solch persönlichen Song wie «Stahn Uf» geschrieben. Die Leute waren dazu noch nicht bereit. Ich fragte mich oft: Wer seid ihr, dass ich euch meine Geschichte offenbare? Mir kommen bei solchen Liedern wirklich die Tränen, denn die ehrlichen Worte berühren mich zutiefst. Durch diese Lieder konnte ich mit meiner Vergangenheit abschliessen und kann jetzt mit gehobener Brust zu mir und meiner Geschichte stehen.» Für ihn sei es das beste Feeling der Welt, wenn er auf der Strasse von Fans auf ganz bestimmte Zeilen angesprochen wird, denn in diesen Augenblicken wird ihm die Macht seiner Worte und die Bedeutung seiner Vergangenheit bewusst. 

Der ewige Kampf

Seine ganze Vergangenheit war ein Kampf. Er kämpfte gegen sich selber. Er kämpfte mit familiären Problemen. Er kämpfte mit der Musik. Und letzten Endes versucht er, durch die Musik seinen Lebenskampf aus einer neuen Sicht zu betrachten. «Diesen unendlichen Kampf gegen dich selber kannst du nie gewinnen, doch du kannst ihn aus neuen Perspektiven sehen. Früher litt ich unglaublich darunter, doch heute freue ich mich, den Kampf voller Motivation aufzunehmen.» Um die Worte Xens nachvollziehen und die Ursache für seinen ewigen Kampf verstehen zu können, müssen wir einen Schritt zurück und einen Blick in seine Vergangenheit wagen, um daraus die enorm wichtige Rolle der Musik interpretieren zu können.

Bild: Wuiggi Pics

Mit sechs Jahren haben sich die Eltern von Klein-Xen getrennt und bald darauf verschwand dann seine Mutter. Familienangehörige kümmerten sich fortan um Xen und seinen Bruder. Zu seinem Bruder schaut er hinauf. Er sieht ihn als Vorbild und als Bindungsfigur. Die Probleme zuhause verwirrten den Jungen mental. Draussen bei seinen Kollegen auf dem Schulhof fühlte er sich besonders, denn seine Geschichte war anders, sein Denken war anders, ja, er fühlte sich anders als alle anderen. Damals begann der Kampf mit sich selber. Sie wohnten in einer abgefuckten Bude bei der Seebahnstrasse im Kreis 4 in Zürich, in welcher man noch mit Holz heizen musste, um die Nacht in Wärme verbringen zu können. In jener Zeit starb auch seine Cousine. «Ich habe extrem gelitten in dieser Zeit. Meine ganze Familie litt unter diesen Umständen», blickt Xen heute nachdenklich zurück. 

 Am Tag als 2Pac starb...

In derselben Bude im 5. Stock wohnte auch sein grosser Cousin. Er und Xens Bruder waren die grössten HipHop-Fans, trugen die breitesten Hosen und tanzten im Wohnzimmer. Kurz: Die Beiden waren voll auf diesem HipHop-Film hängengeblieben. Natürlich wollte Klein-Xen auch mitmachen, er wollte auch so sein wie seine zwei Vorbilder und kaufte er deshalb unter anderem die weite Kleidung nach. «Ich weiss noch genau, eines Tages im Jahr 1996 waren wir zusammen bei einem Kollegen im Zimmer. Auf jeden Fall haben wir uns dort zum ersten Mal den 2Pac-Clip «Changes» angeschaut. Und dies war für uns völlig crazy, denn in genau diesen Tagen starb Pac und die Medien waren voll mit News über den Todesfall.»

Pacs Beziehung mit dem HipHop ging in diesen Tagen zu Ende, während bei Klein-Xen ab dann alles begann. Der Sechsjährige stieg fortan immer wieder auf den Tisch in seinem Haus und fing an, für seinen Bruder und seinen Cousin auf Englisch zu rappen. «Natürlich konnte ich kein Wort Englisch, trotzdem hat es sich gereimt und wirklich geflowt. Ich rappte «Stanly, Manly to the Fandly, Brandly» – irgendwelches sinnloses Zeug habe ich da runter gerappt. Ich wusste nicht, wieso ich das tat, doch es machte mir einfach Freude.»

