Lasst uns mal über Mental Health und Rap sprechen!
Friday
,
9
.
September
2020

Kolumne

Lasst uns mal über Mental Health und Rap sprechen!

Friday
,
18
.
September
2020

Kolumne

Lasst uns mal über Mental Health und Rap sprechen!

Julia Tverskaya
Profil anzeigen
Lasst uns mal über Mental Health und Rap sprechen!
Quelle:
Sobald von komplexen Gefühlen und Sorgen gesprochen wird, stellt die Gesellschaft auf stumm. Wie diverse Ereignisse zeigten, könnte man behaupten, dass auch Rap ein Problem im Umgang mit psychischer Gesundheit hat. Eine Kultur auf der Überholspur und trotzdem scheint es bei dieser Thematik an Toleranz und Sensibilisierung zu mangeln.

Die Thematik rund um psychische Gesundheit ist heikel und schwierig. Gebunden an viele Faktoren und Einflüsse greift man im Umgang damit oft auf Vorurteile und Klischees zurück – oder man ignoriert komplett. Dieses Verhalten macht auch vor dem HipHop-Genre keinen Halt. Stärke und Härte dominieren die Kultur nach wie vor, für Verletzlichkeit gibt es kaum Platz. Paradoxerweise gibt es kaum ein anderes musikalisches Genre, das in seiner Lyrik und Präsenz die Thematik und die daran gebundenen Folgen so stark widerspiegelt. So stellt sich die Frage, ob es auch in seiner Verantwortung liegt Sensibilisierungsarbeit zu leisten.

Geleitet von Dominanz, Konkurrenzdenken und einer veralteten Wahrnehmung von Männlichkeit schuf Rap lange keinen geschützten Raum, um über psychische Gesundheit sprechen zu können, ohne dabei als «schwach» abgestempelt zu werden. Rap und Mental Health stellen in der Wahrnehmung der Gesellschaft immer noch zwei Gegensätze dar.

Er lieferte den Medien und der Masse die perfekte Steilvorlage, um daraus mediale Sensationen zu kreieren, ohne dass sie sich einer Verantwortung in ihren Handlungsweisen bewusst gewesen wären.

Mehrere Akteure äusserten sich bereits kritisch gegenüber der Darstellung und Stigmatisierung innerhalb der eigenen Community. DJ Akademiks erklärte treffend, dass das Thema psychische Gesundheit im Rap oftmals unbeachtet bleibt. Der Grund dafür sei, dass man im Hip-Hop psychische Erkrankungen gar nicht ernst nehmen würde.

Die präsentesten Beispiele, die den Umgang mit dem Thema visualisieren, sind die Berichterstattungen und die Reaktionen rund um Kanye West. Seien es seine Ankündigung, dass er für die Präsidentschaft kandidiert, oder seine berühmten Reden im 2018 oder 2020. Er lieferte den Medien und der Masse die perfekte Steilvorlage, um daraus mediale Sensationen zu kreieren, ohne dass sie sich einer Verantwortung in ihren Handlungsweisen bewusst gewesen wären. Die Medienplattformen bezeichneten West als grössenwahnsinnig, irrational oder gar dumm. Sein Verhalten wurde als schockierend, wahnhaft und irritierend indexiert. Auch innerhalb der Community stösst West mit seinem Auftreten auf Kopfschütteln, Spott und eine generell ablehnende Handlung.

Dabei setzen sich die wenigsten mit der Tatsache auseinander, dass Kanye unter einer diagnostizierten bipolaren Störung leidet und, dass die Annahme bestünde, dass er sich zu den besagten Zeitpunkten in einer manischen Phase befand.

Auch beim neusten Fall überwiegt Ablehnung gegenüber Kanye:

[artikel=1]

So erklärt die Psychologin Dr. Tracey Marks im «Genius»-Video «How should we talk about Kanye’s Bipolar Disorder?», dass eine bipolare Störung aus zwei Komponenten besteht – einer Depression und einer Manie. Menschen, die sich in einer manischen Phase befinden, neigen oftmals zu überspitzten Verhaltensweisen, wie sich auch im Beispiel von Kanye West zeige - eine plausible Erklärung für sein Verhalten.

Eine weitere Stigmatisierung, die in Bezug auf psychische Gesundheit besteht, ist die Kausalität zwischen psychischen Erkrankungen und dem Missbrauch von Substanzen - und den schwerwiegenden Folgen daraus.
Natürlich kann man so weit gehen und darüber sprechen, dass einer der Gründe, wieso Drogen und Rap so nah beieinanderstehen, der Coolness-Faktor ist. Allerdings ist nicht jede Art des Konsumierens an einen Drang der Selbstdarstellung gebunden.

Die Thematik rund um psychische Gesundheit ist heikel und schwierig. Gebunden an viele Faktoren und Einflüsse greift man im Umgang damit oft auf Vorurteile und Klischees zurück. Oder man ignoriert es komplett.

Vor genau 2 Jahren erschütterte der Tod des Ausnahmekünstlers Mac Miller die Welt. Miller, der immer wieder betonte unter schwerer Depression zu leiden, erklärte in dem Interview mit Larry King, dass der Fame dazu beigetragen hätte, dass er überhaupt in seinen «State of Mind» reingerutscht ist. Um dem Gefängnis in seinem Kopf entfliehen zu können, wählte er Drogen als seinen Bewältigungsmechanismus.

Diverse Medien berichteten über die Jahre hinweg über seine Drogensucht, als wäre es in seiner Verantwortung mit seinem Leiden klar zu kommen und gleichzeitig darauf zu achten seiner Vorbildfunktion nachzukommen. Eine aufklärende und reflektierte Auseinandersetzung mit der Thematik fand in den meisten Berichterstattungen kaum statt.