Im Alter von neun zogen sie nach Dietikon, und auf dem neuen Schulhausplatz machte sich der HipHopper Xen schon bald einen Namen, denn er fragte die älteren Jungs, ob sie Beatbox kennen. Die dachten natürlich, das wäre irgendeine neue Boxkampf-Art. Also zeigte der junge Bursche den sechs Jahre älteren Jugendlichen, wie das Beatboxen funktioniert. Klein-Xen hat den HipHop gefunden, und der HipHop Klein-Xen. 2Pac war der Erste und der Einzige. Für den Jungen war 2Pac ein Idol, eine ewige Legende, denn das Volumen in Pacs Stimme bescherte dem Jungen Gänsehaut. «Er konnte mir alles erzählen. Ihm habe ich einfach Glauben geschenkt.» Der HipHop war schon damals für Xen ein Schwert in seiner Hand im Kampf gegen sich selber. Und dies hat sich bis heute nicht geändert: Nur dank der Musik konnte er mit seiner Vergangenheit abschliessen und sich in einen neuen Lebensabschnitt wagen.

 Identifikationsfigur

19 Jahre später schenken junge Kids und Jugendliche dem grossen und selbstsicheren Xen Glauben. Durch das neue Album erstarkte eine Fan-Armee hinter dem Dietiker. Man kann sich mit ihm und seiner Geschichte identifizieren, denn man kommt aus ähnlichen Gegenden. Man motiviert sich täglich mit dem Volumen in seiner Stimme. Man findet sich in seiner Musik wieder. Und genau dies spürt auch Xen: «Nach dem Album habe ich schon gemerkt, wie viele Leute plötzlich meinen Sound abfeiern. Auf dem Bau habe ich letztens gerade einen neuen Lehrling kennengelernt, und er hat mir während dem «Znüni» Geschichten aus seinem Leben erzählt. Er sprach mit mir über seine stressige Zeit in der Lehre und von Problemen bei der Berufswahl und meinte zu mir, dass ihn Zeilen aus meinen Songs motiviert haben, weiterzumachen. Und dies finde ich schon enorm eindrücklich. Dass Zeilen aus meinen Songs Berufsleben retten können.»

Xen erklärt auch, dass er ständig versucht, der Jugend etwas auf den Weg zu geben in seinen Tracks. Zum Beispiel in seinem Song «Sandchaschte» gestaltet er dies lyrisch folgendermassen: «D' Jugend lebt nachem Yolo-Motto bis sie mit 18ni stärbät. Ich hoff, dass sie nur vo mim Sound abhängig wärdet, mal unabhängig wärdet, anstatt nur unanständig umähänget [...]» Er kritisiert den Yolo-Lifestyle, indem er ihnen die Nachwirkungen dieser Bewegung präsentiert. Er kiffe zwar selbst viel, doch seiner Meinung nach müsse sich das alles im Rahmen halten. Man brauche einen Job, ein Ziel vor Augen und muss sein Ding einfach durchziehen, erst dann darf man sich eine Tüte gönnen. Xen fühlt sich auch dazu berufen, seine Fans und die Jugend in seinen Songs fertigzumachen, um sie aufzuwecken und ihnen die Augen zu öffnen. 

Killuminati

Nicht nur Jugendprobleme werden auf dem Album behandelt, sondern es werden auch oft politisch unkorrekte systemkritische Statements in den Raum geworfen. «Ich muess ja fascht glaube, was am Mentig und Zischtig bis am Fritig i de Zitige staht. Drum fick uf de Staat!» Xen ist der Typ Mensch, der versucht, alles zu hinterfragen und nicht einfach blind den Wegweisern unserer Gesellschaft folgt. Er setzt sich mit Weltproblemen auseinander, frisst sich in Themen hinein und verstrickt sich in jenen Diskussionen mit Kollegen nächtelang in den Netzen der Unklarheit. 

«Ich bin aus Prinzip der Typ, der sich umdreht und die ganze Angelegenheit zuerst zu hinterfragen versucht.»

«Jeder macht im Laufe des Lebens seine eigenen Erfahrungen und entwickelt seine eigenen politischen Sichten, doch am Ende des Tages müssen wir schluss-endlich alle mitgehen. Man kann nicht viel verändern. Trotzdem renne ich lieber kämpfend in den Tod, als einfach in den Tod zu rennen. Das heisst, ich protestiere. Als Rapper habe ich die Chance bekommen, zu protestieren, und das mache ich auch. Ebenfalls versuche ich, kein kleiner Fisch zu sein, der gehemmt mit dem Strom mitschwimmt. Ich bin aus Prinzip der Typ, der sich umdreht und die ganze Angelegenheit zuerst zu hinterfragen versucht.»

Auch hier kommt Xen zurück auf seinen Kampf zu sprechen, denn er ist der Meinung, dass Menschen sich zuerst im Kampf gegen sich selber finden müssen, anstatt sofort den Idealen des TVs zu folgen, und erst dann fähig sind, sich für eine Richtung zu entscheiden. In seinem Kampf fand er die antipolitische Bestimmung, gegen die Verschwörung der Illuminati lyrisch anzukämpfen, deshalb gehört «Killuminati» auch zu seinen Lieblingswörtern: «Viele Leute fragen mich, was es mit diesem «Killuminati» auf sich hat. Ich schicke sie immer weg und sage: «Geh und befass dich einmal ein wenig mit diesem System. Vielleicht begreifst du's dann.» Denn betrachtet man dieses System aus anderen Perspektiven, merkt man, dass das Ganze insgeheim auch ganz anders ablaufen könnte.»

Niccolo Machiavelli

Auch in diesem Fall verrät Xen, dass er sehr von den Weltansichten von 2Pac inspiriert wurde, und sich deshalb auch eng mit dem Philosophen und Politiker Niccolo Machiavelli und dessen  Gesellschaftstheorien beschäftigt hat. Wenn dieser Idols-Inspirations-Kreislauf auch in nächster Zeit nicht unterbrochen wird, schreit vielleicht deshalb unsere nächste Generation, von einem Dietiker Rapper inspiriert, «Killuminati» durch die Gassen. Wer weiss.

«Uns stehen unendlich viele Türen offen für die Zukunft!»

Xen, der Gesellschaftskritiker, die Identifikationsfigur und der Sprachakrobat wirkte während dem Interview stets fokussiert und liess sich von seinem Sprachfluss leiten. Wenn die Sache Ernst wurde und das Thema den Rapper innerlich berührte, blitzte sofort das heisse Feuer in seinen Augen auf und es wurde mit den Fäusten auf den Tisch geschlagen. Man spürt seinen Drang, sich der Musikwelt zu offenbaren, jetzt, wo er die Perspektive während seines Kampfes ändern konnte. Jetzt, wo man ihn in der Musik-Branche als erfolgreichen Rapper respektieren muss. Denn jetzt liegt für den Dietiker und seine Jungs von «Physical Shock» noch viel mehr drin. Die Motivation ist da, er kann es kaum abwarten, die Rap-Fans mit einer weiteren Ladung guter Musik zu bombardieren. Lii steht auch zuversichtlich der Zukunft gegenüber: «Wir müssen in Zukunft daran arbeiten, unser Produkt besser zu verkaufen. Wir haben das erste Albumprojekt ohne Promo und ohne jegliche Aussenhilfe so erfolgreich abgeschlossen. Stell dir jetzt vor, wir würden das Ganze noch optimieren? Uns stehen unendlich viele Türen offen für die Zukunft!»

Das Physical Shock Logo.

Bald soll «Physical Shock» als offizielles Label gegründet und dort weitere Künstler unterstützt werden. Die Augen der ganzen Rap-Schweiz richten ihren Fokus immer mehr nach Dietikon. Dass die Augen auf Xen gerichtet sind, ist sich dieser gewohnt. Schon in seiner Kindheit wurde sein Werdegang Schritt für Schritt unter die Lupe genommen, deshalb wird er in der Zwischenzeit bis zu seinem zweiten Release kein Grad Coolness verlieren. Xen wird weiterhin die Blicke auf sich ziehen und wohl noch sehr bald die Schweiz mit neuem Stuff überraschen. Bis dahin setzt er sein Lächeln auf, tanzt zum Rhythmus und rappt «locka easy».

Text: Elia Binelli

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