Anstelle einer Sensibilisierung nach seinem Tod, in Bezug auf den Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Suchverhalten, verwies man in den Medien und der Szene lieber darauf, dass seine Ex-Partnerin Ariana Grande eine indirekte Mitschuld am Ableben des Künstlers trug. Auch hier setzte man auf Sensationen anstelle qualitativer und informativer Berichtserstattung.

Geleitet von Dominanz, Konkurrenzdenken und einer veralteten Wahrnehmung von Männlichkeit schuf Rap lange keinen geschützten Raum für die Wichtigkeit über psychische Gesundheit zu sprechen, ohne dabei als «schwach» abgestempelt zu werden.

Der jahrelange unreflektierte und stark stigmatisierte Umgang mit psychischer Gesundheit im Rap stiess trotz aller Zweifel eine Welle an, in der sich diverse Akteure aus der Szene zu Wort meldeten – und bereit waren über ihre Geschichte und Erfahrungen mit psychischen Konditionen zu sprechen.

Als Kid Cudi 2016 auf Facebook bekannt gab, sich selbst in eine Klinik eingewiesen zu haben, nahm er sich gleichzeitig die Zeit seine Struggles mit Depressionen in Worte zu fassen. Er erklärte in sehr verständlicher und treffender Sprache, wie es sich anfühlt unter depressiven Zuständen zu leiden und welche Auswirkungen es auf einen selber und das Umfeld hat.
Trotz des geschmacklosen Fronts seitens Drake, der den Künstler auf dem Track «Two Birds, One Stone» zu degradieren versuchte, setzte Kid Cudi einen Meilenstein in Bezug auf die offene Gesprächsführung rund um Depressionen. Die Reaktionen auf den Post bestanden zum Grossteil von ermutigten Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen in den Kommentaren teilten und dem Rapper viel Kraft wünschten.

Über die eigene psychische Kondition zu sprechen bedeutet sich aufs Neue mit den Auslösern und allfälligen Traumata auseinanderzusetzen.

Seither setzt sich Cudi für eine offene und sensibilisierte Wahrnehmung in Bezug auf Depressionen ein. Sei es mit einem Auftritt bei der berühmten Talk-Show «Red Table Talk» von Jada Pinkett Smith oder mit einer Erwähnung des Rappers in einem Psychologie-Lehrbuch.

Ein weiterer grosser Pionier in Sachen Sensibilisierung ist Kendrick Lamar. Er wurde bereits als der «street poet of mental health» bezeichnet, denn gefühlt all seine Song thematisieren die mentale Innenwelt des Musikers. Lamar, dessen es Stärke ist, treffende, gesellschaftskritische Texte verfassen zu können, wies mehrmals darauf hin, dass auch die altmodischen Attribute der Männlichkeit erschwerten, dass Männer offen über die Problematik sprechen würden. Es würde darauf hinauslaufen, dass der Umgang mit Schmerz und Leid einer toxischen Natur zugrunde liegt. Er fügt hinzu «I am a voice for everybody who can’t talk like that. Who can’t put his words together and express them.»

Auch in der deutschen Rap-Szene finden sich Akteure, die sich für die Sensibilisierung von psychischen Erkrankungen einsetzen. Allen voran die deutsch Musikjournalistin Miriam Davoudvandi, die bereits für Juice, Spex und Backspin geschrieben hat. Miriam leidet selber seit Jahren unter Depressionen und setzt sich auf Social Media stark dafür ein, dass psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr sein sollten. Sie kritisiert Medien, fordert eine aufklärende und offene Diskussion und spricht über ihre eigene Erfahrung.

Ihr Engagement greift so weit, dass sie vor wenigen Monaten einen eigenen Podcast mit dem Namen «Danke, Gut.» lancierte. Davoudvandi lädt alle zwei Wochen Gäste ein, um mit ihnen über alles, was mit mental health zu tun hat, zu sprechen. Der Fokus bleibt auf den jeweiligen Erfahrungen der Gesprächspartner.

So dankbar man Menschen auch sein mag, dass sie bereit sind, um in der Öffentlichkeit Aufklärarbeit zu leisten. Sollte dies keine Selbstverständlichkeit darstellen. Über die eigene psychische Kondition zu sprechen, bedeutet sich aufs Neue mit den Auslösern und allfälligen Traumata auseinanderzusetzen. Was in den meisten Fällen ermüdend und triggernd sein kann. Vielmehr müssen Medien eine klare Verantwortungsrolle einnehmen, wie sie zukünftig über psychische Erkrankungen berichten. Sie müssen sich zur Aufgabe machen, Aufklärungsarbeit zu leisten und zur Sensibilisierung beizutragen. Wörter und Bilder prägen unsere Gesellschaft. Rollen und Assoziierungen, die dadurch entstehen, brennen sich in unsere Köpfe und werden über Generationen weiter getragen. Denn gerade durch ein starkes Umdenken und Reflektieren müssen wir vielleicht zukünftig nicht mehr Wegschauen oder Weghören. Schliesslich sind am Ende des Tages die meisten von uns direkt oder indirekt von der Thematik betroffen.
Es ist an der Zeit zu verstehen, dass alle Menschen gleichwertig sind – unabhängig von ihrer psychischen oder körperlichen Gesundheit. Einige brauchen vielleicht nur etwas mehr Support, aber wer braucht das schon nicht?

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren

Weitere Artikel

mehr anzeigen
No items found.